Ein ehemaliger TV-Mann läuft den New York-Marathon, um seine Traumfrau zurückzuerobern. Steht sie am Strassenrand, liebt sie ihn vielleicht. Wenn nicht, ist die Liebe bereits erloschen. Im neuen Roman "Der Hammermann" von "persönlich"-Chefredaktor Matthias Ackeret wird der Lauf zur Obsession, Akteure der Medien- und Werberszene treten in der Gedankenwelt des Protagonisten auf. Alles Fiktion oder spricht hier der Autor selbst? "persoenlich.com" bat Kollege Ackeret um Interpretationshilfe. Das Interview:
Matthias Ackeret, muss man schon einmal einen Marathon durchlitten haben, um Ihr Buch zu verstehen?
Nein, überhaupt nicht. Mein Roman besitzt viele andere Facetten. "Der Hammermann" ist kein klassisches Marathonbuch, sondern ebenso eine Liebesgeschichte und ein Buch mit starkem Zürich-Bezug, in welchem die Kronenhalle als Ort des Geschehens eine zentrale Rolle spielt. Auch beinhaltet es einige Akteure aus der Werber- und Medienszene. So etwa Alberto Venzago, den ich ziemlich schnörkellos und realitätsnah zeichne.
Wie entstand die Idee, einen Marathon-Roman zu schreiben?
Es gibt so viele Marathon-Bücher, dass der Verdacht entsteht, wonach jeder Finisher glaubt, ein Buch darüber zu schreiben müssen. Hingegen gibt es gar keinen oder nur wenige Marathonromane. Diese Lücke versuche ich nun zu füllen. Vor einem Jahr hatte ich eines Nachts die Idee zu diesem Projekt. Pathetisch ausgedrückt: Ein Marathon als Sinnbild für das Leben. Die Storyline entspricht dem New York-Marathon, jede Meile ist ein Kapitel. Die Ich-Figur rennt bei diesem Lauf um die Anerkennung einer Frau. Steht sie am Strassenrand, liebt sie ihn vielleicht. Wenn nicht, ist die Liebe bereits erloschen.
Im Buch lässt der Protagonist rennend sein Leben Revue passieren. Ein literarischer Kunstgriff oder die Erlebniswelt des Marathonläufers Matthias Ackeret?
Nachdem meine Idee sich konkretisiert hatte, wusste ich: Um das Buch schreiben zu können, muss ich den New York-Marathon laufen und das Feeling spüren. Während des Rennens hab ich dann versucht, mir die passende Geschichte auszudenken. Doch bereits nach drei Meilen musste ich dieses Unterfangen beenden. Das Leiden eines Marathonläufers ist ein ganz spezielles und ist meistens auch mit krankhaftem Ehrgeiz und der Angst vor dem Aufgeben verbunden. Das Buch ist insofern kein Erlebnisbericht, sondern ein Roman, weil man auch das Universum des Läufers durchquert.
Der Marathon erscheint im Buch als Metapher für das ganze Leben. Ist das Leben aus Deiner Sicht ein einziger Chrampf?
Ich sträube mich eigentlich gegen die Vereinfachung, der Marathon sei wie das Leben. Hat man die Ziellinie jedoch überschritten, bleibt einem die Genugtuung, auch ein eigentlich sinnloses Ziel bewältigt zu können. Das ist wie im echten Leben, die Metapher besitzt also schon eine gewisse Richtigkeit. Ich war aber während des Schreibens immer vom Konzept des Buchs überzeugt: Wer den "Hammermann" an einem Stück durchliest, braucht etwa viereinhalb Stunden. Also etwa die Zeit, einen Marathon zu absolvieren.
Wieviel Matthias Ackeret steckt in der Hauptfigur des Romans?
