02.06.2015

Erfolgreiche Frauen

"In Deutschland spricht man nicht von 'sanfteren' Schweizer Kollegen"

Als erste Schweizerin schrieb Samiha Shafy im Alleingang eine Titelstory für den "Spiegel". Ihre Recherchen führten die 35-Jährige bereits nach Saudiarabien, in den Kongo oder in den Irak. persoenlich.com hat die gebürtige Baslerin im modernen Gebäude auf der Ericusspitze in Hamburg besucht. Ein Gespräch über aggressiven deutschen Journalismus, den einstigen Männerladen "Spiegel", die Frauenquote und das Siezen unter Kollegen.
Erfolgreiche Frauen: "In Deutschland spricht man nicht von 'sanfteren' Schweizer Kollegen"

Das Wetter ist untypisch für Hamburg - es ist warm, die Sonne scheint, keine Wolken sind am Himmel zu sehen: persoenlich.com ist zu Gast beim "Spiegel". Wir treffen Samiha Shafy. Die Schweizerin arbeitet seit acht Jahren für das grösste deutsche Nachrichtenmagazin, zu Beginn im Bereich Wissenschaft und seit eineinhalb Jahren für das Auslandressort. Im Jahr 2010 schrieb die 35-Jährige als erste Schweizerin die Titelstory für das Heft - und zwar im Alleingang. Seither sind einige weitere dazugekommen. Die Auslandschweizerin freut sich sichtlich über den Besuch aus der Heimat.

Frau Shafy, Sie waren kürzlich eine Woche in Saudiarabien. Waren Sie dort mit einem Kopftuch unterwegs?
Ja, auf solchen Reisen passe ich mich den Gegebenheiten im jeweiligen Land an.

Sie waren vor fünf Jahren bereits einmal dort. Wie hat sich das Land verändert?
Ich empfinde die Leute heute als offener. Als ich bei meinem letzten Besuch mit einem himmelblauen statt mit einem schwarzen Kopftuch erschienen bin, hat man mir deutlich zu verstehen gegeben, dass dies nicht geduldet wird. Auch für Ausländerinnen ist das Tragen einer schwarzen Abaya Pflicht, an den meisten Orten muss man ein Kopftuch tragen. Heute sieht man auf den Strassen aber auch Frauen mit bunten Tüchern, teilweise sogar ohne Kopftuch.

Ihr Vater kommt aus Ägypten, sprechen Sie Arabisch?
Das ist immer die fiese Frage, wegen meines Namens. Ich spreche ein paar Wörter, mehr aber leider nicht. In Saudiarabien war das zum Glück kein Problem, vor allem die jüngeren Leute sprechen gut Englisch.

Welche Länder haben Sie für den "Spiegel" bereits besucht?
Ich habe als Journalistin bereits manche Orte besuchen dürfen, die ich anders wohl nicht kennengelernt hätte. Eine meiner ersten Recherchen führte mich für das Wissenschaftsressort nach Nigeria. Später war ich unter anderem im Irak, in Haiti, Kolumbien, Ecuador, in Australien und für eine Reportage über die Grenzen der Entwicklungshilfe in der Demokratischen Republik Kongo. Das ist das Schöne an der Arbeit beim 'Spiegel'. Für eine gute Geschichte darf man auch weit reisen.

Und wer liefert den Input für eine solche Story - der Chef oder Sie selbst?
Meistens kommen die Vorschläge von den Autoren selbst. Im Auslandressort ergeben sich aber auch viele Themen aus der Aktualität. Nach dem Anschlag auf die Redaktion von 'Charlie Hebdo' sass ich kurze Zeit später zusammen mit einem Kollegen im Flugzeug nach Paris. Solche Sondereinsätze gibt es immer wieder.

