16.10.2012

Erfolgreiche Frauen

Katharina Blansjaar

Katharina Blansjaar wurde mit 32 Jahren Leiterin des Stil-Ressorts der "NZZ am Sonntag". Im Herren-Club des NZZ-Kaders stellt sie damit eine seltene Ausnahme dar. Sie selbst sieht aus, als käme sie gerade von einem Guns n' Roses-Konzert und Ihren männlichen Kollegen gibt sie im Interview ein unerwartet gutes Kleider-Attest. Im 19. Teil unserer Serie sprechen wir über Kleiderstil, Führungsstil und die grössten Stilsünden. Persoenlich.com hat dabei keine Sittenpolizistin, sondern eine überraschend tolerante Stil-Chefin angetroffen. Das Interview:
Erfolgreiche Frauen: Katharina Blansjaar

Frau Blansjaar, Sie sind die Expertin: Was ist Stil?

(überlegt) Stil hat man, wenn man weiss, was einem gefällt und man dies durch seine eigene Erscheinung und mit den Dingen, die einen umgeben, auch zum Ausdruck bringt.

Das tönt ziemlich abstrakt.

(lacht) Ich weiss nicht, ob ich noch konkreter werden kann.

Wie würden Sie Ihren persönlichen Stil, insbesondere Ihren Kleiderstil bezeichnen?

Irgendjemand hat mir letzthin gesagt, ich sähe ständig so aus, als würde ich gleich zu einem Guns n’ Roses-Konzert gehen.

Den Eindruck kann ich jetzt nicht unbedingt bestätigen. Sie tragen ja keine schwarzen T-Shirts mit Totenköpfen, Rosen und dergleichen.

Ich trage wohl zu achtzig Prozent meiner Zeit schwarze Kleider, enge Jeans und T-Shirts mit irgendwelchen Motiven.

Jetzt tragen Sie aber Foulard und Jackett.

Ich trage enge Jeans, Sneakers und ein T-Shirt mit einem Skelett drauf. Und schwarz ist dieses T-Shirt ja auch! Wenn es bei einem Anlass aber etwas netter sein soll, dann trage ich ein schwarzes Kleid.

Die Aufnahme wurde nicht am Interview-Termin gemacht.

Sie stehen unter besonderer Beobachtung: Jedermann denkt, die Stil-Ressortleiterin der 'NZZ am Sonntag' muss immer tadellos daherkommen. Spüren Sie da eine gewisse Erwartungshaltung?

Ich glaube, die Erwartungshaltung an einen selber ist viel grösser. Ich stehe jeden zweiten Tag vor dem Spiegel und denke mir: 'Hm, und du denkst, du hättest eine Ahnung von dieser Angelegenheit?!' Darüber, was die Leute in mich projizieren, mache ich mir aber keine Gedanken.

Umgekehrt: Werden Sie in Ihrem Umfeld als Stil- und Sittenpolizistin gefürchtet?

Das glaube ich nicht. Ich schreibe auch nicht offensiv darüber, welche Kleider andere Menschen tragen sollen oder nicht. Mich beeindruckt an anderen Menschen deren eigener Stil. Mir gefällt es, wenn sich jemand mit Kleidern selber ausdrückt und sich offensichtlich wohl fühlt in dem, was er trägt. Ob mir der individuelle Stil dann gefällt, ist völlig egal.

Das Stil-Magazin ist aber durchaus auch normativ.

Wir schreiben normativ in dem Sinne, als dass wir dem Publikum Empfehlungen abgeben. Wir geben aber lediglich allgemeine Empfehlungen darüber ab, welche Dinge im Moment als angenehm empfunden werden. Ich finde es vor allem schade, wenn sich Leute gar keine Gedanken über ihr äusseres Erscheinungsbild machen.

Vielleicht machen sie sich Gedanken, aber man merkt es nicht.

Ja, das stimmt. Aber ich glaube, man sieht es den Menschen an, wenn sie sich mit einer bestimmten Intention in einer bestimmten Art kleiden.

Was ist denn Ihre Intention?

Ich versuche seit zwanzig Jahren so auszusehen wie Kate Moss, leider ist sie viel hübscher als ich (lacht).

Es wird vielfach betont, dass Stil etwas Subjektives ist, trotzdem spricht man objektivierend von Stilsünden. Was sind aus Ihrer Perspektive die grössten und beissendsten Stilsünden bei Frauen?

