Karin Müller ist seit etwas mehr als drei Monaten neue Programmleiterin von Radio 24. Nach diversen Personalwechseln führt sie ein neues Team an. Der Sender ist zwar immer noch das grösste Schweizer Privatradio, hat aber wie fast alle anderen Privatstationen Publikum verloren. "Wir müssen die Frage beantworten, wie Radio im Jahr 2020 gehört wird", meint Müller gegenüber "persoenlich.com". Ihr ist klar, dass qualitativ guter Inhalt gefragt ist.
Frau Müller, was überwiegt? Die Freude darüber, dass Radio 24 das Feld der Privatsender weiterhin anführt oder der Ärger über den Verlust an Hörern?
Radio 24 hat im Vergleich zum zweiten Semester 07 seinen hohen Marktanteil gehalten und die Hördauer gesteigert aber rund 4'500 Hörerinnen und Hörer weniger, die Montag bis Sonntag unser Programm nutzen. Wir sind zufrieden. Der Übergang vom zweiten Semester 07 zum ersten Semester 08 war für uns wichtig, weil sich die Marktsituation verändert hat. Dass wir Hörerinnen und Hörer verloren haben, ist bedauerlich.
Nicht nur Radio 24 hat Hörer verloren, die Privatradios haben insgesamt an Reichweite eingebüsst. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Nach 100 Tagen im Amt wäre es vermessen, hier Einschätzungen abzugeben. Aber natürlich mache ich mir Gedanken zur Zukunft unseres Mediums. Radio ist immer eine Annäherung an die Interessen und die Gewohnheiten unserer Hörerinnen und Hörer. Stichworte, um Ihre Frage zu beantworten, wären also: Technologiewechsel, steter Wandel des Medienangebotes, Flexibilität, die demographische Kurve etc. Wir müssen die Frage beantworten, wie Radio im Jahr 2020 gehört wird. Da will Radio 24 hin. Und auf dem Weg dahin weiter eine Mehrheit von Hörerinnen und Hörern im grossen Raum in und um Zürich ansprechen.
Im Gegensatz zu den Privaten haben die SRG-Sender zulegen können. Warum ist diese Schere entstanden?
DRS1 wie auch DRS3 haben einige Programmneuerungen vorgenommen. Mit Erfolg. Wenn man qualitativ hochstehende Formate und Beiträge ins Programm nimmt, die die Menschen interessieren, dann zahlt sich das aus. Bei Radio 24 haben wir das zum Beispiel bei der EM-Berichterstattung festgestellt. Für unsere Live-Reportagen aus Basel, Bern, Wien und in unserem Studio in der Fanzone am Bellevue hatten wir zeitweise bis zu zehn Reporter gleichzeitig im Einsatz. Und das wurde geschätzt: statt nach 18h mehr als die Hälfte der Hörenden ans Fernsehen zu verlieren, war der Rückgang markant kleiner.
Experten wie Bendicht Luginbühl oder der Medienforscher Mirko Marr sind überzeugt, dass die Informationsleistung im Radio für die Senderprofilierung wieder an Bedeutung gewinnt. Teilen Sie diese Meinung?
Ich teile diese Meinung zu 100 Prozent. Unsere Stärke ist die Informationsleistung. Das hat auch die qualitative Studie des Forschungsinstituts GFS Bern vom Frühling ergeben. Radio 24 hört man, weil man bei uns die beste regionale Information bekommt.
Dürfen wir erwarten, dass die Privaten mit den neuen Gebührengeldern besser werden?
Nicht alle privaten Radio-Stationen erhalten Gebührengelder. Radio 24 muss sich vollständig über Werbung finanzieren. Auf jeden Fall werden sich alle Stationen mit Leistungsauftrag qualitative Ziele setzen. Guter Inhalt kostet Geld. Und qualitativ guter Inhalt ist gefragt. Ein kostbares Gut.
Radio 24 gehört zum Medienkonzern Tamedia. Gäbe es Synergien mit den hauseigenen Medien, die man vermehrt nutzen könnte?
Alle Unternehmenseinheiten sind autonom und journalistisch unabhängig. Das gehört zu unseren journalistischen Grundsätzen. Eine Zusammenarbeit gibt es dort, wo einzelne Medien gemeinsam mehr leisten können, etwa beim neuen Online-Newsnetz, das im August startet.
Wäre es vorstellbar, dass die Privaten für gewisse Informationsleistungen Kooperationen eingehen -- quasi eine Art Mantelredaktion entstünde?
Viele Informationsbeiträge von Radio 24 werden von anderen privaten Radiosendern übernommen. Beispielsweise unsere Bundeshausberichterstattung, die EM- und Olympia-Berichterstattung oder News-Beiträge, die hier in der Region Zürich entstehen.
Könnten Sie sich auch gemeinsame Ausbildungs- und Talentpools vorstellen?
Wieso nicht. Die Privatradiolandschaft hat viele eingeführte und gute Medien. Radio 24 hat sich in diesem Bereich bisher stark engagiert. So arbeiten wir mit verschiedenen Institutionen zusammen und haben uns in der Vergangenheit beispielsweise stark beim Radiowerk engagiert. Natürlich will man die eigenen Perlen vorab im eigenen Programm. Aber Zusammenarbeiten machen die ganze Branche stärker. Und gut ausgebildete Mitarbeitende sind das Kapital jedes Senders.
Sie sind bei Radio 24 nun seit 100 Tagen im Amt. Können Sie überhaupt schon an die Zukunft denken oder müssen Sie erst noch Altlasten abbauen? Es gab ja einige Personalwechsel.
Ein paar Knacknüsse erwarten einen immer in den ersten 100 Tagen. Das ist in jeder neuen Aufgabe so. Aber wir sind innerhalb kürzester Zeit zusammengewachsen. Die Kultur von Radio 24 ist eine offene, kritikfähige und kommunikative. Auch hinter den Kulissen. Von meinen Vorgesetzten geniesse ich absolutes Vertrauen. Wir denken nicht nur täglich über die Zukunft nach. Wir setzen sie im Tageswerk um.
Wohin muss sich das Medium Radio bewegen, um auch in Zukunft bestehen zu können?
Radio muss fortwährend seinen Hörern einen Nutzen bringen und sich immer weiterentwickeln. Das ist wie im richtigen Leben. Das einzige, was sicher ist, ist der Wandel.
(Interview: Stefan Wyss)