Interview mit Chefredaktor Peter Wälty

newsnet - Verliert wichtige Leistungsträger.

Wichtige Leistungsträger kehren tagesanzeiger.ch den Rücken: Der Wirtschaftschef, eine Wirtschaftsredaktorin, der Zürich-Chef und ein Kulturredaktor gehen. Warum kann Newsnet diese Journalisten nicht halten? Bekommen sie besonders attraktive Jobangebote oder ist einigen der Führungsstil der Chefredaktion zu autoriär? Persoenlich.com hat bei Peter Wälty nachgefragt:

Viele Wechsel sind beim Newsnet keine Seltenheit, unter den Reportern oder im Newsteam gibt es immer wieder Verschiebungen. Doch momentan muss das Tamedia-Online-Portal gleich fünf Abgänge verkraften – vier davon sind besonders gewichtig.

Erstens: Wirtschaftschef Markus Diem Meier wechselt nach zwei Jahren beim Newsnet zur "Finanz und Wirtschaft", wo er stellvertretender Chefredaktor wird. Der zweite Wechsel betrifft seine Kollegin, Wirtschaftsredaktorin Olivia Kühni. Sie wird per 1. Februar als Reporterin ins Ressort Finanz zur "Handelszeitung" wechseln.

Drittens hat die "NZZ" Zürich-Reporter Felix Schindler abgeworben. Schindler war - wie Kühni - seit Start des Newsnet im Jahr 2008 mit dabei und wird nun per 1. Dezember ins neu geschaffene Ressort Zürich von NZZ Online wechseln. Viertens ist Kulturredaktor Daniel Arnet nur noch bis Ende November in der Newsnet-Redaktion. Denn er geht auf 1. Dezember zur "Sonntagszeitung", wo er im Ressort Kultur für das Dossier Literatur zuständig sein wird. Arnet war erst seit 1. März 2011 beim Newsnet.

Zusätzlich zu diesen Abgängen in Schlüsselpositionen, muss die Redaktion den Abgang von Michel Wenzler hinnehmen. Er kündigte seinen Job im News-Team.

Erst kürzlich hatte Patrik Berger seinen Newsnet-Badge abgegeben und gegen denjenigen von Ringier getauscht. Er arbeitet seit Oktober als Reporter im "Blick"-Newsroom. Berger war ein Jahr beim Newsnet und vorher auf der "Tagesanzeiger"-Regionalredaktion in Stäfa. Bereits im August wechselte Christoph Landolt (Ex-Newsnet-Zürich-Redaktor) ins Inland-Ressort der "Weltwoche" (persoenlich.com berichtete). Auch Landolt gehörte seit der Newsnet-Gründung zum Team.

Bessere Job-Angebote locken

Fragt man die ehemaligen Newsnet-Journalisten nach den Gründen für den Weggang, werden zum einen "mehr Verantwortung" oder "attraktives Angebot" genannt. Angesprochen werden aber auch, die Einschränkungen durch das enge Zeitbudget oder fehlende journalistische Herausforderungen. "Das repetitive Newsmeldungen bauen, war mir einfach zu langweilig", erklärte ein Ex-Newsnetler gegenüber persoenlich.com. "Ich musste jeweils wissen, was ich schreiben wollte, bevor ich das Telefon in die Hand nehmen konnte", so ein anderer. Als weitere Gründe nennen einige der Ehemaligen den autoritären Führungsstil der Chefredaktion und die dadurch zeitweise angespannte Arbeitsatmosphäre. Was sagt Chefredaktor Peter Wälty dazu?

Herr Wälty, Sie verlieren fünf Journalisten, im August sind bereits zwei andere gegangen. Das ist eine grosse Zahl, bei 40 Stellen. Was unternehmen Sie gegen den Know-how-Verlust?

Nein, wir sind nicht 40 Leute, sondern ziemlich genau 80. Davon sind viele auch Teilzeitpensen. Wenn man diese Zahl betrachtet, ist die Fluktuation nicht dramatisch.

Ihnen geht kein Know-how verloren.

Doch, auf jeden Fall. Es sind in der Regel leider nicht die schlechtesten Mitarbeiter, die abgeworben werden. Doch Sie müssen eines sehen: Viele Journalisten sind von Anfang an dabei. Sie haben dreieinhalb Jahre hier gearbeitet und dies unter einem hohen Druck. Dass man sich nach dieser Zeit umorientieren will, kann ich verstehen. Alle besetzen gute Positionen in Titeln wie "Weltwoche", NZZ Online, "Handelszeitung", "Finanz und Wirtschaft". Dort können sie länger recherchieren - das kann sicher attraktiv sein.

Im Ressort Wirtschaft bleiben gerade noch zwei Journalisten übrig: Philippe Löpfe und Bernhard Fischer. Wie stellen Sie sicher, dass Wirtschaftsthemen nicht auf der Strecke bleiben?

Nun, das Ressort Wirtschaft ist insgesamt mit drei Stellen dotiert. Also gehen hier nicht gerade die Lichter aus.

Wie bleiben bei drei Stellen im Wirtschaftsressort nach zwei Abgängen wiederum zwei Stellen übrig? Handelt es sich um 50-Prozent-Pensen?

Ich kann Ihnen leider keine Angaben über Pensen einzelner Mitarbeiter machen. Das Ressort verfügt aber insgesamt über 3,2 FTEs.

Warum verlassen diese Journalisten das Newsnet?

