Herr Tonini, Sie konnten heute «eines der besten Jahre in der 120-jährigen Geschichte» vermelden. Warum läuft es Ihnen so gut?
Die Medienlandschaft ist in einem fundamentalen Wandel. Tamedia hat das Glück, dass sowohl der Verwaltungsrat, wie auch die Aktionäre trotz der erheblichen Risiken bereit sind, Investitionen in den Digitalberich zu tätigen. Das zahlt sich aus.
Neben den Rubrikenplattformen wie Homegate.ch oder Jobs.ch hätten auch die Bezahlmodelle der Internetseiten von Tages-Anzeiger und Der Bund zum Wachstum des digitalen Geschäfts beigetragen, schreiben Sie in der Medienmitteilung. Wie zufrieden sind Sie damit?
Beim «Tages-Anzeiger» konnten wir bislang 9'000 Digitalabos verkaufen. Hierbei handelt es sich um reine Digital-Abos und nicht um Abonnenten, die zusätzlich zum Print- auch noch die Digital-Ausgabe kauften. Wir wollen das Bezahlmodell noch in diesem Jahr auch bei den Zürcher Regionalzeitungen, das heisst beim Landboten, der Zürichsee-Zeitung und beim Zürcher Unterländer einführen.
Im Februar haben Sie angekündigt, Ziegler Druck in Winterthur zu schliessen, dabei war die Rede von 74 Mitarbeiter, die betroffen sind. Nun nach dem Verfahren um die Suche nach Anschlusslösungen: Wie viele Kündigungen werden Sie aussprechen müssen?
Wir gehen von 50 bis 60 Kündigungen aus. Unser Ziel bleibt es aber, für möglichst viele Mitarbeiter bis Ende Jahr eine Lösung zu finden, im Moment sprechen wir mit möglichen Partnern.
Im Sommer wird der «Newsexpress» starten, eine Art News-Fabrik für verschiedene Titel wie tagesanzeiger.ch, bernerzeitung.ch, baslerzeitung.ch und 20min.ch. Verlaufen die Vorbereitungen nach Plan?
Das Team steht und ist nun in der Projektphase. Das Konzept des Newsfeed ist festgelegt, nun müssen wir nur noch klären, wie wir das sogenannte «Versioning» machen, also das Adaptieren der Meldung auf die entsprechenden Zielgruppen. Das heisst, die einzelne News sind bei allen Titeln inhaltlich die gleichen, sie müssen aber auf 20min.ch oder tagesanzeiger.ch anders zugeschnitten werden. Hier werden wir bis im Juni die Lösung gefunden haben, so dass wir im zweiten Halbjahr 2015 mit dem neuen Dienst starten können.
In den letzten Tagen wurde die Frauenquote beim Tagi heftig diskutiert. Wie haben Sie aus gesamtunternehmerischer Perspektive diese Diskussionen verfolgt?
Wir sind klar der Ansicht, dass Frauen gefördert werden müssen, doch wir nehmen genauso klar Abstand von einer Frauenquote.
Wie fördert Tamedia Frauen?
Wir erfassen den Frauenanteil jährlich und besprechen den Fortschritt und die Massnahmen mit dem Verwaltungsrat. Unsere Auswertungen zeigen, dass wir auf Ebene der Mitarbeitenden bis zur ersten Kaderebene einen hohen Frauenanteil haben. Anders ist die Situation bei den höheren Kaderfunktionen; dort liegt der Anteil weiblicher Führungskräfte deutlich tiefer. Warum das so ist, wissen wir nicht genau. Wir sind daran zu untersuchen, welches die Gründe dafür sind, dass es Frauen nicht auf die höchste Kaderstufe schaffen. Hier beginnt ja auch die Kontroverse: Ist es, weil wir als Unternehmen Frauen diese Chance zu selten geben, oder ist es deshalb, weil Frauen sich heute nach wie vor zu oft zwischen Familie und Karriere entscheiden müssen.
Wie reagieren Sie darauf?
Wir bieten beispielsweise Kurse an, in denen Frauen ihre Auftrittskompetenz verbessern können. In meiner Wahrnehmung nehmen sich Frauen manchmal zu fest zurück. Und wir bieten ein Mentoring-Programm an, um junge Kolleginnen zu unterstützen. Zudem haben wir Ideen geprüft, wie wir Mitarbeitende dabei unterstützen könnten, Beruf und Familie besser ein Einklang zu bringen. Doch am Schluss mussten wir sagen: An allen unseren Standorten Krippenplätze anzubieten, das wäre wahnsinnig teuer. Externe Kinderbetreuung wäre wichtig, ist aber für uns als Unternehmen alleine nicht finanzierbar. Hier wäre der Staat gefordert.
