Für Christoph Blocher ist nicht die «Zivilgesellschaft», oder einfach das Schweizer Stimmvolk verantwortlich für die Ablehnung der Durchsetzungsinitiative vom vergangenen Februar, nein Blocher sieht die Schuld bei den Medien: Die Journalisten hätten geschlossen und einseitig gegen die SVP-Initiative gehetzt, so wie die Nazis im Dritten Reich gegen die jüdische Bevölkerung: «Ihre Methoden der militanten Ausgrenzung und Isolierung erinnern mich an deren Methoden», sagte Blocher in einem Blick-Interview über die Schweizer Medienschaffenden.
«Erleben SVP-Mitglieder die Anfangsphase eines Völkermords? Wird gegen sie gehetzt, werden ihre Geschäfte zerstört, werden sie auf offener Strasse zusammengeschlagen? Werden sie von Zeitungen zu Ungeziefer erklärt, ohne dass sie selber je zu Wort kommen?» frage Jean-Martin Büttner darauf am Mittwoch im Tages-Anzeiger.
Das zwar nicht, aber im bereits erwähnten «Blick»-Interview erinnert Blocher: «Bei den Juden hat es ja auch nicht mit dem Völkermord begonnen, sondern mit Verunglimpfung und Ausgrenzung», und doppelt tatsächlich nach: «Wehret den Anfängen!»
Empörte Reaktionen waren dem 75-Jährigen gewiss, «Empörungspolitik produziert Aufregungsjournalismus» schlussfolgert Büttner. Aufregungsjournalismus führt zu grossen Schlagzeilen, die wiederum sind Werbung – und das alles gratis. Gut für die SVP, denn die Partei hat entschieden den Medien eine Lektion zu erteilen: für den bevorstehenden Abstimmungskampf um die Asylgesetzrevision will sie kein Geld für Medieninserate in die Hand nehmen.
«Wäre es nicht besser, ihn zu ignorieren und nicht mitzuhelfen, dass seine Taktik wieder aufgeht?», fragt Büttner daraufhin.
Glaubwürdigkeit versus Geld
Mit Inserate-Boykotten kennt sich die Partei jedenfalls aus: Die Schweizer Autobranche und Autoimporteur Emil Frey, heute Kommunikationsverantwortlicher der SVP hatte 1979 seine Werbeanzeigen im Tages-Anzeiger für viele Jahre zurückgezogen, nachdem die Zeitung zu Auto-kritisch und ökologisch berichtet hatte. Dem Tagi habe das zwar weniger Werbeeinnahmen, aber dafür journalistische Glaubwürdigkeit eingebracht, schreibt Kaspar Surber in der aktuellen WOZ.
BaZ-Chef Markus Somm goutierte in einem Radio-1-Interview solche Strafmanöver, ermunterte Unternehmen sogar, Druck auf Zeitungen auszuüben – allerdings nicht aus Gründen der journalistischen Glaubwürdigkeit: «Wenn ihr nicht zufrieden seid mit den Medien, dann müsst ihr aufhören, Inserate zu schalten» (persoenlich.com berichtete).
Keine besonders gute Idee, findet NZZ-Medienkritiker Rainer Stadler in einem aktuellen Kommentar: «Ein Akteur will seine kommerzielle Botschaften dort unterbringen, wo sie ihm Nutzen erbringen. Wenn ein Inserent allein wegen missliebiger Berichterstattung die Werbeplätze aufgibt, handelt er gegen seine Interessen», resümiert Stadler. Grosso modo stimmen dem auch einige der grössten Werbeauftraggeber der Schweiz zu, die persoenlich.com zu diesem Thema befragt hat.
Allerdings, wendet Stadler ein, führten die schrumpfenden Werbeeinnahmen zu einer grösseren Verhandlungsstärke der Inserenten, «entsprechend sind Medienhäuser und ihre Redaktionen versucht, vorauseilenden Gehorsam zu praktizieren.»
«Er meint wirklich, was er sagt»
Aber Blocher muss sich ja da keine Sorgen machen, schliesslich reicht es, ein wenig zu «blochern», wie Büttner es formuliert: Wie die Medien auch über die Partei berichten, sie verstärkten in jedem Fall die Botschaft, megafonisierte ihre Behauptungen, schreibt Büttner. «Journalisten heissen SVP-intern Spediteure: Sie tragen ihre Botschaft an die Öffentlichkeit».
Warum er sich trotzdem dazu entschied, über Blocher zu schreiben? «Der Mann meint wirklich, was er sagt», das sei unglaublich und es sei unvermeidlich, darüber zu berichten.(lcv)
Bild: Keystone