In der Woche vom Anschlag auf "Charlie Hebdo" erschien der "Spiegel" zum ersten Mal an einem Samstag (vorher Montag). Da blieb wenig Zeit für die Recherche.
Stimmt, für den Titel der ersten Samstagausgabe mussten wir alle Kräfte bündeln und gut zusammenarbeiten. Mehrere Redaktoren haben vor Ort und von Hamburg aus in verschiedene Richtungen recherchiert. Das hat gut funktioniert. Aber die neuen Abläufe und die erstmalige Zusammenarbeit mit der neuen Druckerei haben die Sache nicht vereinfacht.

Welche Veränderungen brachte der neue Erscheinungstag für Sie?
Ich habe am Freitagabend wieder ein Leben (lacht). Im Auslandressort sind die Stunden vor dem Abschluss hektisch, da das Magazin den Anspruch hat, aktuell zu sein. Ich bin oftmals erst nach Mitternacht aus der Redaktion gekommen. Den gleichen Stress haben wir nun am Donnerstag, aber ich empfinde es dann als weniger anstrengend.

Wie muss man sich Ihren Alltag vorstellen?
Jeder Tag ist anders. Ich bin oft im Ausland, sei es für aktuelle Themen oder für Recherchen zu Reportagen und Hintergrundartikeln. Wenn ich zurück auf der Redaktion bin, schreibe ich, generiere neue Geschichten und bereite mich darauf vor.

Deutsche Journalisten gelten als aggressiver als jene in der Schweiz. Wie erleben Sie das?
Das ist vor allem in der Schweiz ein Thema, hier in Deutschland spricht man nicht von 'sanfteren' Kollegen in der Schweiz. Was hier auffällt, sind die stärker ausgeprägten Hierarchien.

Siezen Sie Ihre Kollegen?
Nicht alle, aber manche. Das ist hier anders als in der Schweiz. Ich erinnere mich noch gut, wie sich der damalige Chefredaktor vom "Tages-Anzeiger" vor Jahren an meinem ersten Arbeitstag mit Philipp (Anm. d. Red.) (Löpfe) vorstellte. In Deutschland wäre das sehr ungewöhnlich. Unter deutschen Journalisten ist man meist zuerst einmal per Sie, mit Vorgesetzen sowieso.

Auch Kritik fällt direkter aus. Wie gehen Sie damit um?
Es hat auch Vorteile, nicht immer alles durch die Blume zu erfahren. Ich mag die direkte Art der Kommunikation.

Im Schweizer Journalismus ist eine Debatte über Frauen in Führungspositionen entbrannt. Inwiefern ist das Thema beim "Spiegel" diskutiert?
In Deutschland sind Frauenquoten eher akzeptiert als in der Schweiz. Beim 'Spiegel' hat sich diesbezüglich viel getan in den letzten Jahren. Als ich vor acht Jahren nach Hamburg kam, war das ein ganz schöner Männerladen hier. Die Chefs waren Männer, der Ton war männlich. Mir haben damals weibliche Vorbilder gefehlt.

Wie viele Frauen arbeiten im Gebäude auf Ericusspitze?
Eine genaue Zahl kann ich Ihnen nicht nennen. Aber meine Kollegin Susanne Beyer ist nun stellvertretende Chefredaktorin, die erste Frau in dieser Position. Und im Auslandressort hat Britta Sandberg die Leitung inne. Wenn sich die Redaktion montags zur Konferenz trifft, sitzen mehrere Ressortleiterinnen am Tisch. Ich finde, dies hat die Atmosphäre positiv verändert. Eine gute Durchmischung der Geschlechter macht ein Magazin origineller und vielfältiger. Zudem will der 'Spiegel' ja mehr Leserinnen erreichen. Da hilft es, wenn auch mehr Frauen das Heft gestalten.

