Keine Reaktion auf die Online-Offensive der Tamedia

NZZ - Stärkere Einbindung der Korrespondenten geplant.

Das Haus Tamedia geht davon aus, mit der Lancierung des neuen Newsportals im Frühling 2008 endlich die Konkurrentin Neue Zürcher Zeitung überholen zu können. Die Rechnung ist denkbar einfach: Addiere man die Anzahl Unique Clients des Tages-Anzeigers (780'000 UC), der Berner Zeitung (328'000 UC) und der Basler Zeitung (323'000 UC), werde man auf Anhieb die führende Schweizer Newswebsite, erklärten die Medienmanager der Tamedia am Freitag an einer Pressekonferenz. Anders als im Printgeschäft weist die alte Dame im Online-Medium mit monatlich 1'184'000 Unique Clients deutlich mehr Besucher aus als die Kaufzeitungen der Tamedia.

An der Falkenstrasse beobachtet man die ambitionierten Online-Pläne aus dem Hause Tamedia betont zurückhaltend. "Wir verfallen nicht in Panik, nur weil Tamedia ein neues News-Netzwerk ankündigt“, erklärt NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann auf Anfrage von "persoenlich.com". Für eine unmittelbare Reaktion sieht er keinen Grund. Ganz in NZZ-Manier verfolgt er die grassierende Investitionswut in die Digitalmedien ohne Begeisterung: "Im Moment ist hierzulande im Online-Bereich ein Tempobolzen im Gang. Dabei geht gerne vergessen, dass alles refinanziert werden muss."

Eine Kooperation unter den NZZ-Titeln NZZ, St.Galler Tagblatt und Neue Luzerner Zeitung scheint noch in weiter Ferne zu liegen. Auf Gruppenebene ist die Regionalisierung im Online-Geschäft zwar ein Thema: "Es gibt verschiedene Überlegungen. Wir sind noch nicht zu einer abschliessenden Antwort gelangt", sagt Spillmann. Man müsse aber genau abwägen, welche Auswirkungen eine Zusammenarbeit mit anderen Titeln auf die Marke einer Zeitung hat sowie auf die Akzeptanz bei den Lesern habe.

Auch die NZZ will ihren Online-Auftritt schrittweise ausbauen -- nur sollen nicht Grösse und Reichweite allein die Stossrichtung bestimmen. Als wichtige Faktoren nennt Spillmann die Einbindung der Print-Redaktion, die Interaktivität und die Verwendung von Multimedia. Der Ausbau fusst auch auf positiven Erfahrungen mit dem gemeinsamen Nachrichtendesk: Seit Anfang 2007 gibt es eine Abschlussredaktion, bei der Print und Online gemeinsam den Dienst bestreiten. "Die Investition hat Print und Online gestärkt sowie auch die mentale Veränderung mit sich gebracht, dass die Redaktoren nun beide Welten handwerklich verstehen", erklärt Spillmann.

Er will in einem nächsten Schritt das Korrespondentennetz in die Online-Strategie einbinden. Ein erstes, gelungenes Beispiele hierfür ist etwa der Reisebericht "Quer durch das neue Russland", von NZZ-Korrespondent Peter A. Fischer, der online publiziert wurde. Weitere ähnliche Projekte sollen folgen.

Angesichts dessen darauf zu schliessen, dass die NZZ nach und nach eine "Online First"-Strategie einführen wird, wäre indessen falsch. "Wir müssen pragmatisch vorgehen und situativ entscheiden, welche Inhalte zuerst Online publiziert werden", sagt Spillmann. Aus der NZZ wird also vorerst kein kanalunabhängiges Informationszentrum. Nach der Devise "Online First" will die NZZ bloss dort handeln, wo es gilt, auf die Aktualität einzugehen und Ereignisse einzuordnen. Von der Printredaktion verfasste Artikel sollen dagegen nicht zuerst im Internet publiziert werden. Es gelte, zum einen die Bedürfnisse der Print-affinen Leser zu berücksichtigen. Zum anderen habe das Online-Medium ein eigenes Gesicht und sei kein Fortsatz der Printausgabe. (dvp)