Bei Frauen ist es schwierig zu sagen, zu Männern käme mir viel mehr in den Sinn. (lange Pause) Mir missfällt jede Art von Schäbigkeit, eine Mentalität wie 'die Schuhe sind zwar kaputt, aber ich ziehe sie trotzdem noch an'. Ich finde es bei Frauen unschön, wenn sie sich gehen lassen.

Wie sieht es bei den Männern aus?

Bei einem Kurzarmhemd stehen mir die Haare zu Berge – das ist einfach etwas Grauenhaftes. Weisse Socken in Birkenstöcken sind ebenso furchtbar. Ich habe dreimal in der ETH-Mensa gegessen – das sind vielleicht die Traumata, die mir von diesen Besuchen geblieben sind.

Journalisten führen vielleicht noch vor den Lehrern die Stilsünder-Rangliste an, zum Teil hat man das Gefühl Sie hätten äusserlich in ihrem Berufsstand völlig die Haltung verloren. Wie sehen Sie das?

Meine Kollegen von der Redaktion – und das erstaunt mich immer wieder – sind sehr gut gekleidet. Vielleicht fürchten sie sich alle vor der Stil-Redaktion, das könnte natürlich sein. Dazu gilt es vielleicht noch zu sagen, dass die meisten Leute in der Redaktion männlich sind und es für sie einfacher ist, sich gut zu kleiden. Sie brauchen einen gut sitzenden Anzug, gut sitzende Jeans, ein paar nette Hemden und dann kommt die Sache gut.

Können Sie bitte Ihre eigene grösste Stil-Peinlichkeit erzählen?

Kanti-Aufnahmeprüfung! Das muss ungefähr 1991 gewesen sein. Ich werde dieses Ereignis nie vergessen. Meine Mutter riet mir, ich solle für einmal etwas Farbiges anziehen. Aber ich hatte ja gar keine Ahnung, wie man sich farbig anzieht. So trug ich schliesslich Leggins mit einem schreiend bunten Muster, ein riesiges, sackartiges Türkis-T-Shirt, darüber eine gesteppte Weste in Schrei-Grün, die ebenfalls die Form eines Sackes hatte. Und ja, es gibt fotografische Dokumente davon. Aber ich horte sie und sorge dafür, dass sie nie an die Öffentlichkeit kommen. Aber um das klar zu stellen: Es war nicht die Schuld meiner Mutter. Sie würde mich umbringen, wenn ich das hier behaupten würde.

Erzählen Sie von Ihrer Kindheit. Wie waren Sie als Kind?

Wie war ich als Kind? Dickköpfig, einsam und immer krank.

Das müssen Sie einzeln erläutern. Wieso waren Sie immer krank?

Ich hatte als Kind sämtliche Krankheiten an sämtlichen lebenswichtigen Organen, die man sich vorstellen kann.

Und die Einsamkeit?

Die rührte einerseits davon, dass ich soviel krank war und andererseits, dass alle dachten, ich sei ein elender Streber.

Womit haben Sie denn Ihre Zeit verbracht?

Es gab natürlich, wie in jeder Kindheit, ein Nachbarmädchen, mit dem ich Dinge unternommen habe. Aber ich habe als Kind vor allem sehr viel gelesen. Ich habe die halbe Bibliothek meines Vaters gelesen in dieser Zeit. Wir haben so eine Bücheraffinität in meiner Familie.

Sie haben Germanistik, Niederlandistik und Philosophie studiert. Wie kamen Sie da zum Stil?

Ich bin zum 'Stil' gekommen, weil mich Jeroen van Rooijen angefragt hat. Ich hatte erst als freie Mitarbeiterin für den Hintergrund-Teil gearbeitet, da bin ich Jeroen einmal begegnet, wir haben zusammen Kaffee getrunken und er erzählte, dass er einen neuen Mitarbeiter suche. Aus irgendeinem Grund meinte ich, ich könne ja bei ihm anfangen. Und drei Wochen später hatte ich einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Natürlich habe ich mich vorher auch immer für schöne Dinge interessiert, aber nie in einem solchen Ausmass, nie so, dass diese Dinge mein Leben bestimmt hätten. Bei meinem Engagement für das Stil-Ressort spielte der Zufall eine grosse Rolle.

Sie sind mit 32 bereits Ressortleiterin des Stil-Bunds der 'NZZ am Sonntag' geworden. Wie haben Sie sich so früh durchgesetzt?

