«Im Online muss man nicht so sorgfältig sein wie im Print»

Zukunft der Medien - Nach 19 Jahren als Geschäftsführer der Interessensgemeinschaft Elektronische Medien geht Ueli Custer in Pension. Im Interview erklärt er, was in diesem Zeitraum die Schweizer Medienlandschaft am stärksten geprägt hat. Zudem sagt der Medienexperte, was die Tamedia zurzeit besser mache als die anderen Verlage.

von Tim Frei

Herr Custer*, was hat Sie in all den Jahren angetrieben?
Mein Interesse für Medien. Diese waren mir in die Wiege gelegt worden. So gibt es beispielsweise ein Foto von mir im Kinderwagen mit einer Zeitung vor meiner Nase (lacht).

Wie entstand daraus ein grösseres Interesse?
Ich bin mit Zeitungen gross geworden – wir waren eine absolute Zeitungs-Freak-Familie: Damals lagen vier Tageszeitungen auf unserem Esstisch – einerseits jene drei, die in St. Gallen erschienen waren. Andererseits die «Tat» der Migros, da sich meine Eltern politisch im Landesring der Unabhängigen engagierten. Ausserdem war meine Mutter nebenbei auch journalistisch für den «Wir Brückenbauer» (Anm. d. Red.: Vorgänger des «Migros-Magazins») tätig.

Wenn Sie auf die letzten 20 Jahre zurückblicken: Was war die markanteste Veränderung in der Schweizer Medienlandschaft?
Am eindrücklichsten war der Weg zum Privatfernsehen: In den 90er-Jahren bezweifelte man stark, ob ein privates Fernsehen in der Deutschschweiz überhaupt realisierbar wäre – obwohl es mit Star TV von Paul Grau seit 1995 und bis heute einen privaten TV-Sender gab und gibt. Diese Ansicht verfestigte sich, nachdem TV3 und Tele24 gescheitert waren. Das galt damals als Beweis, dass es nicht funktioniert. Unterdessen gibt es viele Schweizer Privatfernsehsender – nicht zuletzt jene von Dominik Kaiser. Er ist das beste Beispiel dafür, dass es auch im grösseren Stil klappen kann. Er betonte immer, er habe beobachtet, welche Fehler TV3 gemacht habe, um diese dann zu vermeiden. Man kann also sagen: Dieses verlustreiche TV3-Kapitel der Tamedia war nötig, um dem Privatfernsehen zum Durchbruch zu verhelfen.

Was hat sich im Journalismus am meisten verändert in dieser Zeit?
Einerseits beobachte ich eine immer stärkere Fokussierung auf agierende Menschen. Andererseits stelle ich zwangsläufig eine zunehmende Oberflächlichkeit in der Berichterstattung fest. Allerdings verlief Letzteres bei den Zeitungen nicht linear – bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 verbesserte sich die Situation sogar. Die darauf folgenden Sparprogramme in den Verlagen haben aber dazu geführt, dass die «armen» Journalisten kaum mehr Zeit für eine gründliche Recherche haben. Sorgfältig recherchierte Artikel sind eher die Ausnahme.

Die Qualität hat also gelitten?
Ganz eindeutig! Über Themen, bei denen ich mich auskenne, lese ich viel Unsinn. Ich merke dann, dass sich ein Autor mit einer Thematik befassen musste, ohne über ein Hintergrundwissen zu verfügen. Dabei werden jeweils Informationen präsentiert, ohne Zusammenhänge herstellen zu können.

Wie beurteilen Sie die Qualität zwischen Print und Online?
In meiner Berufstätigkeit habe ich gelernt, dass im Print die Maxime «gedruckt ist gedruckt» gilt. Im Online hingegen können immer Korrekturen vorgenommen werden. Deshalb muss man online nicht so sorgfältig vorgehen wie im Print.

Baz-Verleger und -Chefredaktor Markus Somm bezweifelt, ob es den Print in 30 Jahren noch gibt (persoenlich.com berichtete). Teilen Sie seine Ansicht?
Meine Erfahrung lehrt mich, dass es nicht ganz so schlimm ist. Es stellt sich aber die Frage, ob der Print weiter finanziert werden kann. Die Auflage- und Verkaufszahlen werden sicher kontinuierlich sinken. Die Crux ist: Jene Leute, die weiter eine gedruckte Zeitung lesen wollen, werden rarer. Diese sind aber gleichzeitig anspruchsvoller. Bisher ist es keinem Medienhaus gelungen, gute redaktionelle Leistungen bei abnehmenden Werbeeinnahmen zu bieten. Es gibt viele Ansätze, die «Republik» ist einer davon. Bei allem finanziellen Erfolg, den das Start-up hat – dieses ist ein Baustein, aber nicht die Rettung der Presse.

Was halten Sie von der «Republik»?
Am Crowdfunding habe ich mich nicht beteiligt, da ich eher skeptisch bin. Constantin Seibt ist ein brillianter Journalist – insbesondere seine Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge in einfacher Sprache wiederzugeben, und seine Formulierungen sind Extraklasse. Aber ich befürchte, dass die Onlinepublikation zu einseitig links gefärbt sein wird. Davon halte ich grundsätzlich nichts: Medien sollten offen für verschiedene Meinungen sein. Sollte ich mich diesbezüglich täuschen, kann die «Republik» auf mich als Leser zählen.

