Soll man die Mohammed-Karikaturen von "Charlie Hebdo" abbilden oder nicht? In einem ausführlichen Kommentar meldet sich am Donnerstag Michèle Binswanger zu Wort. Die Autorin und Reporterin kritisiert in "Wir sollten Mohammed zeigen" ihren eigenen Arbeitgeber, den "Tages-Anzeiger". Sie ist nicht einverstanden damit, dass der Tagi seinen Lesern die Karikaturen vorenthält und stellt sich damit diametral gegen die Führung. Chefredaktor Res Strehle hatte nämlich in den letzten Tagen verschiedentlich erklärt, dass seine Zeitung die Karikaturen nicht publizieren wird. Im Schweizer Fernsehen trat er in der "Arena" und bei "Sternstunde Philosophie" auf. "Wir haben zahlreiche Arbeiten von Charlie Hebdo gezeigt, jedoch keine Mohammet-Karikaturen, denn wir wollen kein Öl ins Feuer giessen in einer konfliktreichen Situation", so die Begründung Strehles gegenüber der "Sternstunde". Seine vorsichtige Haltung bekräftigte er am Mittwoch in einem Artikel zum "Charlie Hebdo"-Cover der Spezialausgabe.
Gegen den Chef
Etwas mehr Mut fordern Teile seiner Redaktion, so etwa Michèle Binswanger. "Man kann ein Bild seitenweise beschreiben – und den Kern doch nicht vermitteln. Wollen sich die Leser eine eigene Meinung bilden, müssen sie es auch sehen", fordert sie in ihrem Text. Die Journalistin argumentiert mit der Chronistenpflicht und schreibt von einer "vergebenen Chance". Doch warum stellt sie den Entscheid des eigenen Chefs in Frage, - und dies Schwarz auf Weiss im eigenen Blatt?
"Wir haben an unserer täglichen Ressortsitzung im Rahmen der üblichen Blattkritik über unsere Haltung zu dieser Frage diskutiert, insbesondere natürlich auch über die fragliche Karikatur in der neuen "Charlie Hebdo"-Ausgabe, erklärt Binswanger auf Anfrage von persoenlich.com. "Da ich dabei eine relativ dezidierte Meinung vertreten habe, kamen wir zum Schluss, dass die eigentlich auf unsere Meinungs- und Analyseseite gehört."
Beweis für die Meinungsfreiheit
Selbstverständlich habe Res Strehle ihren Kommentar vor der Publikation gelesen. Binswanger betont gegenüber persoenlich.com, dass man Strehle zu Gute halten muss, dass "seine Haltung auch Stimmen zuzulasse, die eine andere Meinung vertreten als seine eigene, das beste Zeugnis dafür ist, wie ernst er die Meinungsfreiheit nimmt."
Dass es da um ein schwieriges Abwägen geht, beweist die Uneinheitlichkeit der Schweizer Medien. NZZ und SRF hielten sich zurück, während einige Online-Medien wie z.B. blick.ch, 20min.ch oder Watson die Karikaturen zeigten.
Im Senegal verboten
Indessen hat, wie am Donnerstag bekannt wurde, die Regierung im westafrikanischen Senegal die Verbreitung und den Verkauf der französischen Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" verboten. Auch in Pakistan verurteilte das Parlament die Veröffentlichung der Mohammed-Karikatur in der neuen Ausgabe von "Charlie Hebdo" einstimmig. "Wir drängen die Internationale Gemeinschaft inklusive der Europäischen Union, sicherzustellen, dass solche Vorfälle nicht wiederholt werden", hiess es in einer in Islamabad verabschiedeten Resolution (persoenlich.com berichtete). (eh)