13.01.2015

SRF

"In vier Jahren haben wir kein einziges Sparprogramm durchgeführt"

Quoten, Sparen, die RTVG-Abstimmung sowie Nachfolge-Überlegungen bei "Schawinski" und "Aeschbacher": Über diese Themen sprach persoenlich.com mit Ruedi Matter am Rande der Jahresmedienkonferenz vom Dienstag. Der Direktor von Schweizer Radio und Fernsehen war vor vier Jahren mit dem Ziel angetreten, bei SRF mehr Ressourcen für Recherche und Hintergründe freizuschaufeln.
SRF: "In vier Jahren haben wir kein einziges Sparprogramm durchgeführt"

Herr Matter, Selbstkritik im Fall Carlos, der "Samschtig-Jass aus dem Puff", Thiel bei "Schawinski": Welcher dieser "Skandale" bereitete Ihnen am meisten schlaflose Nächte?
"Skandale" waren das ja nicht. Wenn Sie betrachten, wie viele Kanäle wir haben und wie viele Stunden Programm wir täglich senden, dann erstaunt es doch nicht, wenn zwischendrin auch einmal etwas schief geht! Wenn nichts schief gehen würde, würden wir ja nichts riskieren und wären langweilig.

Grübeln Sie eher über Finanzielles; eine ausgeglichene Bilanz oder das Umsetzen der Sparmassnahmen, resp, über das "Projekt 55"?
Wir haben in den vier Jahren, während denen ich SRF-Direktor bin, nicht ein einziges Sparprogramm durchgeführt. Wir haben Prozesse optimiert und dafür gesorgt, dass die Ressourcen am richtigen Ort eingesetzt werden. Unser Budget ist seit Jahren praktisch unverändert.

Diese "Ressourcenumverteilung" bewirkte einen grösseren Stellenabbau in Marketing und Kommunikation sowie HR. Welches sind die Konsequenzen?
Wer bei SRF arbeitet, hat immer zu tun. Auch den Kolleginnen und Kollegen, die hinter der Kamera arbeiteten, wird es nicht langweilig. Ich habe den Eindruck, dass die Leute gerne Leistung erbringen, dass sie mit grosser Begeisterung arbeiten und auch mit unserem strategischen Ziel einverstanden sind, dass das Geld ins Programm fliessen soll.

Anlässlich der Jahresmedienkonferenz weisen Sie die Quoten unterschiedlicher Info-Sendungen aus, darunter "Tagesschau", "10vor10", "Club", die alle leicht sinken. Die "Rundschau" aber fällt mit steigenden Quoten auf. Worauf führen Sie dies zurück?
Generell sind die Zuschauerzahlen unserer Informationssendungen sehr stabil. Die steigenden Zahlen der "Rundschau" sind das Ergebnis einer klaren Fokussierung auf vertiefende Recherche. Die Verantwortlichen setzen auf Hintergründe und wenden dafür viel Zeit auf. Recherche halte ich für eine sehr wichtige Leistung, die SRF erbringen muss: Wir geben unseren Journalisten Zeit zum Recherchieren.

Bei Ihrem Start als SRF-Direktor setzten Sie sich zum Ziel, mehr Recherchen und Hintergründe anzubieten. Jetzt, nach vier Jahren: Wo konkret haben Sie dieses Ziel erreicht?
Mehr Hintergründe ins Programm zu bringen, ist uns tatsächlich gelungen. Die "Tagesschau" zum Beispiel bringt nicht nur knappe News, sondern ordnet durch ihre Themenauswahl ein, was wirklich wichtig ist. Zudem liefert die Redaktion Verständnishilfen und Analysen. Damit sorgt die "Tagesschau" für stolze Einschaltquoten.

Ist damit Ihr Vorhaben erfüllt?
Wir sind natürlich nie zufrieden (lacht). Doch ich darf sagen, dass ich mit dem bisher Erreichten zufrieden bin, vor allem damit, dass es vom Publikum honoriert wird.

Bei der Quotenauflistung in der Medienmitteilung fällt auf, dass dieses Jahr "Schawinski" fehlt. Warum?
Die Auswahl ändert jedes Jahr. Doch die Quoten kann ich Ihnen gerne nennen: 14,9 Prozent Marktanteil und 112‘300 Zuschauer.

