Die Auswirkungen der Gratiszeitungen auf die schweizerische (Print-)Medienlandschaft sind vielschichtig. Ökonomisch überwiegen die positiven Effekte. Zum einen kommt es zu einer Marktausdehnung, zum anderen sind die regionalen Abonnementszeitungen gezwungen, längst fällige Strukturbereinigungen vorzunehmen. In publizistischer Hinsicht dagegen stehen negative Wirkungen in Form von Qualitätseinbussen im Vordergrund.
Zu diesem Schluss kommen rund 40 Experten aus der Schweizer Kommunikationswirtschaft und der Medienwissenschaft, die unter dem Namen "DELPHInarium" von der Publicom AG, Medienforschung und -beratung, regelmässig befragt werden. Nach der erfolgreichen Markteinführung von 20 Minuten wurden in der Schweiz mit Le Matin bleu, 20 minutes, Heute und CASHdaily weitere Gratistitel lanciert. Das DELPHInarium-Panel befasste sich mit den Auswirkungen dieser Entwicklung auf die Medienlandschaft.
Trend unumkehrbar, Zweiteilung des Marktes wahrscheinlich
Wird der Boom der Gratismedien anhalten? Die Einschätzung der Experten fällt deutlich aus: Eine klare Mehrheit stimmt der Aussage zu, dass der Trend zu Gratismedien unumkehrbar ist. Allerdings trifft dies offenbar nicht für alle Medienkategorien zu, vielmehr wird es zu einer Zweiteilung des Medienmarktes kommen: Für hochwertige Inhalte werden die Konsumenten weiterhin bezahlen, während anspruchslose Inhalte gratis zur Verfügung stehen. Ein Experte ergänzt diese Einschätzung mit dem Hinweis, dass v.a. der individuelle Nutzen die Zahlungsbereitschaft bestimmt: "Die Preisdifferenzierungskriterien werden sich ändern. Zahlungsbereitschaft hängt nicht (nur) von Qualität der Information ab, sondern Grad des Bedarfs, Ort, Zeit, Format, Relevanz."
Positive Effekte des Gratiszeitungs-Booms
Zur Frage, welches wohl die wichtigsten Auswirkungen des Gratis-Booms sind, werden am häufigsten die regionalen Zeitungen als Betroffene aufgeführt. Acht von zehn Experten vermögen darin aber auch positive Aspekte zu erkennen: die Gratistitel würden die regionalen Zeitungen zu längst fälligen Strukturbereinigungen zwingen, was deren Konkurrenzfähigkeit stärken werde. Eine Mehrheit glaubt aber auch, dass die Abonnementszeitungen weiterhin Leser verlieren werden.
Ein positiver Effekt der neuen Gratiszeitungen ist die Ausdehnung des Lesermarktes: Sieben von zehn Experten sind nämlich der Meinung, dass die Gratiszeitungen neue Lesermärkte erschliessen. Unklar ist dagegen, ob die Gratistitel zu einer allgemeinen Entwertung des Rohstoffes 'Information' beitragen. Immerhin sieht fast die Hälfte der Experten diese Gefahr. Für Abonnementszeitungen ist die Lage offenbar noch nicht hoffnungslos: Die in der Medienbranche häufig geäusserte Befürchtung, junge Menschen, die heute mit '20 Minuten' "mediensozialisiert" werden, sind später nicht mehr bereit, für ein Zeitungsabonnement zu bezahlen, teilt nur knapp ein Viertel der Befragten.
Boulevard- und regionale Titel Verlierer im Werbemarkt
Dass die Gratistitel Auswirkungen im Werbemarkt zeitigen, mag keiner der Experten bestreiten. Am stärksten trifft es offenbar die Boulevardpresse und die regionalen Tageszeitungen, die am stärksten unter den neuen Angeboten leiden, während die übrigen Medien (inkl. NZZ) nach Meinung der Experten nur wenig oder gar keine Anzeigeneinbussen befürchten müssen.
Verliererin: Die journalistische Qualität
Fast alle Experten glauben, dass die Gratistitel Auswirkungen auf die journalistische Qualität der Presse haben. Aber nur eine Minderheit glaubt, dass die Qualität durch den härteren Konkurrenzkampf zunimmt. Für zwei Drittel stehen die negativen Aspekte im Vordergrund: Die Presse werde durch den verschärften Wettbewerb anfälliger auf kommerziellen Druck, und die Redaktionen müssten mit weniger Personal auskommen. Daher werde die Qualität leiden.