Wer zum Teufel ist Katharina Michel? Wenn Sie die Brienzerin, die sich jetzt Kät nennt nicht kennen, ist das keine Bildungslücke, obwohl sie vor 5 Wochen erst den Titel Schweizer Musicstar 2009 gewonnen hat. Ihre Chancen, mehr als die sprichwörtlichen 15 Minuten Berühmtheit zu erlangen, sind äusserst gering. Sie ist eines der vielen netten Gesichter, die von der hungrigen TV-Casting-Maschine hochgespült wurden, um gleich wieder zu verschwinden.
Mehr Chance auf einen etwas dauerhafteren Platz an der öffentlichen Sonne hat dagegen Susan Boyle, die Teilnehmerin an der Castingshow "Britain got talent". Ob sie wirklich viel besser singt und darum dem Sender ITV Traumquoten und der arbeitslosen schottischen Jungfrau millionenfache Auftritte auf YouTube bescherte, sei dahingestellt.
Mehr Chance auf einen etwas dauerhafteren Platz an der öffentlichen Sonne hat dagegen Susan Boyle, die Teilnehmerin an der Castingshow "Britain got talent". Ob sie wirklich viel besser singt und darum dem Sender ITV Traumquoten und der arbeitslosen schottischen Jungfrau millionenfache Auftritte auf YouTube bescherte, sei dahingestellt.
Aber dass sie im Gegensatz zu vielen Möchtegern-Musicstars eine authentische, unverwechselbare Persönlichkeit ist, steht fest. Die Fernsehmacher aus Grossbritannien haben wieder einmal die bessere Nase gezeigt und den Hunger des Publikums nach echten Leuten und dem richtigen Leben schneller bedient als die Show Produzenten des deutschen Sprachraumes. Aber der Trend wird sich bald auch hier zeigen.
Jamie Olivers Feldzug gegen Fastfood
Eines der in Luzern gezeigten Beispiele -- Jamie Olivers Feldzug gegen Fertiggerichte und für das gesündere Selbstkochen -- vereinigt mehrere der neuen Tendenzen. Er hatte sich vorgenommen die Stadt Rotherham mit ihren 120'000 Einwohnern exemplarisch für ganz England wegzubringen von Fastfood, Fertigküchen und anderen fetten Ernährungsgewohnheiten. Bei solchen Zielen ist Partizipation und nicht die im Reality-Fernsehen übliche Elimination gefragt. Und dass dies mindestens so spannendes Fernsehen ergibt wie die Elimination eines Dutzendgesichtes pro Sendung, zeigt er mit "Jamies Ministry of Food".
Das aus dem Wortschatz des 2. Weltkrieges übernommene Ministerium für Nahrungsmittel ist ein witziges Schneeballsystem, bei dem er zunächst zwölf Freiwilligen 10 Rezepte beibrachte, und diese wiederum je zwei Bekannten die Rezepte lehrten etc. etc., bis ganz Rotherham gesund kocht und isst. Alles echte Leute und nicht bloss von Hairdressern und Make up Visagisten hochgestylter Ehrgeiz.
Das aus dem Wortschatz des 2. Weltkrieges übernommene Ministerium für Nahrungsmittel ist ein witziges Schneeballsystem, bei dem er zunächst zwölf Freiwilligen 10 Rezepte beibrachte, und diese wiederum je zwei Bekannten die Rezepte lehrten etc. etc., bis ganz Rotherham gesund kocht und isst. Alles echte Leute und nicht bloss von Hairdressern und Make up Visagisten hochgestylter Ehrgeiz.
Mindestens solange die TV-Kameras liefen, war das Grossexperiment ein voller Erfolg. Und damit sind wir beim zweiten Trend des neuen Reality-Fernsehens: Die neuen Formate setzen auf Feelgood statt Fertigmachen -- Jamie Oliver ist zeitgemässer als die Grosschnauze Dieter Bohlen.
Bosse an die Werkbank, Politiker in die Sozialhilfe
Neue Reality-Trendformate, suchen den Spannungsbogen weniger durch halb inszenierte Zickenkriege (" next Topmodel") und Gockelspiele ("Big Brother"), sonder wieder vermehrt durch einen unverfälschten und damit hoch voyeuristischen Blick auf das "echte Leben". Natürlich ist die gezeigte Konstellation auch konstruiert, aber ist das Setting vereinbart, lässt man eine dokumentarische Kamera laufen.
"Celebrities on Welfare von Jon de Mol ist so ein Beispiel, bei dem reiche Leute eine Zeit lang wie Sozialhilfeempfänger leben müssen. Dieses Konzept wurde übrigens schon 2003 in Form eines Dokumentarfilmes von der BBC realisiert, bei dem der rechte Tory Politiker und Sozialhilfekritiker Michael Portillo eine Woche lang den Job einer alleinerziehenden Mutter übernahm -- immer begleitet von TV Kameras.
"Celebrities on Welfare von Jon de Mol ist so ein Beispiel, bei dem reiche Leute eine Zeit lang wie Sozialhilfeempfänger leben müssen. Dieses Konzept wurde übrigens schon 2003 in Form eines Dokumentarfilmes von der BBC realisiert, bei dem der rechte Tory Politiker und Sozialhilfekritiker Michael Portillo eine Woche lang den Job einer alleinerziehenden Mutter übernahm -- immer begleitet von TV Kameras.
Die Medienbeobachterin Keri Lewis Brown von der Consulting Firma K7 Media schilderte an einem Workshop, wie die Reality Produktionsfirmen systematisch die alten Dokfilm-Archive durchforschen, um die Ideen dann in neuen Reality Serien zu adaptieren. Sie zeigte das BBC Konzept "Back to the floor" aus dem Jahre 1997, in dem der CEO der Firma an die Front ging um temporär als Büezer zu arbeiten. Jetzt taucht die Idee wieder auf als "undercover boss" mit dem zusätzlichen Dreh, dass er nach der Aufdeckung seiner wirklichen Position einzelne unterschätzte Mitarbeiter belohnt und befördert. Echtes Leben -- aber mit einem Happy End das ohne TV-Begleitteam in der Regel nicht stattfindet.
Fly on the Wall-Konzept
Wie eine Fliege an der Wand soll die Kamera das Geschehen im "echten Leben" beobachten. Auch dieses alte Konzept erlebt gerade wieder ein Revival. Channel Four strahlte im letzten Herbst "The Family" aus, eine beobachtende Serie über die Familie Hughes aus Canterbury, die bereit war, sich während rund 4 Monaten die ganzen 24 Stunden des Tages filmen zu lassen. "Ein einzigartiger Einblick in die Keimzelle der britischen Gesellschaft, der alle Aspekte und die Höhen und Tiefen des Familienlebens zeigt", wie der Sender sich brüstete.
Interessant dabei ist auch, wie alle Erfahrungen von Aufnahmetechnik und Storytelling des verschrienen Reality Urformates Big Brother in dieser hoch gelobten Dokumentarserie eingesetzt werden konnten. Gearbeitet wurde mit 21 remote control Kameras und 16 Mikrophonen. Realisiert wurde diese Reality Serie vom preisgekrönten Dokumentarfilmer Jonathan Smith.
(Text: Klaus Vieli)