"In erster Linie wollen wir die Leserschaft in der Schweiz ausbauen."

- Heute Donnerstag ist erstmals die Schweizer Ausgabe der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit" erschienen. Rainer Esser, Geschäftsführer des "Zeit"-Verlages, glaubt, dass nach dem Ende von "Facts" und einer Verschiebung nach rechts bei der "Weltwoche" eine Lücke entstanden ist, welche von der "Zeit" gefüllt werden kann. Das Ziel sind mittelfristig 10'000 verkaufte Ausgaben. "Interessanterweise haben wir bereits nach der Ankündigung der Schweiz-Ausgabe eine grössere Auflage verkauft." Das Interview:

Herr Esser, Sie starten eine Schweiz-Ausgabe der "Zeit". Warum?

Weil die Schweiz ein wunderschönes, grossartiges und erfolgreiches Land ist, von dem Deutschland viel lernen kann -- und wir glauben, dass wir zusätzliche Leser in der Schweiz für eine liberale und inhaltlich reiche Qualitätszeitung begeistern können. Mit Peer Teuwsen und Urs Willmann haben wir zwei erfahrene Schweizer Journalisten vor Ort, die zudem eine Reihe von renommierten Kolumnisten und Gastautoren gewinnen konnten. Wir glauben auch, dass in der Schweiz im liberalen Wochenzeitungssegment eine Lücke besteht.

Eine Lücke die das eingestellte Nachrichtenmagazin "Facts" hinterlassen hat?

Die "Facts" hinterlassen hat, aber auch die Umpositionierung der "Weltwoche". "Die Zeit" ist eine sehr liberale Wochenzeitung, die zu den grossen und auch kleinen Themen unserer Zeit ihren Lesern unterschiedliche gut recherchierte Analysen und Menungen in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur bietet.

Ist denn die "Weltwoche" die Hauptkonkurrentin für "Die Zeit" in der Schweiz?

Nein. Die "Weltwoche" hatte früher in der Schweiz etwa dieselbe Position wie "Die Zeit" in Deutschland. Vor ein paar Jahren hat sie sich aber nach rechts umpositioniert, insofern hinterlässt sie eine Lücke in der liberalen Mitte.

Sie starten die Schweiz-Ausgabe der "Zeit" ja sicher nicht nur wegen dem schönen Land. Sie wollen sicher auch Geld verdienen. Ist der Schweizer Werbemarkt so attraktiv?

In erster Linie wollen wir die Leserschaft in der Schweiz ausbauen. Sicherlich ist auch der Anzeigenmarkt hoch interessant. Wir haben gerade in der Uhrenindustrie viele Inseratekunden aus der Schweiz, die sich über unser verstärktes Engagement auf dem Heimmarkt freuen.

Warum starten Sie mit der Schweiz-Ausgabe gerade jetzt? Die Werbeausgaben gehen auch hierzulande zurück.

Wir haben uns wie gesagt vor allem wegen dem Lesermarkt für die Lancierung entschieden. Wir haben in der Schweiz momentan eine verkaufte Auflage von 7000 Exemplaren. Seit dem Start unserer Österreich-Ausgabe ist die dortige Auflage deutlich gestiegen. Wir wären sehr dankbar, wenn die Schweizer Leser ähnlich positiv auf unser zusätzliches Angebot antworten.

Haben Sie ein konkretes Wachstumsziel?

Wenn wir mittelfristig auf 10'000 verkaufte Ausgaben kommen, würden wir uns sehr freuen. Da in Deutschland eine Ausgabe der "Zeit" von vier Leuten gelesen wird, würde das umgerechnet für die Schweiz dann auch ca. 40'000 Leser ergeben.

"Der Spiegel" hat auch einen Testlauf mit einem Schweiz-Split gestartet, verzichtet aber nun auf ein weiteres Engagement. Wie lange geben Sie der Schweiz-Ausgabe der "Zeit", um sich zu etablieren? Wann muss ein Ertrag herausspringen?

