"In den Zeitungen wird viel zu viel über das Elend der Zeitungen geklagt"

- Nach 15 Jahren tritt Gottlieb F. Höpli, 64, als Chefredaktor des "St.Galler Tagblatts" zurück. Noch allerdings ist es nicht ganz so weit: Erst schliesst er den Umbau seiner Redaktion ab und unterzieht das Ostschweizer Regionalblatt einer Renovation. Im Interview mit "persoenlich.com" sagt Höpli, weshalb in seiner Redaktion die Ressortgrenzen fallen, erklärt, warum er nicht vor "20 Minuten" zittert und spricht über die lästige Gewohnheit der Medien, permanent ihr eigenes Schicksal zu beklagen.

Herr Höpli, Sie verlassen das "St.Galler Tagblatt", sobald sie das Projekt "Tagblatt 2008" abgeschlossen haben. Ist die Erneuerung der Zeitung auf so gutem Wege, dass Sie im Frühjahr guten Gewissens zurücktreten können?

Das hoffe ich doch sehr. Das "Tagblatt" wird auch nach meinem Rücktritt kein Schiff ohne Steuer sein. Mein Nachfolger Philipp Landmark kommt aus dem Haus und ist in das Projekt eng involviert.

Trotzdem: Wie sehr ist das neue "St.Galler Tagblatt" Ihr Kind?

Das "St.Galler Tagblatt" ist ja keine Zeitung, die in den letzten 20 Jahren stillgestanden ist – und plötzlich wird nun alles auf den Kopf gestellt. Der Anstoss zur Erneuerung kam diesmal eher vom Bedürfnis her, die redaktionelle Arbeit grundsätzlich neu zu organisieren. Diese funktionierte in allen Zeitungen seit Jahrzehnten immer gleich: Es gibt die einzelnen Ressorts, und die produzieren ihre Seiten mehr oder weniger autonom. Doch das Geschehen auf der Welt wird komplexer und durchlässiger – und damit auch das Geschehen auf der Redaktion. Der Aufteilung in Ressorts haftet deshalb etwas Anachronistisches an – darum heben wir diese auf. Das Herz der Erneuerung ist unser Newsroom, den wir für eine halbe Million Franken aufbauen.

Wie weit ist der Umbau schon gediehen?

Der Newsroom ist nahezu betriebsbereit. Wir werden im September noch das bisherige "Tagblatt" produzieren und uns an die neuen Produktionsbedingungen gewöhnen. Am 1. Oktober geht es dann mit dem neuen "Tagblatt" los.

Newsroom klingt gut – doch was hat der Leser davon?

Es war immer meine Devise, dass bei einer technisch-organisatorischen Neuerung auch der Leser profitieren muss. Sonst macht es keinen Sinn. Es wird bedeutende Neuerungen geben, was die Blattarchitektur betrifft, und etwas weniger grosse im Erscheinungsbild. Wir wollen aber unseren Lesern nicht ein völlig neues Blatt um die Ohren schlagen.

Sie haben immer wieder einer Sonntagsausgabe geliebäugelt, das Projekt aber im Gegensatz zu Ihren Kollegen in der Zentralschweiz nicht realisiert. Warum klappte es nicht?

Das hat stark mit dem Umbau des Tagblatts zu tun (Newsdesk, Integration der neuen Online-Redaktion, Zeitungsarchitektur). Auf ein solches Projekt noch die Lancierung einer neuen Sonntagsausgabe draufzupacken, das hielt die Geschäftsleitung für zuviel. Die Idee einer siebten Ausgabe landet jedoch nicht im Papierkorb. Wir werden im nächsten Jahr entscheiden, ob wir eine Sonntagsausgabe lancieren wollen.

Wie hat sich das "St.Galler Tagblatt" verändert, seit sie vor 15 Jahren das Amt des Chefredaktors übernahmen?

Die Zeitung wurde visueller und schneller. Wir müssen heute viel stärker darauf achten, den Leser mit visuellen Reizen zum Lesen zu animieren. In textlicher Hinsicht heisst Schnelligkeit auch, dass die Redaktoren ihre Geschichten rascher auf den Punkt bringen. Früher hat ein guter Schreiber seine Pointen im Text wie Ostereier verstecken können. Heute bläue ich meinen Redaktionskollegen ein, dass das Zeitunglesen keine Ostereiersuche sei.

Wie sehr hat der Einzug von "20 Minuten" diese Beschleunigung herbeigeführt?

Wir zittern nicht vor "20 Minuten". Die Gratisblätter sind Folge, nicht Ursprung der Fastfood-Mentalität vieler Medienkonsumenten. Viele neue Verbreitungskanäle wetteifern untereinander um die Aufmerksamkeit der Konsumenten. Entscheidend sind dabei die Geschwindigkeit und Attraktivität der Informationen.

Die höhere Geschwindigkeit geht oft auf Kosten der Qualität.

Richtig. Aber eine Zeitung, die nur geschwind sein will, macht sich auf die Dauer überflüssig. Diese Maxime gilt auch für das neue "Tagblatt", das wir nach dem Vorbild angelsächsischer Zeitungen umbauen. Der gute Mix zwischen der präzisen, schnellen Information und der Reflexion macht die gute Zeitung aus.

