"In den 50ern fürchtete man den Rock n' Roll, in den 60ern den Comic"

Fumetto - Beim Begriff Comics denkt so mancher schnell an abgegriffene "Lucky Luke"-Heftchen als WC-Lektüre oder die ersten Leseversuche im Kindsalter. Dass Comics aber eine weitaus grössere Bedeutung haben, beweist Fumetto, das Internationale Comix-Festival Luzern, seit zwanzig Jahren. Am Freitag, 16. März 2013 startet bereits die 22. Fumetto-Edition und dauert bis am Sonntag, 24. März. persoenlich.com hat sich mit Marta Nawrocka, der Co-Organisatorin und Leiterin Kommunikation und Marketing, über die Rolle des Comics in Journalismus und Werbung, über das Comeback der gezeichneten Werbeplakate und über die Zeichnungen als Zeitungs-Lückenbüsser und Tabubrecher unterhalten.

Frau Nawrocka, ganz schnell: Tintin, Micky Mouse oder Pokemon?
Tintin.

Weshalb Tintin?
Eigentlich ist er viel zu brav, er prägte jedoch einige meiner Lieblingskünstler stark und liess sie grossartige Kunst machen.

Comic ist Kunstform, die in Bildern, teilweise mit Text, Geschichten erzählt und Botschaften transportiert. Kann man Comic als visuelle Literatur bezeichnen?
Durchaus – dies wird vor allem bei der Graphic Novel deutlich. Es gibt jedoch auch Comics, welche nicht unbedingt nur durch die sequentielle Abfolge von Panels, von Zeichnung und Text narrativ sind. Oder welche, die einzig durch das Wirken von Bildern eher die Bildende Kunst, statt die Literatur, streifen.

Wie nahe stehen sich Comic und Journalismus?
Dadurch, dass das Medium Comic ausgezeichnet dazu geeignet ist, Geschichten zu erzählen, ist es auch ein gutes Reportagemedium. Die Comicreportage ist seit circa zehn Jahren ein Trend, welcher vor wenigen Jahren seinen Höhepunkt erreicht hat und somit seinen festen Platz als Comicform in der Szene erlangt hat. Bekannte Exponenten der Comicreportage sind z.B. Joe Sacco oder Emmanuel Guibert.

Comic von Joe Sacco im "The Guardian".

Comic von Emmanuel Guibert im "Tagesspiegel".

In den meisten Zeitungen kommt Comic nur am Rande vor, als nette kleine Auflockerung zwischen Sudoku und Kreuzworträtsel, etwa als Episoden von "Calvin and Hobbes“ oder "John Twenty". Was halten Sie von dieser Art Comic?
Diese Comics würden wohl nicht in einer Hauptausstellung am Fumetto gezeigt werden, da die kuratorischen Schwerpunkte des Festivals woanders liegen. Jedoch darf man nicht vergessen, dass der in Zeitungen abgebildete Comic ein Klassiker ist und zum Medium gehört, wie die Sprechblase. Die Kunstform Comic erlangte ja zunächst Bekanntheit durch Abdrucke in der englischsprachigen Yellow Press.

Warum ist der Comic in den Medien dennoch eher ein Lückenbüsser, denn eine ernstgenommene Form der Informationsvermittlung?
Das ist vor allem bedingt durch kulturelle Unterschiede und die konsumierenden Generationen. Schauen wir Europa an: In Frankreich und in Belgien sind Comics fast in jedem Haushalt als Teil des kulturellen Gutes zu finden – im deutschsprachigen Raum verfolgen nach wie vor kindliche, juvenile Vorurteile die Kunstform. Zudem war der Comic ab den 60er/70er Jahren ein freies Medium, welches viele Tabus behandelte. Man kann es fast mit der Angst der Eltern vor dem Rock’n’Roll in den 50er Jahren vergleichen.

Also gibt es Medien, die den Comic bewusst und erfolgreich inszenieren.
Ja, Sachcomics sind etwa ein Phänomen, welches zunimmt. Es gibt oft pädagogische, präventive oder informative Comics. Das Medium hat einen geringen Schwellenwert und wird somit auch gerne gelesen – auch als Abwechslung zu Textblöcken. Nach wie vor werden Comics auch in Zeitungen und Magazinen eingesetzt, manchmal sogar in sehr seriöser journalistischer Form, womit wir wieder bei Comicreportagen wären.

Ist denn auch die Karikatur, als visuelles Satire-Stilmittel, dem Comic zuzuordnen?
Der Comic ist ein durchlässiges Medium – die Karikatur ist jedoch durch ihre Form als einzelnes Bild ohne sequentielle Abfolge streng genommen kein Comic. Oder andersherum: Man findet karikaturenähnliche Elemente in Comics, eine einzelne Karikatur ist jedoch noch kein Comic. Die Karikatur hat weltweit ihren fixen Platz in der Medienlandschaft. Sie schafft auch Grosses: Sie stellt einen komplizierten, meist politischen Sachverhalt in nur einem Bild dar und enthüllt gleichzeitig dessen Absurdität.