Wir planen bei der "Zeit"" immer langfristig. Wir haben keine fixen Zeiten, die wir mit zieldefinierten Auflagen verbinden. Wir sind aber sehr zuversichtlich, weil wir schon sehr positive Resonanz erhalten haben, als wir die Schweiz-Ausgabe der "Zeit" ankündigten. Sowohl in den Schweizer Medien, als auch bei den Schweizer Lesern. Interessanterweise haben wir bereits nach der Ankündigung in der Schweiz eine grössere Auflage verkauft.

Gab es auch in Deutschland Reaktionen auf die Ankündigung der Schweiz-Ausgabe?

Ja, das war überraschend. In den Medien wurde überall berichtet, was aber wohl auch damit zu tun hatte, dass der "Spiegel" sich eben gerade gegen einen Schweiz-Split entschied. Positiv wurde aufgenommen, dass in einem Moment, in dem nur über Titeleinstellungen oder Entlassungen berichtet wird, "Die Zeit" ein zusätzliches Engagement eingeht.

Wie steht es denn um "Die Zeit" in Deutschland?

Ausgesprochen gut: Wir werden in einem derzeit nachlassenden Printmarkt im vierten Quartal 2008 die höchste Auflage (ueber 500'000 Exemplare) haben, die die Wochenzeitung je in einem vierten Quartal hatte.

Sind überhaupt die Schweizer ihre Zielgruppe für die Schweiz-Ausgabe, oder sind es die vielen Deutschen in der Schweiz?

Wir möchten Schweizer ebenso ansprechen wie die Deutschen, die in der Schweiz leben.

Zurzeit wird in den Schweizer Medien wiederholt über die Überfremdungsangst aufgrund der vielen Deutschen Zuzüger berichtet. Glauben Sie, dass auch "Die Zeit" unter dieser negativen Stimmung leiden könnte?

Wir wenden uns mit unserer liberalen Wochenzeitung an eine intelligente, sehr gebildete Leserschaft, die sehr gut abstrahieren kann und nicht fremdenfeindlich gestimmt ist. Zudem setzt sich "Die Zeit" ständig für Völkerverständigung ein. Und wir haben ein Gegenargument. Wir bringen nicht die deutsche "Zeit" in die Schweiz, sondern mehr Schweizer Qualitaetsjournalismus in die "Zeit". Zum Start werden wir ein grosses Dossier in der Gesamtauflage bringen mit dem Thema "Was die Deutschen von der Schweiz lernen können".

Welche Inhalte werden wir im Schweiz-Teil finden?

Sie werden nicht nur über aktuelle Ereignisse lesen, sondern auch über die besondere Situation der Schweiz inmitten eines zusammenwachsenden Europas, insbesondere über die Beziehung zwischen der Schweiz und der EU.

Wie wollen Sie die Schweiz-Ausgabe an die Frau/den Mann bringen?

Wir gelangen über die Valora an die Kioske und bauen auch auf den Abonnement-Verkauf. Dazu gibt es eine Reihe von Massnahmen, die wir an den Verkaufsstellen einsetzen werden. Wir konzentrieren uns dabei vor allem auf die grösseren Städte wie Zürich, Basel, Bern oder St. Gallen.

Abschlussfrage: Glauben Sie, dass in der Medienlandschaft künftig die Landesgrenzen zu Gunsten von Sprachgrenzen fallen werden?

Vieles, was in einem Land passiert, steht in Zeiten der Globalisierung oft auch in einem Kontext zum Ausland. Es gibt zahlreiche überregionale Ereignisse, für die sich jeder Europäer interessiert. Aber es wird gottseidank auch weiterhin sehr viele regional ausgeprägte Eigenheiten geben. Denen wollen wir mit den Schweiz-Seiten entgegen kommen.

(Interview: Stefan Wyss / Foto: Sina Preikschat)