Interview mit Thomas Held

- "Verleger sollten sich stärker von der SRG abgrenzen."

Früher linker Studentenführer, dann unter anderem Chef von Avenir Suisse und heute engagiert er sich für das Projekt Musikinsel Rheinau. Der Zürcher Soziologe und "Magazin"-Kolumnist Thomas Held sieht die Zukunft der Schweiz düster. Wie kann diese Krise überwunden werden und was sagt Held zur SRG-Strategie im Internet? Zum Interview:

Herr Held, im Tages-Anzeiger hat Chefredaktor Res Strehle Karl Marx als Visionär gefeiert. Findet man in der momentanen Krise wirklich Hilfe bei Karl Marx?

Nein, so etwas wäre wirklich sinnlos.Weder die Globalisierung noch die Digitalisierung konnten im 19. Jahrhundert gedacht werden. Aber Ihr Eindruck stimmt, dass momentan die alten Schriften wieder hoch im Kurs stehen, ein Gottesdienst um die alten Theoretiker wie Marx, aber auf der anderen Seite auch liberale Vordenker wie Friedrich August von Hayek. Dies zeigt den extremen Grad der Verunsicherung. Das liberale Credo, welches das Verhältnis zwischen Staat und Wirtschaft regelte, hat durch die Rettungsmassnahmen für den Finanzsektor und die fast andauernde Stimulierung viel von seiner Relevanz verloren. Man hat in den letzten drei Jahren zu wenig registriert, dass sich die Welt mit der Finanzkrise von 2008 grundlegend verändert hat, dass es nicht nur um einen Konjunktureinbruch ging. Wir können nicht mehr "business as usual" zelebrieren.

Warum ist kein "Business as usual" mehr möglich?

Die enorme Verschuldung vieler Länder verunmöglicht die Rückkehr zur Normalität. Die staatlichen Eingriffe zur Rettung der Volkswirtschaften bewirkten 2008 eine Verschiebung der Machtverhältnisse, gleichzeitig übernahmen sich die schon verschuldeten Länder endgültig. In vielen westlichen Ländern, in den USA, aber auch in Europa, gibt es heute keine freie Marktwirtschaft im liberalen Sinn mehr, sondern eine Art Staatskapitalismus. Als kurz nach der Finanzkrise, also 2009 und 2010, ein leichter Aufschwung einsetzte, glaubte man bereits wieder, dass alles in den gewohnten Bahnen verlaufe. Doch dies war trügerisch. Bei Avenir Suisse hat man bereits vor drei Jahren auf die enormen Schuldenberge hingewiesen, und wir waren uns bewusst, dass es irgendwann zum Knall kommen würde.

Aber wie kommt man aus dieser Krise heraus?

Es ist ganz einfach: indem die Schulden abgetragen oder sonst wie eliminiert oder zumindest massiv verkleinert werden. Durch die Krise haben sich aber auch die Kräfteverhältnisse auf der Welt stark verändert. Vor wenigen Jahren wäre es noch undenkbar gewesen, dass ausgerechnet China den Europäern zur Hilfe kommt oder vielleicht die Russen den Deutschen. Europa, und damit auch die Schweiz, muss sich auf einen unvermeidlichen Rangverlust gefasst machen. Dies führt zu Frustrationen und politischen Reaktionen. Es könnten auch in europäischen Ländern Volkstribunen à la Chavez an die Macht kommen. In Ungarn sehen wir vielleicht ein erstes Aufflackern davon.

Fast schon kriegsähnliche Zustände?

Krieg ist das falsche Wort. Es geht nicht darum, dass sich in Europa Staaten bekämpfen werden. Doch der wirtschaftliche Niedergang kann dazu führen, dass es auch in Europa plötzlich vermehrt Orte gibt, die nicht mehr eindeutig unter das Rechts- und Machtmonopol des Zentralstaates fallen, so etwas wie "failed provinces". Dies ist eine Entwicklung, wie wir sie bereits aus dem Kosovo kennen.

Zu einem anderen Thema: Am Medienkongress in Flims hat sich Ihr Nachfolger, Gerhard Schwarz, gegen die Onlinestrategie der SRG gestellt. Was ist Ihre Ansicht?

(Lacht.) Ich habe Gerhard Schwarz’ Rede nicht gelesen, aber ich hoffe sehr, ich hätte mehr oder weniger das Gleiche gesagt. Ich schlug schon vor vielen, vielen Jahren in einem Vortrag vor, die SRG in eine private Aktiengesellschaft mit Umverteilungsauflagen zwischen den Landesteilen umzuwandeln. Auch während meiner Zeit bei Ringier vertrat ich immer die Meinung, dass sich die Verleger aus ordnungspolitischen Überlegungen stärker von der SRG abgrenzen sollen. Doch dies war wegen der kleinen Märkte in der Schweiz schwierig. Aber es ist das Urproblem: Hätten sich die Verlagshäuser nicht ständig auf Partnerschaften mit der SRG eingelassen, wäre ihre Kritik an der geplanten Onlinestrategie auch viel glaubhafter.

Aber finden Sie die Kritik richtig?

Selbstverständlich ist es richtig, sich gegen die Pläne der SRG zu wehren. Gleichzeitig ist es auch ein bisschen absurd, wenn sich die Verleger mit ihren Pressesubventionen jetzt als Wächter des Liberalismus aufspielen.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken, was war Ihr bisheriger Höhepunkt?

(Lacht.) Ich hoffe sehr, dass meine Karriere noch nicht zu Ende ist. Mein Mandat für das Projekt Musikinsel Rheinau beschäftigt mich zurzeit so, dass ich nicht viel Zeit für Rückblicke habe. Meine Aufgabe ist es, das dort vorgesehene Musikzentrum zu konzipieren, die vom Kanton Zürich durchgeführte Renovation zu begleiten und den Betrieb vorzubereiten.

Dieses Projekt wird vom SVP-Übervater Christoph Blocher getragen. Ist es nicht ein bisschen paradox, dass Sie als ehemaliger Studentenführer heute in seinem Sold stehen?

(Lacht.) Christoph Blocher war ja auch ein Studentenführer – einfach auf der anderen Seite! Im Ernst: SMR, die Stiftung Musikinsel Rheinau, besteht aufgrund eines ausserordentlich grosszügigen Engagements von Christoph Blocher. Ein privates Engagement, das – wenn ich etwa die hoch subventionierten deutschen Landesmusikakademien zum Massstab nehme – keineswegs selbstverständlich ist. Die Stiftung ist politisch neutral, ich wurde von ihr aufgrund meiner Erfahrungen in Luzern verpflichtet. Was ich denke, ist durch zehn Jahre Avenir Suisse, durch meine Vorträge und durch meine wöchentliche Kolumne im Magazin hinreichend dokumentiert. Ich empfinde keine Notwendigkeit zu irgendeiner Rechtfertigung.

Das ganze Interview von Matthias Ackeret lesen Sie in der Oktober-Ausgabe vom "Persönlich"-Heft.