Herr Bahrampoori, Sie haben einen Film über Höhenangst gedreht. Was hat Sie dazu bewogen?
Die Höhenangst kam bei mir schleichend, ab 30. Ich habe mich mit vielen Menschen darüber unterhalten und festgestellt, dass über die Hälfte der Menschen auf die eine oder andere Art von der Höhenangst betroffen sind. Somit ist es ein gesellschaftliches Thema, das viele berührt. Auch Corona hat mich inspiriert. Denn die Angst war in der Gesellschaft und in unserer Generation noch nie so sichtbar. Und weil Angst immer gleich funktioniert, empfinde ich den Zeitpunkt für einen Film, der von Angst handelt, passend.
Wie äussert sich Ihre Höhenangst konkret?
Schwindel, Verlust von Kontrolle, weiche Knie, Schwitzen und rasende, unkontrollierbare Gedanken.
Sie arbeiten auch noch als Skilehrer im Engadin. Hatten Sie dabei nie Probleme?
Nein – nur auf Skitouren und beim Varianten-Skifahren. Wenn es aber Abhänge hat, die das Leben gefährden könnten, steigt die Angst unkontrolliert hoch. Noch mehr, wenn ich keine Skier an den Füssen habe. Dann fühle ich mich noch unsicherer.
Wie man im Film sieht, leiden Sie extrem unter dieser Krankheit. Trotzdem wollten Sie die Dufourspitze erklimmen. Ist dies nicht ein Widerspruch?
Nein – laut Expertinnen und Experten breitet sich die Angst immer mehr aus, sofern man nichts dagegen unternimmt. Mit meinen 42 Jahren ist es für mich zu früh, auf meine grösste Leidenschaft zu verzichten oder diese immer mehr einzuschränken. Ich bin generell kein ängstlicher Typ. Angst blockiert, Angst ist nicht gut fürs Gemüt. So empfinde ich das zumindest. Ich denke, jeder sollte den Mut haben, gegen seine Angst oder seine Ängste anzukämpfen. Etwas dagegen tun, lautet die Devise. Das stärkt jeden einzelnen. Ich möchte mit diesem Film zeigen, dass jeder etwas gegen seine Angst tun kann. Damit möchte ich die Menschen motivieren, auch an ihren Ängsten zu arbeiten.
«Mit dem Film möchte ich zeigen, dass jeder etwas gegen seine Angst tun kann»
Haben Sie sich durch den Film nicht selber unter Druck gesetzt, die Expedition zu beenden?
Ich habe mich stark unter Druck gesetzt, weil ich die Höhenangst wirklich aus tiefstem Herzen bekämpfen möchte. Weil ich Bergspitzen erklimmen möchte. Man muss aber einen starken Willen haben, um gegen seine Angst anzukämpfen. Nur dann kann es gehen. Dies bestätigt auch die Angst-Expertin im Film. Zuerst kommt noch mehr Angst, aber diese muss man einfach ertragen. Dann klingt sie ab.
Was bedeutet diese Aussage für Sie?
Dass die Bekämpfung der Angst nicht einfach ist und man immer wieder Rückschläge erleidet. Für mich aber hat sich diese Reise gelohnt, wie der Film zeigt. Denn die Angst, das habe ich auf meinem Weg herausgefunden, hängt auch mit Unwissen und Unbekanntem zusammen. Wer durch das Training Bekanntschaft mit dem Unbekannten macht, kann dies danach besser einordnen und die Angst wird kleiner. Stück für Stück.
Haben Sie nun die Höhenangst überwunden?
Ich denke, das werde ich nie ganz. Aber ich habe gelernt mit ihr umzugehen und sie richtig einzuordnen. Und ich denke, dass es ein langer Prozess ist und ich nun daran bleiben muss. Es ist noch ein langer Weg.
«Ich habe gelernt mit meiner Angst umzugehen»
Was bezwecken Sie schliesslich mit dem Film?
Die Menschen motivieren, sich ihren Ängsten zu stellen. Egal, welche es sind. Und ebenso wichtig: zu seinen Ängsten zu stehen. Angst gehört zum Menschen, Angst ist nicht per se etwas Schlechtes. Keiner soll sich für seine Angst schämen. Ich stehe im Film ungeschönt hin und zeige meine Angst. Jeder kann sie sehen. Das soll die Menschen motivieren, ihren Ängsten den nötigen Raum zu lassen. Keine Tabuisierung der Angst in der Gesellschaft. Und alle sollen motiviert werden, ihre ganz persönlichen Ängste in Angriff zu nehmen, sie zu akzeptieren und daran zu arbeiten.
Besteht nicht die Gefahr, dass Menschen zu Leistungen verführt werden, die sie eigentlich gar nicht erbringen wollen?
Ich habe für die Bekämpfung meiner Angst mit Profis zusammengearbeitet: Der Weg zur Psychiaterin sowie die Arbeit an der Höhenangst mit einem ausgebildeten und erfahrenen Bergführer. Es ist wichtig, einen professionellen Rahmen für die Bekämpfung seiner Ängste in Anspruch zu nehmen. Ich denke so zeige ich es im Film und auf diese Weise besteht diese Gefahr nicht. Klar, beim Bergsteigen bleibt wie bei vielen Sportarten ein Restrisiko. Das ist mit einem Bergführer aber kalkulierbar und aufs Kleinste reduziert. Und schliesslich ist das Leben tödlich, wie man gemeinhin sagt.
Der Film «Reporter» über Höhenangst kommt am Mittwoch, 17. November, um 21 Uhr, auf SRF 1.