Karl Lüönd über das Boulevardblatt

"Blick" - "Der Erfolg ist möglich, aber unsicher."

Lüönds Text erschien am 14. Oktober auf 20 Minuten Online.

Asterix und Blick sind fast auf den Tag genau gleich alt. Das kann kein Zufall sein. In beiden Systemen werden die Geschichten auf eine neue Art erzählt: bilderreich, mit Knalleffekten und einem Augenzwinkern, mal witzig, mal dröhnend, immer überraschend und dem alten Boulevard-Motto folgend: Du darfst alles, ausser langweilen!

"Boulevard" war immer ein Kampfbegriff der «Seriösen» gegen die Erfolgreichen gewesen. 1959 war "Blick" ein unglaublicher Kulturbruch, obwohl es das deutsche Vor-"Bild" schon seit sieben Jahren gab. "Blick" signalisierte die Ankunft des marketing-getriebenen und kommerziell gesteuerten Journalismus in der bis dahin pädagogisch-politisch geprägten, kleinkarierten Schweizer Pressewelt.

Unter "Boulevard" wurde Schludrigkeit, Effekthascherei und Geschmacklosigkeit verstanden. Dabei führte "Blick" früher als andere Schweizer Zeitungen professionelles Reporting ein. Das Blatt entstand schon 1959 in einer Art Newsroom. Zu meiner Zeit hatten wir auch die englische UPI zum Gegenlesen des deutschen Nachrichtenmaterials; das leistete sich nicht einmal die «NZZ». Und wenn in Bangkok ein Schweizer im Klong ertrank, haben wir dort an- und die authentische Unfallversion abgerufen. Oder gleich einen eigenen Reporter hingeschickt.

Näher am Menschen

Zeitungen wie "Blick" vermitteln den Stoff in unterhaltender Form. Sie gehen näher an die Dinge und die Menschen heran. Sie lassen Emotionen zu. Sie pflegen das Bild, sie haben eine These, sie rufen aus, und manchmal gehen sie vom Beschreiben zum Handeln über. "Blick" wuchs am Widerstand seiner irritierten Feinde. Auflagenmässig war er ein Start-Ziel-Erfolg.

Bis zu den schwarzen Zahlen dauerte es aber fast zehn Jahre; die Kosten dieses Apparats waren im kleinen Schweizer Markt schwierig zu refinanzieren. Aber die Ringiers hielten eisern am Projekt fest, obwohl sie in den ersten Jahren nicht einmal offiziell zu ihrem Baby standen, sondern sich hinter der Tarnfirma "AG für Presseerzeugnisse" versteckten. Intern höhnten wir: "AG für Zeugenerpressung ..."

"Blick" hatte seinen Höhepunkt in den 80er Jahren, dann ist die Auflage abgestürzt. In erster Linie, weil die anderen Zeitungen, die "Seriösen", inzwischen alle "blickiger" geworden sind und ihren Missionars-Stellungen abgeschworen haben. Und das Fernsehen hat dem "Blick" und anderen Artgenossen die Hoheit über die Celebrities-News weggenommen, das Internet plagt alle.

Die wohl stärkste Medienmarke der Schweiz

Im Gegensatz zu "Bild" in Deutschland hat "Blick" weder die Regionalisierung noch die "line extension" (Markenerweiterung in Richtung Frauen, Sport, Computer, Auto ...) geschafft. Aber noch immer ist er eine der stärksten Medienmarken der Schweiz. Jetzt hofft das reife Geburtstagskind dem Altern zu entgehen, indem es sich als Dachmarke eines Verbunds mit Abend-, SonntagsZeitung und Online aufstellt. Der Erfolg ist möglich, aber unsicher. Wie fast alles in der Medienwelt.

Zu einem Jubiläum wünscht man Glück. Das gehört sich so. Sie können es brauchen!

Zur Person:

Der Publizist und Buchautor Karl Lüönd (geb. 1945) hat von 1974-1980 als Mitglied der leitenden Redaktion bei "Blick" gearbeitet, zuletzt als stv. Chefredaktor im Erfolgsteam von Peter Übersax.