Nach Tagen der Ungewissheit sind die in einem Hotel in Tripolis von Gaddafi-Anhängern eingeschlossenen Journalisten seit Mittwoch wieder frei. Wie die Medienvertreter am Nachmittag in der libyschen Hauptstadt bekanntgaben, konnten sie das Gebäude unbeschadet verlassen. Die Reporter wurden in vier Fahrzeugen des Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Sicherheit gebracht. Mit Kalaschnikows bewaffnete Anhänger von Muammar al-Gaddafi hatten die rund 35 Reporter seit Sonntag im Luxushotel Rixos in der Nähe der in der vergangenen Nacht von den Rebellen gestürmten Gaddafi-Residenz festgehalten. Einige der Journalisten wurden direkt bedroht.
Unter den Eingeschlossenen, die im ersten Stock des Hotels ohne fliessendes Wasser und mit unbeständiger Stromversorgung ausharrten, befand sich unter anderen Reporter von CNN, BCC und der grossen internationalen Nachrichtenagenturen.
Stadt habe sich völlig verändert
"Es war ein Alptraum", sagte CNN-Reporter Matthew Chance am Mittwochnachmittag. Alle seien "restlos erleichtert". BBC-Korrespondent Matthew Price schilderte nach der Freilassung sein Erstaunen über die geänderte Lage in Tripolis: Sie hätten eine "völlig andere Stadt" vorgefunden, als "sieben Tagen zuvor". Zwischenzeitlich habe er befürchtet, die Gaddafi-Truppen könnten das Hotel als letzte Festung nutzen. "Was passiert dann mit uns?", habe er sich gefragt, sagte Price. Die Journalisten schliefen in kugelsicheren Westen auf dem Boden, um sich vor etwaigen Angriffen zu schützen. Ihre Habseligkeiten packten sie nicht aus, damit sie für einen schnellen Aufbruch vorbereitet waren. Auch einige Diplomaten befanden sich in dem Hotel. Aus Furcht vor Kämpfen zwischen Rebellen und Kämpfern Gaddafis um das Hotel hängten einige Medienvertreter zwischenzeitlich Banner mit den Worten "TV" oder "Presse, nicht schiessen" auf.
Wächter überrascht
Am Mittwochnachmittag liessen die Wächter die Journalisten schliesslich frei. Das IKRK hatte mit Gaddafi-loyalen Streitkräften darüber gesprochen, dass es um die Sicherheit der Journalisten besorgt sei, als es plötzlich hiess, die Gefangenen dürften das Hotel verlassen. "Wir konnten sie alle in vier Fahrzeugen unterbringen, kein Problem", sagte der Leiter der Rote-Kreuz-Delegation in Tripolis, George Comninos. "Natürlich war es dennoch eine sehr angespannte Situation." Zuletzt waren nach Angaben eines Korrespondenten der Nachrichtenagentur AP nur noch zwei mit Kalaschnikows bewaffnete Wächter in dem Hotel zu sehen. Einer der Wachposten habe überrascht reagiert, als er erfuhr, dass Tripolis in der Hand der Rebellen sei. (sda)