Herr Netzle, am Freitag wurde publik, dass Sie für das Amt des Stadtammanns von Kreuzlingen kandidieren. Reagieren Sie damit auf den Verlust der Unabhängigkeit der Thurgauer Zeitung?
Herr Netzle, am Freitag wurde publik, dass Sie für das Amt des Stadtammanns von Kreuzlingen kandidieren. Reagieren Sie damit auf den Verlust der Unabhängigkeit der Thurgauer Zeitung?
Was hat sich für Sie und die Redaktion geändert, seit die Tamedia die Thurgauer Zeitung übernommen hat?
Für die Redaktion hat sich bis heute publizistisch nichts geändert. Der ganze Inhalt wird hier inhouse erstellt. Neu ist, dass wir alle Seiten vierfarbig drucken können und jetzt auch für den Regionalteil im 2. Bund anständige, d.h. spätere Abgabezeiten haben.
Ärgert es sie nicht, dass man im fernen Zürich am Reissbrett darüber entscheidet wie die Medienlandschaft des Thurgaus gestaltet werden soll?
Zürich ist nicht so weit weg, und wir sind natürlich im stetigen Kontakt mit der Zentrale und den Ideen, die dort ausgebrütet werden. Aber natürlich wünscht man sich, dass bei den Entscheidungen die regionalen Besonderheiten angemessen berücksichtigt werden.
Die Thurgauer Zeitung und das St.Galler Tagblatt lieferten sich bislang einen Kleinkrieg um die Vorherrschaft im Kanton. Nun plötzlich sollen Sie zu Partnern werden. Wie gehen Sie, wie geht Ihre Redaktion damit um?
Das ist, ehrlich gesagt, schwer zu verdauen. Denn es ist ja das Tagblatt, das sich aus weiten Teilen des Thurgaus zurückzieht und sich auf sein Kerngebiet im Bezirk Arbon und in Amriswil beschränkt. Die Thurgauer Zeitung war und ist in drei Vierteln des Kantons führend und wird als kantonale Zeitung auch weiterhin den ganzen Kanton abdecken. Wir hätten eigentlich keinen Grund, in dieser Form zu kooperieren.
Hat es Ihrer Ansicht nach im Thurgau Platz genug für zwei Regionalzeitungen?
Aus Gründen des publizistischen Wettbewerbs, den wir übrigens genossen haben, wären zwei ebenbürtige Zeitungen wünschbar. Der Markt im Thurgau gibt dies aber offenbar nicht her. Deshalb muss sich jetzt das St. Galler Tagblatt zurückziehen.
Könnte ein Kooperationsmodell längerfristig Bestand haben?
Wenn der Trend "Bereinigungen" zwischen grossen Verlagshäusern ist, dann wird das nicht der Endzustand sein.
Gehen Sie mit dem Thurgauer Regierungsrat einig, dass eine Aufteilung der Region schaden würde?
Die Regierung geht von der irrigen, von der Aargauer Zeitung verbreiteten Meinung aus, der Thurgau werde aufgeteilt. Das kam in der Öffentlichkeit so an, als würde der Kanton halbiert. Die TZ hat aber schon immer drei Viertel des Kantons intensiv abgedeckt und wird das auch weiterhin tun. Man darf aber nicht vergessen, dass sich die Regionalteile von TZ und Tagblatt schon immer sehr ähnlich waren und auch einige Korrespondenten für beide Blätter schrieben. Auf der regionalen Ebene würde in gewissen Bezirken etwas Vielfalt wegfallen, die lokle Ebene hat nur die TZ mit ihrem "TZ Lokal" abgedeckt und auf kantonaler Ebene findet weiterhin Wettbewerb statt. Insgesamt betrachtet betrifft dieses mögliche Projekt aber eine kleine Minderheit von Lesern.
Eine redaktionelle Kooperation würde der Thurgauer Zeitung grosses Sparpotenzial bescheren. Gerüchte einer Schliessung der Regionalredaktionen machen die Runde. Geht in Ihrer Redaktion heute die Angst um?
Noch einmal: Das Tagblatt zieht sich zurück, schliesst zwei Redaktionsbüros und hat einige Kündigungen angekündigt. Wenn wir vom Tagblatt Stoffe aus dem Bezirk Arbon und aus Amriswil übernehmen würden, wo wir relativ wenige Leser haben, gäbe es bei uns eine Reduktion um zwei oder drei Stellen. Das ist unerfreulich und bedauerlich, aber im Vergleich zum Tagblatt wenig.
Falls Sie das Rennen um das Amt des Stadtammanns nicht gewinnen -- bleiben Sie dann Chefredaktor der Thurgauer Zeitung?
Ja.