Der Staat muss intervenieren?
Nehmen wir das Beispiel Schule. Dass Betreuungsangebote für Kinder tagsüber in vielen Gemeinden nach wie vor fehlen, ist überhaupt nicht mehr zeitgemäss. Ich hoffe sehr, dass sich dieses Problem auf politischer Ebene bald lösen wird. Es muss doch möglich sein, Blockzeiten einzuführen, wie das in etwa in skandinavischen Ländern der Fall ist. Daneben gibt es vereinzelte Massnahmen, die auch wir als Unternehmen ergreifen können, etwa mittels moderner Arbeitsmittel, die ortsunabhängiges Arbeiten ermöglichen. Doch gewisse Rahmenbedingungen, gerade bei der Schule, kann ein Unternehmen nicht lösen.
Sprechen wir über das Joint Venture mit Swisscom. Wird die Marke search.ch weiter existieren?
Ja, die Marke wird erhalten blieben. Beide Portale haben schon sehr grosse Nutzerzahlen und eine eigentliche Fangemeinde. Wollten wir eine Marke in die andere migrieren, wäre das mit einem grossen Risiko verbunden. Wir könnten viele Kunden verlieren. Darum bleiben search.ch und local.ch als separate Marken erhalten, doch im Werbemarkt werden wir die Angebote der beiden Marken gemeinsam verkaufen.
Ist das eine kurzfristige Absicht oder gilt das auch noch in zehn Jahren?
Zehn Jahre sind eine lange Zeit, da will ich keine Prognosen machen. Doch die nächsten drei bis vier Jahre wird es weiterhin beide Marken geben.
Und was planen Sie mit 20 Minuten-Deutschland?
Wir wollen Erfahrungswerte sammeln. Es handelt sich aber erst um einen Test.
Wo sehen Sie eine Marktlücke?
In der Mobilnutzung: Wenn man schaut, wie hoch die Nutzung von 20 Minuten über Mobile ist und diese mit der Mobile-Nutzung etablierter deutscher Portale vergleicht, erkennt man durchaus ein Potential. Diese Art von Newsaufbereitung, wie es 20 Minuten macht, spricht das junge Publikum an, wie wir auch in Skandinavien oder Luxemburg sehen. Mit einem bescheidenen Budget werden wir das nun auch in Deutschland testen. Dabei haben wir aber vorerst nicht die Absicht, den deutschen Markt zu erobern. Das zeigt allein schon die Teamgrösse: Mit sieben Personen in Berlin wäre das unmöglich.
Tages-Anzeiger und SonntagsZeitung sollen künftig «auch am Sonntag auch digital ein wirklich attraktives Angebot anbieten», sagten Sie. Wie stellen Sie sich das vor?
Heute kann man am Sonntag nur die Angebote der Newsplattformen nutzen, die aber keine echten Teams haben, sondern personell eher schlank aufgestellt sind. Daneben sind die Sonntagszeitungen online gar nicht newsorientiert. Wenn zum Beispiel Wahlen oder Abstimmungen sind und Sie auf sonntagszeitung.ch klicken, finden Sie gar nichts zu diesem Thema. Sie müssen auf Gratisplattformen ausweichen. Und die grossen Recherchen der Sonntagszeitungen finden sie nicht auf der entsprechenden Webseite, sondern zusammengefasst auf anderen Seiten. Wenn man sieht, wie stark die Digital-Nutzung am Sonntag ist – diese ist, das war auch für mich eine Überraschung, mittlerweile phänomenal hoch –, dann gibt es neben Gratisangeboten durchaus Potential für ein gutes, fundiertes Angebot am Sonntag. Auch dort wollen wir eine Bezahlform einführen. Ob Metered oder Freemium, das wird sich zeigen.
Und sonst: Was sind die Ziele für dieses Jahr?
2014 erwirtschafteten wir bereits einen Drittel des Ergebnisses von 159,7 Millionen Franken im Digital-Bereich. Unser Ziel ist es, den digitalen Ergebnisanteil bis in zwei bis drei Jahren auf 50 Prozent zu steigern. Sollte die Weko, der geplanten Übernahme von Ricardo.ch zustimmen, kommen wir diesem Ziel ein weiteres Stück näher.
Interview: Edith Hollenstein, Bild: Keystone, Anthony Anex