Wenn man an die Werbung der früheren Zeiten zurückdenkt, kommen einem nostalgische, gezeichnete Werbeplakate in den Sinn. Vergleicht man die heutige Werbung mit der von früher, so haben Zeichnungen wesentlich an Bedeutung verloren.
Ich denke, das ist eine Frage von Trends, der technischen Entwicklung und der Dominanz der Fotografie. Es sind jedoch bereits Retro-Trends in diesem Bereich zu bemerken, man möge sich an das diesjährige Plakat des Genfer Autosalons erinnern. Dadurch, dass die Illustration immer noch ein von Zeichnern dominiertes Feld ist, ist der Nutzen der Zeichnung in den Massenmedien jedoch noch stark vorhanden.

Dieses Plakat wirbt für den Auto-Salon 2013.

 

Welchen Vorteil haben Zeichnungen als Informationsmittel im Vergleich zu Fotografien?
Ich würde weniger von Vorteilen sprechen, als von Nutzen. Firmen wollen ihre Produkte möglichst realitätsnah darstellen. Ein gezeichnetes Auto spricht in ganz anderen Codes, als ein fotografiertes. Kulturelle Angebote jedoch greifen der Ästhetik wegen nach wie vor stark auf Gestaltung zurück.

Kennen Sie gelungene und bekannte Comic-Beispiele aus der Werbung?
Künstler, welche man am Fumetto antrifft, fokussieren nebst ihren freien Arbeiten auf Illustration, Plakatgestaltung und Werbung aus Einzelbildern. Die Mehrzahl der Künstler könnte ohne diese freien Arbeiten gar nicht überleben. Mir gefallen klassische, retrospektive Zeichnungen wie zum Beispiel jene von Jacques Loustal. Ein Beispiel mit wenig Bezug zu Fumetto aus Frankreich, sind Asterix und Obelix, welche für McDonalds werben.

Somit trifft man auch Künstler des Fumetto, bzw. ihre Arbeiten, ausserhalb der Kunstszene an.
Ja, etwa die Comicreportage im Auftrag von Médecins Sans Frontières, ein aus Fumetto entstandenes Projekt. Oder Joseph Conrad im Kongo als Comicfigur, gezeichnet von Tom Tirabosco (Fumetto2012) für die Revue Xxi.

Ihr Festival Fumetto existiert seit 20 Jahren – mit Erfolg. Wieviel hat das Fumetto in der Schweiz dazu beigetragen, den Comic bekannter und anerkannter zu machen?
2013 findet die 22. Edition von Fumetto statt. Nebst unserem Ausstellungsprogramm ist Lobbying für die Kunstform Comic ein Teil des Auftrages des Festivals. Allein die Tatsache, dass Fumetto zu einem Grossanlass wachsen konnte, zeigt die zunehmende Akzeptanz und die Nachfrage in der Schweiz. Fumetto hat bereits Generationen von Besuchern und Zeichnerinnen gesehen, welche verschiedentlich beeinflusst waren. Wir möchten vermehrt auch die breite Bevölkerung mit unserem Programm ansprechen – da zeigen uns die Besucherzahlen, welche sich seit wenigen Jahren auf 50'000 pro Jahr eingependelt haben, dass das Interesse gewachsen ist. Aber auch hier spürt man Trends, welche mit einem allgemeinen Kulturverständnis einhergehen. Kommerzielle Kinofilme der letzten Jahre wie Fantastic Four, The Avengers oder Iron Man haben die Aufmerksamkeit für Comics – und dessen "Coolness" – gestärkt.

Weshalb sollte der Besucher das Fumetto auf keinen Fall verpassen?
Weil Fumetto eine geballte visuelle Ladung ist, welche vom klassischen Comic bis hin zur Bildenden Kunst reicht. Und weil das Festival mit seinen Performances, Aktionen und Rahmenprogramm unglaublich lebendig ist.

Fumetto 2013: Comic von Lamia Ziade aus dem Al-Comix al-Arabi des Fumetto Luzern 2013.

 

Fumetto 2013: Comic "Willkommen im Land der Frühaufsteher" von Paula Bulling.

 

Fumetto 2013: Comic "Le miroir de mowgli" von Olivier Schrauwen.

 

Fumetto 2013: Comic von Ward Zwart.

Weitere Infos zum Fumetto Comix-Festival: www.fumetto.ch

Interview: Claudia Thöny
Bilder: Fumetto/Autosalon Genf