Unsere Leute sind exzellente Journalisten und stehen dauernd im Schaufenster. Das hat zur Folge, dass ihre Leistung auch anderen nicht verborgen bleibt. Schauen Sie mal die Karriere von Markus Diem-Meier an, den ich übrigens für einen der besten Wirtschaftsjournalisten überhaupt halte. Er kam als Redaktor von der "Handelszeitung" und geht als Stellvertretender Chefredaktor zur "Finanz und Wirtschaft". Das ist doch eine Option. Dasselbe Muster finden Sie bei sämtlichen Abgängen.

Journalisten, die jetzt oder früher beim Newsnet arbeit(et)en, sagen, Sie und Michael Marti seien autoritär und sehr fordernd. Könnte dies die Ursache für die vielen Abgänge sein?

(lacht laut) So ein Quatsch! Autoritär bedeutet die Verweigerung der Diskussion, Michael Marti und ich glauben unbedingt an den dialektischen Diskurs. Aber fordernd: Ja, wieso auch nicht? Wir bemühen uns tatsächlich, den Laden im Griff zu haben – und zwar mit eiserner Faust (lacht). Im Ernst: Die Tatsache, dass Newsnet-Leute so begehrt sind, ist für uns auch die Bestätigung, dass fordern auch fördern bedeutet.

Doch die hohe Fluktuation – nicht nur bei den Journalisten aus den Ressorts – sondern vor allem bei den News-Redaktoren und den Reportern – ist bestimmt keine günstige Entwicklung. Man hört, es fehle an Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit. Loben Sie Ihre Leute zuwenig?

Das hingegen kann schon sein. Loben sollte man als Führungsperson wohl öfter, als ich es mache. Aber andererseits: Eine hohe Fluktuation haben wir vor allem innerhalb von Newsnet. Das heisst, die Mobilität innerhalb der Redaktion ist sehr gross. Nehmen Sie zum Beispiel Lucienne Vaudan. Sie hat letztes Jahr als Praktikantin angefangen, wurde als Talent gefördert und vor drei Wochen hatte sie im Ressort Zürich als Reporterin ihren Einstand. Oder Matthias Chapman, eine absolute Spitzenkraft, als ich ihn 2008 kennen lernte, füllte er SDA-Meldungen ab. Heute interviewt er Bundesräte. Wir loben unsere Leute, indem wir sie fördern. Newsnet, das ist auch eine Talentschmiede.

Sie klopfen niemandem auf die Schulter und gratulieren auch nicht zu einem guten Artikel.

Doch, doch. Das gibts auf jeden Fall. Meist mach ich das aber per SMS.

Sie sprachen es vorher an, die Journalisten wollen länger recherchieren. Beim Newsnet ist der Zeitdruck hoch, zudem gibt es quantitative Vorgaben.

Das stimmt natürlich, der Druck ist enorm hoch. Das ist halt Internet. Eine zeitnahe Berichterstattung ist wichtig. Aber das ist nicht anders als bei anderen elektronischen Medien, die nicht nur einen Publikationstermin pro Tag kennen.

Sie machen Vorgaben, wie viele Geschichten ein Journalisten pro Tag liefern muss.

Nein, eigentlich nicht. Dies ist nirgends festgeschrieben.

Vorgaben müssen ja nicht festgeschrieben sein.

Okay, wir finden es vernünftig, dass jemand pro Tag eine Story abliefert.

Viele Ihrer Journalisten sind viel zu gut ausgebildet, als dass sie sich auf Internet- und Telefonrecherchen beschränken wollen und aufs Paraphrasieren.

Niemand im Laden paraphrasiert den lieben langen Tag. Die so genannten Web-Scouting-Dienste sind auf etwa acht Personen verteilt.

Newsnet hat demnach einen speziellen Dienst, bei dem Journalisten Artikel vom "Spiegel", nyt.com, der "Zeit" oder nzz.ch zusammenfassen. Damit werten Sie mit fremden Recherchen das eigene Angebot auf. Das ärgert Ihre Konkurrenz.

Dann ärgern sie sich über eine gängige journalistische Form: Das Zitieren.

Nicht das Zitieren wird kritisiert, sondern explizites Paraphrasieren, ohne zusätzliche Eigenleistung.

Ja, wie es Interviews, Features oder Newstexte gibt - existiert die Form der Zusammenfassung.

Sie verstehen nicht, dass es manche Journalisten frech finden, wenn Sie Texte ohne zusätzliche Eigenleistung einfach übernehmen?

Wir sprechen über etwas völlig anderes als über diese Stellenwechsel, die eigentlich Thema dieses Interviews wären. Aber ich kann gerne antworten: Wie gesagt, solange die Quelle erwähnt oder Ursprungstext verlinkt wird, halte ich das Zitieren für legitim.

Bei den Leuten, die gekündigt haben: Haben Sie insistiert, dass sie länger bleiben?

Die Erfahrung zeigt, wenn sich jemand zum Weggang entschieden hat, kann man den Entscheid oft bestenfalls für ein paar Monate aufschieben. Es fragt sich, ob man diese Zeit nicht besser dazu nutzt, eine neue Person einzuarbeiten. In diesem Sinne kann ein Stellenwechsel für beide Parteien eine Chance bedeuten.

Wie werden Sie die Herren Diem, Arnet, Schindler, Wenzler und Frau Kühni verabschieden?

Wir bleiben unserem Motto "in dubio prosecco" treu. Zudem gibts wie immer eine Flasche Federweisser aus dem Zürcher Ratskeller und dieses Jahr ausnahmsweise je ein von Kurt Imhof handsigniertes Exemplar der Studie "Qualität der Medien – Schweiz Suisse Svizzera".

Interview: Edith Hollenstein