Herr Knellwolf, was interessiert Sie eigentlich so brennend am Fall Kachelmann?
Hochgestochen und allgemein gesagt: Wie die Medien und die Justiz in einer solchen Situation mit Prominenten umgehen.
Warum gerade Kachelmann? Prominente im Konflikt mit dem Gesetz gab es doch schon vorher.
Dieser Prozess hat eine ganz spezielle Dynamik und Dimension. Kachelmann liegt mittlerweile in Deutschland in punkto Bekanntheitsgrad irgendwo bei Gottschalk, Merkel und Schweinsteiger. Dazu hat der Prozess auch einen ganz anderen Verlauf genommen, als wenn er in der Schweiz stattgefunden hätte. Statt 44 Tage, hätte er hier nur ein bis drei Tage gedauert.
Heisst das, in Mannheim wurde schlecht gearbeitet?
Nicht nur, die Deutschen haben einfach ein anderes Rechtssystem. Es gilt das Unmittelbarkeitsprinzip. Das bedeutet, dass jede Zeugenaussage bei der Polizei, auch wenn sie aktenkundig und vielleicht nebensächlich ist, vor Gericht meist nochmals durchgekaut werden muss. Abgesehen davon ist die Verhandlung in Mannheim aufgebläht worden. Das Gericht hat sich auf Nebenschauplätze begeben, die es gar nicht hätte betreten müssen.
Wann ist der Entscheid gefallen, ein Buch zu schreiben?
Ich habe schon recht früh damit geliebäugelt. Das Problem war, dass ich zuerst keinen Zugang zu den Akteuren und zu direkten Informationen hatte. Niemand hatte in Mannheim und Umgebung auf den kleinen Knellwolf aus der Schweiz gewartet. Sobald ich den Protagonisten gesagt habe, dass ich an einem Buch arbeite, sind plötzlich alle Türen aufgegangen. Das scheint ein guter Trick zu sein. (lacht) Aber dann musste ich es auch schreiben.
Was erfahre ich als Leser in dem Buch, was ich nicht schon aus den Zeitungen weiss?
Einerseits sehe ich, dass viele Leute den Überblick verloren haben. Ich liefere alles, nein viel, vom Anfang bis zum Urteil. Ich versuche, es einzuordnen. Andererseits erfährt man Dinge, die noch nirgends zu lesen waren: sehr viele Details, und zum Beispiel einiges über Meteomedia und die Intrigen da und dort. Ausserdem habe ich versucht, das Buch in einem zurückhaltenden, aber spannenden Ton zu verfassen, ohne voyeuristisch zu werden. Peter Studer, der ehemalige Präsident des Presserats, hat gesagt, es lese sich wie ein Kriminalroman - auch wenn die Geschichte natürlich sehr ernst ist und eine Tragödie für alle Involvierten.
Das jüngst erschienene Buch von Thomas Knellwolf zum Fall Kachelmann.
Das Buch ist abgeschlossen, der Fall allerdings noch nicht ganz. Die Anklage hat Berufung eingelegt. Haben Sie verfrüht abgeschlossen? Und wie wird die Sache um Kachelmann weitergehen?
Ich bin nicht ganz so sicher, ob dieser Prozess nochmals aufgerollt wird. Von der Staatsanwaltschaft und von der Nebenklägerin wurde Revision eingelegt. Jetzt muss das Gericht ein schriftliches Urteil anfertigen. Das können gut und gerne 300, 400 Seite werden. Nur wenn Rechtsfehler vorliegen, muss der ganze Prozess nochmals von vorne begonnen werden. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich. Bei einem so stark beobachteten Verfahren ist es fast ausgeschlossen, dass es unbemerkt gravierende Rechtsfehler gegeben hat.
Es wird immer von einem Medienskandal geredet. Ist Kachelmann denn Opfer oder Mittäter dieses Skandals?
Ganz eindeutig Opfer. Ob er sich aber einen Dienst tut, wenn er in der aktuellen "Zeit" die Frauen, die für ihn Unangenehmes ausgesagt haben, als eine Art Racheengel darstellt, wage ich zu bezweifeln. Er treibt auch ein gefährliches Spiel, wenn er die Boulevardmedien angreift, die bestimmt zurückschlagen werden. Auch wenn ich Verständnis dafür habe, dass er etwas sagen will: Weiterschweigen wäre wohl weiterhin die bessere Taktik.
Auch Sie stellten - wie Herr Rothenbühler ("persoenlich.com" berichtete) - vielen deutschen Medien ein schlechtes Zeugnis aus. Waren andere Medien für Sie überhaupt eine valable Quelle, um an Informationen heranzukommen?
Ja, das schon. Aber die Informationen waren allzu oft einseitig und parteiisch präpariert. Das merkt man nur, wenn man die Akten und die Medienakteure kennen lernt. Nehmen wir - als jüngstes Beispiel - das "Zeit"-Interview mit Jörg Kachelmann: Da fragt die der Verteidigung geneigte Gerichtsreporterin nicht nach, als Jörg Kachelmann sagt, es habe von seiner Seite "keine sogenannten Grenzerkundungen und schon gar keine -überschreitungen" gegeben. Überhaupt fragt sie überall nicht nach, wo es hochinteressant geworden wäre. Wieder hat ein sogenanntes Leitmedium eine Chance vertan.
Glauben Sie, dass er irgendwann wieder am Bildschirm zu sehen sein wird?
Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sehr wahrscheinlich nicht. Bei den Privaten wäre das nach einer Karenzzeit schon eher möglich.
Wie steht es eigentlich um das Geschäftsleben von Herrn Kachelmann? Wie steht seine Firma Meteomedia da? Wird er da nicht als Bildschirmfigur gebraucht?
Anscheinend stand die Firma vor der Verhaftung ihres Gründers kurz davor, einen grossen Vertrag mit Ringier abzuschliessen. Es ging wohl darum, auf breiter Front Wetterdaten zu liefern. Da ist es nicht zur Vertragsunterzeichnung gekommen. Meteomedia hat in diesem turbulenten Jahr meines Wissen keine riesigen Aufträge verloren. Kleinere Engagements schon. Aber zu einem grossen wirtschaftlichen Einbruch kam es nicht. Klumpenrisiko ist und bleibt die ARD.
Peter Studer sagte an der Podiumsdiskussion am Mittwoch, das Buch tauge auch als Kriminalroman. Doch ein richtiger Krimi hat einen Täter. Wer ist es?
Es ist eben kein richtiger Krimi, sondern eine wahre Geschichte. Ich weiss auch nach 44 Prozesstagen nicht, wie es war. Beide - sowohl Kachelmann, wie auch die Klägerin - haben falsche Angaben gemacht. Die Falschaussagen der Klägerin waren massgeblich für den Freispruch verantwortlich waren.
Kachelmann selbst hat nun auch ein Buch angekündigt. Wer wird mehr Bücher absetzen?
Er, natürlich.
Wie geht es für Sie weiter? Beschäftigten Sie sich jetzt mit dem Fall um Carl Hirschmann? Oder sind das jetzt alles Peanuts gegenüber dem riesigen Skandal Kachelmann?
Ich habe mich mit Carl Hirschmann beschäftigt und werde es wohl weiterhin tun. Es geht auch bei ihm um ernste Angelegenheiten. Aber er kann von Glück reden, dass er Angeklagter im schweizerischen Justizsystem ist und dass er mit unseren Medien zu tun hat.
Interview: Adrian Schräder