Etwa 70 Prozent. Der Hauptprotagonist ist ja auch ein ehemaliger TV-Mann. Ich habe die Figur aber nicht gewählt, um eine Autobiographie zu schreiben, sondern weil jedem TV-Mann etwas Schillerndes wie auch eine Portion Sex-Appeal anhaftet. Überdies sind die meisten Figuren im Roman überzeichnet. Der Starwerber ebenso wie der Starfotograph und die bildhübsche Kunstwissenschaftlerin. Ich schrieb bewusst einen Roman, der mit Labels und Klischees kokettiert. Das zeigen ja auch die Orte, in der die Geschichte spielt: Das Engadin, New York, die Kronenhalle aber auch der China-Beach in Vietnam. Mein Buch soll auch Glamour versprühen.
Sie werfen einen ironisch-bewundernden Blick auf die Kronenhalle und deren Besucher.
Klar, für mich ist die Kronenhalle das wichtigste Lokal Zürichs. Und auch wenn die Figuren -- insbesondere mein Verleger M. oder der schöne Mike Baum, ein Spezialist für integrierte Kommunikation mit Boeschboot, -- nicht immer gut wegkommen, habe ich sie ins Herz geschlossen. Schliesslich verbringt man eine grosse Zeit mit ihnen. Der Starwerber Parazini etwa existiert für mich -- auch wenn er sich aus mehreren verschiedenen Werbern, die ich kenne, zusammensetzt. Ebenso die Person Alberto Venzago: Das Original wird praktisch eins zu eins abgebildet. Im Buch frage ich mich, warum sich Alberto Venzago -- eigentlich die Vollendung des Pseudonyms -- einen solch hässlichen Künstlernamen wie Augusto Venzini zulegt. Venzini ist Vodoo-Fotograf und ständig mit vielen Frauen umgeben, die sein Atelier besuchen wollen. Ich fürchtete -- ehrlich gesagt --, dass mit Alberto diese Überzeichnung übel nehmen könnte. Meine Furcht war jedoch unbegründet: Venzago zeigte sich vom Buch begeistert und arbeitet weiterhin für "persönlich".
Alle Personen, die im Buch vorkommen, sprechen also noch mit Ihnen...
Ja. Ich für meinen Teil fänds ja auch toll, wenn ich in einem Roman eines Kollegen vorkommen würde. Selbst wenn ich als Diaboliker gezeichnet würde, verstünde ich es als Anerkennung, in einem Buch verewigt zu werden.
Sie schreiben: "Nur eines ist schlimmer, als Ex-Moderator zu sein, gar nie beim Fernsehen gearbeitet zu haben." Haben auch Sie darunter gelitten, nicht mehr vor der Kamera zu stehen?
Nun gut, ich wurde ein wenig abgefedert, weil ich regelmässig im Sonntalk auftrete. Überdies verliess ich die TV-Branche auch freiwillig, weil ich nach acht Jahren wieder etwas anderes sehen wollte. Der Schmerz meines Hauptprotagonisten ist also um einiges grösser, als der Meinige.
Als einer von wenigen ist Ihnen der Schritt vom Medium Fernsehen zum Printjournalismus gelungen. Hat Ihnen dieser Umstieg keine Schwierigkeiten bereitet?
Lange Zeit dachte ich, das Fernsehen und das Radio sei meine Passion. Doch heute schreibe ich genauso gerne. Ich lese sehr viel und versuche eine eigene Sprache zu entwickeln. Kommt hinzu: Wenn es ein Medium gibt, das unsterblich ist, dann das geschriebene Wort.
Abschlussfrage: Kann man sich schon bald auf ein neues Werk des Autors Matthias Ackeret freuen?
Nein, es ist nichts in Planung. Vor acht Jahren hatte mein Co-Autor Manfred Klemann und ich mit dem Buch "Alle Welt ist Ballermann" viel Erfolg, insgesamt wurde es rund 10'000 Mal verkauft. Damals befürchtete ich, dass ich mein Pulver schon verschossen hätte. Nun habe ich mit dem New-York-Marathon ein neues Thema gefunden. Wann das Nächste kommt, weiss ich noch nicht.
(Interview: David Vonplon)