Im Jahr 2010 haben Sie als erste Schweizerin allein die "Spiegel"-Frontgeschichte geschrieben. Wie viele sind seither dazu gekommen?
Im Wissenschaftsressort hatte ich noch einige Titel - einen zum Beispiel über das Thema Schlaf, einen anderen über die 'Droge Zucker'. Das sind Themen, die man gut alleine bearbeiten kann. Im Auslandressort arbeitet man häufiger mit anderen Redaktoren zusammen. Zuletzt habe ich vor einigen Wochen einen Titel über das Versagen der Politik angesichts des Klimawandels koordiniert, an dem Kollegen aus verschiedenen Ressorts mitgeschrieben haben.

In einem Interview sagten Sie damals, Sie hätten vier bis fünf Wochen Zeit gehabt für die Titelstory. Wie ist das heute?
Nicht am Stück, aber ja: Vier bis fünf Wochen für Recherche und Schreiben kommt inetwa hin. Wir arbeiten hier unter sehr guten Bedingungen.

Vor eineinhalb Jahren haben Sie von der Wissenschaft ins Auslandressort gewechselt. Sie haben Umweltnaturwissenschaften an der ETH Zürich studiert. Fehlt Ihnen nicht das nötige Hintergrundwissen?
Das empfinde ich nicht so, im Gegenteil. Mein naturwissenschaftlicher Hintergrund hilft mir auch im Auslandressort. Im Jahr 2012 war ich im Rahmen eines Nieman Fellowships für ein Jahr an der Harvard Universität in den USA. Dort habe ich hauptsächlich Politik studiert. Als ich zurück nach Hamburg kam, hatte ich Lust, auch vermehrt über politische Themen zu schreiben.

Neben Ihnen arbeiten mit Mathieu von Rohr und Guido Mingels zwei weitere Schweizer beim "Spiegel". Sprechen Sie untereinander Schweizerdeutsch?
Klar, das bringt unsere deutschen Kollegen immer zum Schmunzeln. Einige sagen, sie fühlten sich dann wie in den Skiferien.

Seit der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative hat das Image der Schweiz hat stark gelitten. Kriegen Sie das von Ihren Arbeitskollegen zu spüren?
Noch vor einigen Jahren gehörte die Schweiz für viele hier auf eine gewisse Art zu Deutschland. Aber spätestens am 9. Februar 2014 hat sicht gezeigt, dass die Schweiz dies doch ein wenig anders sieht. Da spielen bei den Deutschen teilweise auch gekränkte Gefühle mit. Ich finde es wichtig, den Menschen hier zu erklären, weshalb die Schweiz ihren eigenen Weg gehen will. Ich muss die Schweiz hier oftmals verteidigen.

Sie leben seit acht Jahren in Hamburg. Was gefällt Ihnen hier, was nicht?
Ich beschwere mich häufig über das Wetter. Und am Anfang habe ich die Berge vermisst. Aber mittlerweile schätze ich die Nähe zum Meer. Man kann in einer Stunde dort sein. Zudem habe ich das Segeln für mich entdeckt, die Alster ist perfekt dafür. Und im Sommer ist es teilweise bis nach 22 Uhr hell. Ich mag solche langen Abende.

Können Sie sich vorstellen, für einen Job in die Schweiz zurückzukehren?
Ich bin seit eineinhalb Jahren im Auslandressort und möchte diese Arbeit hier noch eine Weile machen. Der 'Spiegel' bietet einem zum Glück viele Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln. Aber wer weiss, was die Zukunft bringt.

Viele Journalisten würden Ihre Stelle als Traumjob bezeichnen. Was genau macht das aus?
Das hat vor allem mit unserer Arbeitsweise zu tun. Ich bin dankbar dafür, dass die journalistische Qualität hier nach wie vor gross geschrieben wird. Wir recherchieren weltweit vor Ort und haben 60 bis 70 Dokumentare, die jedes geschriebene Wort gegenchecken. Guter Journalismus ist ein Wert für sich. Und es ist toll, ihn ausführen zu können.

Interview und Bilder: Michèle Widmer
 



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