08.08.2003

Sommer-Tagebuch

Kenneth Angst -- "Perception is Reality!"

Die Medienbranche ist schnelllebig: Wer heute im Rampenlicht steht, arbeitet morgen hinter den Kulissen. Zusätzlich wird das Personalkarussell durch die aktuelle Krise beschleunigt. Die hohe Fluktuation inspirierte "persoenlich.com" dazu, VertreterInnen der Schweizer Medien-Prominenz, die zur Zeit nicht direkt im Scheinwerferlicht stehen, eine Carte Blanche unter dem Titel "Sommer Tagebuch" anzubieten. -- Nach Ivo Bachmann folgt nun Dr. Kenneth Angst (Bild), 1995 bis 2001 Mitglied der NZZ-Chefredaktion -- seit 1997 als stv. Chefredaktor -- und 2001 bis 2002 Co-Chefredaktor der Weltwoche. Heute ist Angst als Publizist und Berater für politische Kommunikation und Public Affairs tätig.
Sommer-Tagebuch: Kenneth Angst -- "Perception is Reality!"

"Lange vor, jetzt hinter den Kulissen der Mediengesellschaft...

In unserer postmodernen Welt ist immer mehr nur noch das wirklich, wahr und wichtig, was auch öffentlich wahrgenommen wird: Perception is Reality! Und öffentlich wahrgenommen wird immer mehr nur noch das, was vom Medienbetrieb wiedergegeben, inszeniert, diskutiert, behauptet, postuliert, skandalisiert, für gut befunden oder verurteilt wird. Quintessenz: Medien sind, heute mehr denn je, die Protokollführer, die Horchposten, die Lautsprecher und die Aufpasser, als sogenannt vierte Gewalt aber auch die selbsternannten, moralisierenden Ankläger, Richter und 'Henker' unserer Zeit. Darauf basiert ihre Wirklichkeitsmacht, und auf dieser Macht basiert auch ihre Faszination.

Fast 14 Jahre lang war ich Mitspieler im helvetischen Medienbetrieb. Als Journalist habe ich die politische und gesellschaftliche Entwicklung der Schweiz rapportiert, analysiert und kommentiert. Als Redaktor habe ich im Rahmen meiner thematischen Zuständigkeiten mitbestimmt, worüber interessierte Bürger und Politiker hierzulande diskutiert haben und was sie sich dazu dachten. Und als Mitglied von zwei Chefredaktionen schliesslich habe ich auch die publizistische Ausrichtung, die Informations- und Orientierungsleistung sowie die Architektur von zwei traditionsmächtigen Printmedien mit entsprechendem Gewicht und Prestige zumindest ein Stück weit selber mitgeprägt.

Es waren, dies gesagt, auch im Rückblick spannende Jahre auf der medialen Bühne unserer Kommunikationsgesellschaft: Land und Leute kennen lernen, auf den Wellen des Zeitgeistes herum surven, Diskussions- und Meinungsmacht ausüben, insofern wichtig sein, all das. Trotzdem habe ich mich vor anderthalb Jahren vom Medienbetrieb, zumindest hauptberuflich, verabschiedet. Ich wollte mich, erfahrungshungrig, risikofreudig und 47-jährig -- also: now or never -- noch einmal verändern, gewissermassen freischiessen: Weg vom prinzipiell indiskreten und anmassenden, immer narzisstischer geprägten und ewig rastlosen Vordergrund unserer Kommunikationsgesellschaft -- und hin zu ihrem realen, mehr diskreten und dafür schärfer kalkulierenden Hintergrund.

Neben meiner Tätigkeit als freier Publizist (aktuell für die Finanz und Wirtschaft sowie die Werbewoche) unterstütze ich heute Organisationen und ihre Repräsentanten im Bereich der politischen Kommunikation, der Öffentlichkeitsarbeit und der zielgruppenorientierten Beziehungspflege. Denn wer immer heute etwas bedeuten, bewirken und erreichen will, der muss sich auf dem Marktplatz konkurrierender Meinungen, Interessen und Informationen zu behaupten und zu profilieren wissen. Muss sich plausibel begründen und erklären. Muss viele andere von sich überzeugen. Muss sich vielfältig vernetzen und integrieren.



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