Jeroen van Rooijen hörte als Ressortleiter auf, von meinen Kollegen wollte niemand einen Leiter von ausserhalb des Hauses und ich war die Einzige, die bereit war, den Job zu übernehmen.

Jetzt arbeiten Sie mit Ihrem ehemaligen Ressortleiter zusammen. Ist das eher mühsam oder eine Bereicherung?

Natürlich ist er eine Bereicherung. Seine Kolumne ist beim Publikum ein riesiger Erfolg. Es ist auch schön, dass wir mit ihm jemanden haben, der sich gern und gut exponiert. Ich glaube, es ist wichtig, solche Figuren zu haben, die diese Öffentlichkeit auch suchen.

Sie selbst wollen sich aber bewusst nicht so stark exponieren.

Nein, ich habe überhaupt keinen Selbstdarstellungsdrang. Die Tatsache, dass jede Woche eine halbe Million Menschen irgend etwas liest, unter dem mein Name steht, ist mir definitiv Selbstdarstellung genug.

Wie würden Sie Ihren persönlichen Führungsstil bezeichnen?

Da müssen Sie mein Ressort fragen. Ich hoffe, dass meine Leute mich als eine Person empfinden, mit der man gut reden kann. Weiter möchte ich gegen aussen immer hinter meinen Leuten stehen und sie unterstützen, wenn sie in der Kritik stehen.

Sie sind die einzige Ressortleiterin bei der NZZ oder NZZ am Sonntag.

Wenn Sie das sagen, wird das wohl stimmen, aber ich weiss nicht, warum das so ist.

Interessant ist ja, dass Sie als einzige Ressortleiterin ausgerechnet den Stilbund betreuen, wo es um Mode, Epiliergeräte, Kochrezepte und dergleichen geht.

Ich glaube, das ist purer Zufall. Im Ressort sind wir auch deutlich weniger Frauen als Männer. Ich glaube wirklich, das ist purer Zufall.

Wie grenzen Sie sich in Ihrem Format von Werbung und PR ab?

Ich kann dazu nur sagen, dass wir ausschliesslich über Sachen schreiben, die wir persönlich gut finden oder die wir als echte Themen erachten. Der PR-Vorwurf kommt immer wieder und natürlich ist es schwierig, diesen falschen Vorwurf aus der Welt zu schaffen, denn schliesslich schreiben wir oftmals über verschiedene Produkte in einer positiven Art und Weise. Aber das Ding ist: Wir machen das aus eigener Überzeugung und nicht, weil uns jemand diktieren würde, was wir zu schreiben hätten.

Wie kommen Sie zu Ihren Themen?

Einerseits und hauptsächlich dadurch, dass uns gewisse Dinge auffallen, sei es in den unzähligen Blogs, Zeitschriften, auf der Strasse oder aber im Freundeskreis. Dann gibt es auch Themen, die saisonal festgelegt sind, etwa die Modeschauen, der Autosalon, Uhrensalon etc.

Sie sprechen auch von Beobachtungen auf der Strasse. Reservieren Sie sich da einen Mittwochnachmittag, streunen ein bisschen durch Zürich und mustern Läden und Leute.

Es wäre sehr schön, wenn ich dafür Zeit hätte. (lacht) Nein, es hat sich natürlich eine 'déformation professionelle' entwickelt. Ich achte ganz automatisch auf Dinge, die unser Ressort betreffen und interessieren könnten.

Ist diese Stil-Fokussiertheit anstrengend?

Nein, denn es passiert automatisch, fast unbewusst. So empfinde ich es auch nicht als Plage. Es gehört zu dieser Art von Arbeit, dass sie eben auch ins Privatleben greift.

Womit beschäftigen Sie sich denn in Ihrem Privatleben?

Der Grossteil meines Privatlebens hat relativ wenig mit meiner Arbeit zu tun. Ich mache Dinge, die vielleicht nicht unbedingt zu einer Stil-Redaktorin passen. Seit zwanzig Jahren gehe ich wandern, bergsteigen und snowboarden. Ich bin privat eher ein Tomboy als ein Mädchen, das gerne an Champagneranlässe geht.

Wie sieht es denn mit Ihren beruflichen Zielen aus?

Das fragen mich alle. Ich weiss es nicht. Ich mache meine jetzige Arbeit solange sie gut ist und Spass macht und das hoffentlich noch für eine lange Zeit. Und dann... dann mache ich vielleicht irgendwann noch etwas ganz Anderes.

Interview: Benedict Neff, Bild: Florian Zobl



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