14,9 Prozent ist schon erstaunlich tief – sogar der "Club" erreicht 16,5 Prozent.
Die Zuschauerzahlen der Sendung "Schawinski" hängen stark vom jeweiligen Gast ab – wie das in jeder Talkshow der Fall ist.

Werten Sie es als Erfolg, dass "Schawinski" mit Andreas Thiel alle Rekorde toppte?
Grundsätzlich ist jeder Rekord erfreulich; wir sind sportlich. Dass so viele Leute diese "Schawinksi"-Sendung mit Andreas Thiel sehen wollten, stört mich nicht, auch wenn die Sendung ein wenig verunglückt ist. Darüber, dass die Sendung keine Glanzleistung war, waren sich ja alle Beteiligten einig.

Warum wurde der Talk dennoch ausgestrahlt? Es ist anzunehmen, dass es bei SRF zwecks Qualität interne Kontrollprozesse gibt: Hier hätten Sie doch eingreifen müssen?
Ich selber bin nicht eingebunden in tagesaktuelle Programmentscheidungen. Das ist gar nicht möglich, denn dafür haben wir zu viele aktuelle Produktionen.

Wer entscheidet denn: die Produzentin, der TV-Chef oder Roger Schawinski selber?
Ob seine Sendung ausgestrahlt wird oder nicht, entscheidet sicher nicht Roger Schawinski selber. Doch: Stellen Sie sich vor, was passiert wäre, wenn wir diese Thiel-Sendung nicht ausgestrahlt hätten! Welche Vorwürfe hätten wir uns anhören müssen? Man hätte uns vorgeworfen, "die Sendung im Giftschrank verschwinden lassen zu wollen" oder man hätte gesagt: "Ah, jetzt hat der Roger einmal nicht eine ganze Sendung lang gut ausgesehen und schon verzichtet SRF auf die Ausstrahlung".

Sie hätten stattdessen einen anderen Talk ausstrahlen können.
Es wäre aber trotzdem bekannt geworden, denn wir hatten die Sendung mit Andreas Thiel ja angekündigt!

Es werden Stimmen laut, die Roger Schawinskis Nachfolge-Planung fordern.
Roger Schawinski hat weiterhin Lust, die Sendung zu machen und wir mögen die Sendung, sie passt mit ihrer Programmfarbe in unser Angebot. Deshalb fahren wir so weiter wie bisher.

Er wird dieses Jahr 70 Jahr alt, Kurt Aeschbacher 67. Werden diese beiden personengebundenen Sendungen nach der Pensionierung der Moderatoren weitergeführt werden?
Ich kenne Kurt seit 30 Jahren. Er ist heute genau so vital wie damals und hat offensichtlich grosse Lust, die Sendung weiterzuführen. Unser Publikum liebt seine Sendung am Donnerstagabend. Warum sollten wir etwas ändern, solange beide Seiten - also Kurt und das Publikum - Freude an der Sendung haben?

Nun kommt das Radio- und Fernsehgesetz (RTVG) vors Volk. Die Abstimmung könnte schon im Juni stattfinden. Wie wird SRF darüber berichten?
Wie bei anderen Wahlen und Abstimmungen gilt auch bei dieser Vorlage die Grundregel, dass wir als SRF keine Partei ergreifen. Es gelten die publizistischen Leitlinien.

Sie werden also weder in Sitzungen noch in E-Mails explizit erwähnen, dass SRF bei der Initiative zur RTVG-Revision besonders ausgewogen berichten muss?
Nein, das ist nicht nötig, denn wir berichten immer fair und mit journalistischer Distanz über Abstimmungskämpfe. Auch in diesem Fall. Alle Seiten können die besten Argumente darlegen. Wenn eine interne Frage dazu aufkommt, bekräftige ich diese Position.

Im Zusammenhang mit dem Angriff auf Charlie Hebdo hat SRF die Mohammed-Karikaturen nie gezeigt. Wie geht SRF weiter vor: Werden Sie das Titelbild der Spezialausgabe zeigen?
Das entscheide nicht ich, sondern die Chefredaktionen.

Interview: Edith Hollenstein, Bild: Keystone, Steffen Schmidt

 

 


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