Interview-Rückzieher sorgt für rote Köpfe

HandelsZeitung - Forderte SIG-Chef Leisewitz "Maulkorbgarantie"?

Eigentlich hätte die HandelsZeitung in ihrer aktuellen Ausgabe gerne ein grosses Interview mit Lambert Leisewitz, VR-Präsident der SIG gebracht. Doch kurz vor Erscheinen zog dieser das Interview überraschend zurück. "Lag es daran, dass die Autorin den von Financier Tito Tettamanti hart kritisierten Leisewitz fragte, ob er an der SIG-GV vom 30. März das Handtuch werfen wird?" fragt sich HandelsZeitung-Chefredaktor Martin Spieler im Editorial der aktuellen Ausgabe.

Spieler glaubt, dass andere Gründe dafür sorgten, dass Leisewitz das Interview zurückzog. So soll die SIG von der Redaktion eine Garantie verlangt haben, dass in der gleichen Ausgabe wie das SIG-Interview die Gegenseite, also Tito Tettamanti, nicht zu Wort kommt. Eine solche Forderung mag Spieler nicht akzeptieren, wie er gegenüber "persoenlich.com" sagt: "Ich finde es ungeheuerlich, dass ein Kommunikationschef und ein Verwaltungsratspräsident das Gefühl haben, sie können einer Zeitung vorschreiben, eine kritische Gegenseite auszuschliessen und dies als Bedingung für ein Gespräch machen." Für Spieler widerspricht diese Forderung dem Gebot der publizistischen Freiheit.

Die Sichtweise von SIG-Kommunikationschef Thomas Werder weicht von Spielers Version der Vorgänge allerdings erheblich ab. Zwar habe die HandelsZeitung ihm zugesichert, dass Tettamanti und Agosti in der Ausgabe mit dem Interview nicht zu Wort kommen. Aber: "Das war keine Voraussetzung für ein Interview." Für Werder mutet es eigenartig an, wenn der SIG die Macht zugesprochen wird, irgendeinem Medium etwas verbieten zu wollen. "Die haben wir nicht und die möchten wir auch nicht haben", so Werder.

Für ihn war aber diese angeblich nicht eingehaltene Zusicherung nur einer von drei Beweggründen, die Publikation des Interviews schliesslich zurückzuziehen. Werder: "Abgemacht war, dass das Interview am 22. Februar erscheint, da wir verhindern wollten, dass die Publikation des Interviews zu kurz vor der Bilanzmedienkonferenz vom 7. März stattfindet.“ An diese Vereinbarung habe sich die HandelsZeitung nicht gehalten und wollte das Gespräch erst am 1. März abdrucken. Im Gegenzug verneint Spieler, ein fixes Publikationsdatum abgemacht zu haben.

Weiter bemängelt Werder das Interview auch auf inhaltlicher Ebene: Es hätten "gravierende Abweichungen" zu dem Gespräch bestanden, das tatsächlich stattgefunden habe. Mit dem Angebot der HandelsZeitung, das Interview umzuschreiben, habe sie dies indirekt zugegeben. Darüber wiederum kann Spieler nur den Kopf schütteln: "Blödsinn", findet er, "weil das Gespräch insgesamt eineinhalb Stunden dauerte, waren unsere Autorinnen gezwungen, Schwerpunkte zu setzen. Ich habe das Interview angeschaut, alles daran ist korrekt."

Martin Spieler hat seine Lehren aus der Affäre gezogen. Wenn der Preis für ein Interview mit Leisewitz darin liegt, dass man die kritischen Aktionäre nicht zu Wort kommen lassen darf, gibt es für ihn nur eine Haltung: "Wir verzichten gerne auf künftige Interviews mit Ihnen, Herr Leisewitz", kündigte der Chefredaktor der HandelsZeitung im Editorial an.