Herr Brotz, wie ist die Anhörung gelaufen?
Die Militärjustiz wollte herausfinden, wer unsere Informanten sind. Nicht nur, wer das geheime Papier im Zug gefunden hat, sondern auch, mit wem wir gesprochen haben -- auch im Zusammenhang mit unserem Buch "CIA-Gefängnisse in Europa". Wir haben uns hier auf den Standpunkt gestellt, dass der Informantenschutz eines der höchsten Güter im Journalismus darstellt. Zugleich argumentierten wir, dass die Interessen eines Landes tiefer zu gewichten sind, als die Menschenrechte. Die Veröffentlichung war journalistisch richtig und politisch wichtig.
Ihre Geschichte, dass der Geheimfax zufällig von einem Pendler im Zugabteil gefunden wurde, glaubte Ihnen kaum jemand. Wohl auch nicht der Richter...
Die Militärjustiz hat versucht, noch mehr zu erfahren. Aber wir gingen nicht weiter, als wir im Buch beschrieben haben. Manchmal ist die Wahrheit eben banaler, als viele meinen. In Holland ist einmal ein sehr ähnlicher Fall passiert. Erstaunlicherweise hat kein Journalist dies je nachrecherchiert. Die Variante ist also alles andere als unlogisch.
SonntagsBlick-Chefredaktor Christoph Grenacher verweigerte seine Aussage. Sie und ihr Kollege Beat Jost gaben der Justiz Auskunft. Weshalb?
Grenacher, Jost und ich haben eines gemein: Wir anerkennen die Zuständigkeit der Militärjustiz nicht. Wir verstehen nicht, weshalb wir als Journalisten behandelt werden wie Militaristen. Jost und ich als zeichnende Redaktoren haben uns aus Respekt vor den Institutionen dieses Landes entschieden, zumindest deren Fragen anzuhören -- und Antwort zu geben, sofern uns dies möglich war. Uns ging es darum, darzulegen, weshalb wir den Inhalt des geheimen Papiers publizierten. Und nicht darum, ein militärisches Geheimnis zu verletzen. Wir haben also vor dem Richter nicht juristisch, sondern journalistisch-politisch argumentiert. Und wir werden unseren Standpunkt notfalls bis nach Strassbourg ziehen.
Sie haben sich über die Drohung von Armeechef Keckeis, Sie im Falle einer Publikation des Faxes anzuzeigen, hinweggesetzt. War dies aus heutiger Perspektive richtig?
Die Frage, ob es die CIA-Gefängnisse in Europa gibt, beschäftigte im Januar die halbe Welt. Ich möchte den Journalisten sehen, der einen Beleg für die Existenz der CIA-Gefängnisse findet, diesen dann aber in der Schublade verschwinden lässt. Letztlich aber geht es um eine Grundsatzfrage, die nicht nur den SonntagsBlick, sondern auch andere Verlagshäuser interessieren müsste. Die OECD hat sich in einem Brief an die Bundesräte Schmid und Blocher für uns eingesetzt, ebenso die Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen. Man fragt sich schon, ob in der Schweiz etwas mit der Pressefreiheit nicht stimmt, wenn Organisationen, die sonst in Burkina Faso oder Swaziland aktiv werden, plötzlich die Schweiz kritisieren. Das müsste uns doch zu denken geben.
Hatten Sie den Eindruck, dass Ihr Standpunkt bei der Militärjustiz auf offenes Gehör stiess?
Die Grundstimmung war gut. Ich mache mir aber keine allzu grossen Illusionen -- gerade auch mit Blick auf die bisherige Urteilssprechung, etwa im Falle meines Kollegen Alexander Sautter. Ihn wollte man wegen der Publikation des Standorts eines geheimen Bunkers ein halbes Jahr einsperren. Ja, sind wir denn in Swaziland?
Gehen Sie von einem Freispruch aus?
Unsere Erwartungshaltung ist klar: Das Verfahren muss eingestellt werden. Denn wenn etwas von öffentlichem Interesse ist, dann die Frage, ob es solche geheime Verhörzentren tatsächlich gibt. Das Gericht muss die Menschenrechtsfrage höher gewichten als die Eigeninteressen des Staates.
Sie sind wegen Veröffentlichung geheimer Dokumente bereits vorbestraft. Wie stark belastet Sie die Affäre?
Sie lässt mich sicherlich nicht kalt. Das Strafhöchstmass beträgt immerhin fünf Jahre. Andererseits muss ich mich auch fragen, weshalb ich meinen Job mache. Doch, weil ich im besten Fall die Möglichkeit besitze, etwas auszulösen. Zumindest eines haben wir erreicht: Es gibt es in diesem Land eine Diskussion darüber, ob Journalisten, die etwas aufdecken, bestraft werden sollen oder nicht. Allein dies ist es wert, dass dieses Verfahren gegen uns läuft.
Sie hoffen, dass die Politik auf die Vorgänge reagiert?
Das ist zum Teil schon passiert. Der grüne Nationalrat Jo Lang sammelt derzeit Unterschriften. Und der ehemalige Justizminister Arnold Koller hatte schon vor Jahren gefordert, das Gesetz gegen Amtsgeheimnisverletzung für Journalisten abzuschaffen. Vielen ist mittlerweile klar: Dieser alte Zopf muss weg. Denn wir machen nur unsere Arbeit und solche Verfahren kommen praktisch einem Berufverbot gleich. Dagegen müssen wir uns wehren -- auch wenn es im schlimmsten Fall mit einer Verurteilung endet.
Spüren Sie eine gewisse Solidarität von Seiten der Medienschaffenden?
Von Seiten der comedia ist dieses Bewusstsein vorhanden. Die Mediengewerkschaft äussert sich zu unserem Fall in der Öffentlichkeit und organisiert Podiumsgespräche, wie zum Beispiel am 1. Juni im Volkshaus Zürich. Bei den Verlagen jedoch ist das "Gärtchen"-Denken immer noch sehr stark ausgeprägt. Vielleicht ist es eine Illusion zu hoffen, dass sich dies je ändert.
Die inhaltliche Diskussion über die CIA-Gefängnisse war nur von kurzer Dauer -- daran konnte auch die Fax-Affäre nichts ändern. Hat Sie die Fax-Affäre auch ein wenig verbittert?
Nein, überhaupt nicht. Denn zumindest hat das Interesse an der CIA-Affäre den ganzen Januar angedauert. Und sobald Dick Marty seinen Untersuchungsbericht in Strassbourg vorlegt, wird das Thema wieder von den Medien aufgenommen werden. Im übrigen gibt es auch ein Leben neben und nach der CIA-Affäre.