Sie sind ein Journalist alter Schule. Da müssen Sie doch die Entwicklung hin zu mehr Geschwindigkeit und weniger Qualität beklagen!

Nein. Ich bin kein Kulturpessimist. Ich finde ohnehin, dass in den Zeitungen viel zu viel über das Elend der Zeitungen geklagt wird. Ich war gestern in einem CD-Laden: Wäre der CD-Laden eine Zeitung, würden die von Morgen bis Abend ein einziges Trauerlied anstimmen. Das tun sie aber nicht, obwohl in ihrer Branche die Verkäufe in einem katastrophalen Masse eingebrochen sind. Die Zeitungsleute haben die Gewohnheit, permanent ihr eigenes Schicksal zu beklagen und das Ende ihrer Existenz herbeizureden.

Ist auch die Klage unberechtigt, dass der Konkurrenzkampf im Zeitungsmarkt immer brutalere Formen annimmt? Erst vor wenigen Tagen warf Vogt-Schild-CEO Christian Müller der Tamedia eine "mörderische Preispolitik" vor.

Falls die Aussagen Müllers stimmen, welche die Angebote der Tamedia betreffen, gebe ich ihm recht. In verlegerischer Hinsicht kämpft die Tamedia manchmal unter der Gürtellinie.

Sie selber haben von "Aktionärsgier" und "Kriegskasse" gesprochen, als Tamedia die "Thurgauer Zeitung" (TZ) schluckte.

Ja, ich habe damals ausgerufen. Dass die Tamedia für die TZ weit über 50 Millionen Franken ausgegeben hat, ist unglaublich. CEO Martin Kall hat damit ja nicht einen grossen Eroberungsfeldzug bis an den Bodensee gestartet. Vielmehr ging es allein um das Dreieck Frauenfeld – Winterthur – Schaffhausen.

Ihre Zeitung hat einen Nichtangriffspakt mit der "Thurgauer Zeitung" ausgehandelt und kooperiert in einigen Regionen redaktionell. Ein stabiler Zustand?

Unsere Zusammenarbeit mit der "Thurgauer Zeitung" ist eher unspektakulär. Früher besuchte in der ländlichen Region ein freier Journalist jeweils eine Gemeindeversammlung in einem Dorf und lieferte seinen Text den beiden Zeitungen. Die Redaktionen redigierten daraufhin den Artikel und hoben ihn in ihr Blatt. Heute geht derselbe Journalist oder auch mal ein Redaktionsmitglied an die Gemeindeversammlung, eine der beiden Redaktionen redigiert den Text und überlässt ihn der anderen. Das ist fast der einzige Unterschied. Viel geändert hat sich also durch die Kooperation nicht.

In der Branche spricht man vom Zeitungskrieg zwischen Tamedia und NZZ auf dem Land. Gilt das für die Ostschweiz auch?

Nein, gegenwärtig herrscht Ruhe, auch wenn sich das schnell ändern kann. Derzeit gehört die Ostschweiz wie andere Regionen eher zu den Nebenschauplätzen. Im Gegensatz dazu ist aus meiner Sicht Basel ein weitaus "heisseres" Gebiet, irgendwann wird auch Chur für die Zürcher Grossverlage interessant werden. Ich behaupte: In diesen Regionen wird die Medienlandschaft in zehn Jahren völlig anders aussehen.

Man könnte sagen: In der Ostschweiz haben die Zürcher Medienkonzerne ihre Gebiete unter sich bereits aufgeteilt.

Das stimmt nicht ganz. Im Rheintal etwa ist die Abgrenzung nicht so eindeutig. Der "Werdenberger & Obentoggenburger" etwa gehört zwar zur NZZ-Gruppe, nicht aber zum "St.Galler Tagblatt". Ich persönlich hoffe, dass dieser Titel dereinst auch publizistisch unter unser Dach kommt. Aber das habe nicht ich zu bestimmen…

Zum Schluss eine persönliche Frage: Werden Sie nach ihrem Rücktritt weiterhin publizistisch tätig sein?

Ich erinnere mich bei dieser Frage immer an Länder wie Italien und Frankreich, wo Publizisten nicht mit 60 aus dem Verkehr gezogen werden. Dort wird ihre Stimme auch später noch geschätzt und gehört. Indro Montanelli wurde 91 Jahre alt und schrieb bis ein halbes Jahr vor seinem Tod praktisch täglich im „Corriere della Sera“. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele in den beiden Ländern. Nur in der Schweiz, so scheint mir manchmal, leistet man sich den Luxus, dass man auf die älteren publizistischen Stimmen nicht mehr angewiesen ist. Ich bin aber froh, wenn ich mich nicht mehr mit Budget- und Personalfragen herumschlagen muss. Hin und wieder in die Tasten greifen möchte ich jedoch auch in Zukunft. Wo und in welcher Form, steht noch nicht fest.

(Interview: David Vonplon)