In der Branche ist man sich einig: Ein Geschäftsmodell, um mit der digitalen Transformation zurechtzukommen, fehlt. Was raten Sie als Medienexperte?
Ich masse mir nicht an, eine Lösung zu haben. Mir ist das Dilemma der Medienhäuser bewusst. Zum Glück bin ich nicht in einem Verlag tätig und muss dieses Problem lösen. Alle Personen in dieser Position tun mir leid – die geben ihr Bestes! Vorläufig sehen diese Geschäftsmodelle gut aus; zumindest bei der Tamedia. Aber die anderen Medienunternehmen werden wahrscheinlich nicht mehr lange schwarze Zahlen schreiben. Ich bin froh, kann ich mich langsam zurückziehen und mich auf die Rolle des Beobachters fokussieren.

Was macht denn Tamedia so viel besser als die anderen Medienhäuser?
Das kann ich auch nicht genau sagen. Tamedia hat offensichtlich das richtige Gespür: Sie war Ende der 90er-Jahre in einer heute unvorstellbaren Situation und wusste nicht, wo die Einnahmen aus den gedruckten Stellenanzeigen investiert werden sollten. Jetzt ist es dem Medienhaus aber gelungen, digital ein rentables Rubrikengeschäft zu betreiben. Es besteht allerdings ein Klumpenrisiko. Für mich stellt sich die Frage, wie lange interne Quersubventionen abgelehnt werden. Langfristig kann der Verlag wohl nicht ohne diese auskommen. Ihm steht zwar genug Geld zur Verfügung, aber wenn dieses restriktiv auf die einzelnen Bereiche aufgeteilt wird, könnte es künftig ebenfalls eng werden.

Die Medien sollen in einer Krise sein. Wo liegt das Problem?
Eine Demokratie benötigt starke Medien, welche das Geschehen aus allen Blickwinkeln beleuchten. Eine einigermassen vielfältige Medienlandschaft ist durchaus wichtig. Deren Bedeutung wird aber überschätzt, gibt es doch nicht so viele Doppelleser unter den Tageszeitungen. Mit dem «Blick», dem «Tages-Anzeiger» und der «Neuen Zürcher Zeitung» gibt es drei grosse und unterschiedlich ausgerichtete Zeitungen. Das Problem ist, dass die Medien von gewinnstrebenden Verlagen herausgegeben werden.

Braucht es staatliche Subventionen?
Es gibt Beispiele wie Schweden oder Österreich. Aber ich habe noch nie gehört, dass diese ein durchschlagender Erfolg sind oder dass eine Trendwende entstanden ist. Staatliche Finanzierung schätze ich im Medienbereich als sehr heikel ein. Eventuell kann man Dinge im Hintergrund unterstützen. Aber die Schweizer Verlage haben es bekanntlich nicht einmal für nötig gehalten, eine gemeinsame Abonnementen-Administration einzurichten – nach dem Vorbild der Ärztekasse. Das wäre grundsätzlich möglich. 

Wie stellen Sie sich eine solche Abo-Administration vor?
Ziel müsste es sein, eine Instanz zu schaffen, die sich um die Abo-Rechnungen aller Zeitungen kümmert. Das wäre völlig unpolitisch. Dass solche Lösungen nicht in Frage gekommen sind, verdeutlicht: Dermassen gross kann der Kostendruck eigentlich nicht sein. Will man bei staatlicher Unterstützung ansetzen, würde sich dieser Bereich anbieten. Die reduzierten Posttarife sind ein erster Schritt. Darum müsste sich aber nicht die Post, sondern der Staat kümmern. So könnte er zeigen, dass ihm etwas an einer vielfältigen Medienlandschaft liegt.

Was spricht gegen staatliche Medienförderung?
Sobald diese an Leistungskriterien wie die journalistische Qualität geknüpft wird, ist das problematisch. Denn: Wer definiert dann diese Qualität? Ein Bundesbeamter? Und wer würde evaluieren, ob ein Artikel dieser entsprechen würde? Das wäre hoffnungslos. Man könnte die Mittel nur allen Medien oder keinem Medium geben. 

Verleger monieren, staatliche Unterstützung würde die Unabhängigkeit der Medien untergraben.
Dem stimme ich zu. Medien müssen den Staat weiterhin kritisch beobachten können. Wenn diese alle Aktionen amtlicher Stellen goutieren sollen, braucht es die Medien gar nicht mehr.

Müssten Verleger in dieser Angelegenheit mehr Diskussionsbereitschaft signalisieren?
Absolut. Sobald die Wörter «staatliche Unterstützung» und «Förderung» ertönen, ziehen die Verleger eine Mauer hoch und zeigen sich nicht diskussionsbereit. Für meinen Eindruck wird hier zu kompromisslos agiert.

Werden Sie sich weiter engagieren?
Als freier Mitarbeiter der Publicom werde ich mein über die Jahre aufgebautes Know-how für den «Medien Vielfalt Monitor» einbringen, den die Publicom im Auftrag des Bakom entwickelt. Für die Lauterkeitskommission übe ich ebenfalls ein Mandat aus. Ausserdem werde ich politisch weiter für die CVP des Kantons Solothurn aktiv sein.


Ueli Custer* hat seit Ende der 80er-Jahre bis im Sommer 2016 für die Fachzeitschrift Media Trend Journal gearbeitet und dabei die Entwicklungen im Leser-, Zuschauer- und Hörermarkt sowie die Trends im Werbemarkt untersucht. Bis 2015 hat der heute 68-Jährige jedes Jahr eine Karte mit den Verflechtungen und den Besitzverhältnissen in der schweizerischen Medienlandschaft erarbeitet, die der Publikation beigelegt wurde. Er amtete ausserdem seit der Gründung der Interessensgemeinschaft Elektronische Medien (IGEM) für 19 Jahre als deren Geschäftsführer. Zudem ist er seit über 10 Jahren im Vorstand der CVP des Kantons Solothurn aktiv.