Starker Tobak von Christof Moser: In seinem Kommentar in der Zeitung "Der Sonntag" schreibt der Redaktor: "Das schwächste Glied im demokratischen Diskurs sitzt heute in den Newsrooms dieses Landes". Seinen Kollegen stellt Moser kein gutes Attest aus, selber will er sich aber von der öffentlichen Kritik nicht ausklammern. "Da ist Selbstkritik durchaus auch mit drin", twittert er.
Moser kritisiert das demonstrative Desinteresse, das Journalisten bei Veranstaltungen wie Parteitagen und Delegiertenversammlungen offenbaren würden: "Inititative studiert? Gegenvorschlag gelesen? Revision analysiert? Fehlanzeige." Es gehe nur um Stimmen und Stimmung, geschrieben würden "Polit-Matchberichte". Dabei sei nichts dümmer als die "zelebrierte Unterschätzung" der Leserschaft. Anstatt dem Publikum die Komplexität von politischen Themen auseinanderzusetzen, flüchteten sich die Redaktionen in die Ausrede, die Leser würden entsprechende Erklärungen ohnehin nicht verstehen. Seine Konklusion: "Das schwächste Glied im demokratischen Diskurs sitzt in den Newsrooms".
Für seinen Kommentar hat Moser auf Twitter viel Zuspruch erhalten: "Leider wahr", schreibt etwa Armin Müller, Chefökonom der "Handelszeitung". SP-Nationalrätin Jacqueline Badran bedankt sich: "gut merkt es jemand überhaupt. Thanks". Vinzenz Wyss, Professor für Journalistik an der ZHAW Winterthur, beurteilt die Kritik als ungewöhnlich: "Whow! Das ist ja mal eine Kollegenkritik, die man sonst nur von pensionierten Journalisten hört."
persoenlich.com hat bei den Herren Kollegen nachgefragt, wie sie dessen Kritik beurteilen würden: Ist die Qualität der Artikel der Schweizer Bundeshausjournalisten tatsächlich so schlecht? Werden die Leser unterschätzt? Und: Ist Mosers Befund, dass die Journalisten "das schwächste Glied im demokratischen Diskurs" sind, richtig? Von neun angefragten Bundeshausjournalisten wollten vier unter Angabe unterschiedlicher Gründe nicht öffentlich Stellung beziehen. Drei reagierten nicht auf die Anfrage. Ein Bundeshausjournalist, der namentlich nicht erwähnt werden möchte, stört sich unter anderem an der Schwammigkeit der Berufsbezeichnungen: "Wen meint Moser mit den 'Bundeshaus-Journalisten'?" Denn an Parteitagen und Delegiertenversammlungen, wie Moser schreibe, seien diese meistens nicht anzutreffen, auch sässen sie nicht in "Newsrooms", sondern in ihren Berner Büros.
Die Sichtweise von Lukas Mäder, Leiter des Ressorts Politik bei "20 Minuten", und Markus Häfliger, Bundeshausredaktor der "Neuen Zürcher Zeitung", soll im Folgenden widergegeben werden.
Kritik als Eigengoal
Lukas Mäder bedauert, dass Moser just jenem Boulevardisierungstrend verfalle, den er anprangert. Er spiele auf die Person, die Journalisten und offenbare dabei fast schon demonstrativ sein Desinteresse an den Details des Diskurses. "Er betreibt mit der Bezeichnung der Journalisten als 'schwächstes Glied im demokratischen Diskurs' genau jene Art von Pauschalisierung und Oberflächlichkeit, die er kritisiert." Seine begriffliche Vermischung von Bundeshausjournalisten, Reportern und Journalisten im Newsroom sei dabei nur noch ein Detail. Mäder sieht bei den Medien heute zwei gegenläufige Trends: Der Journalismus sei in den letzten Jahren trotz Tendenzen zur Emotionalisierung insgesamt kritischer, unabhängiger und analytischer geworden. "Journalisten verstehen sich heute nicht mehr nur als Chronisten oder Parteienvertreter."
Gleichzeitig drohe aber der strukturelle Wandel die Qualität im Journalismus zu verschlechtern. Dass Konvergenz als Sparprogramm missverstanden werde, sei nicht den Journalisten anzulasten. Eine vertiefte Analyse müsste laut Mäder just bei diesem Punkt ansetzen.
NZZ als Antithese
Markus Häfliger räumt ein, dass Mosers Kolumne, wie viele Provokationen, nicht völlig an der Realität vorbei ziele. Richtig sei, dass es im politischen Journalismus einen Trend zur Personalisierung gebe, dem vermeintlich langweilige Details oft zum Opfer fallen würden. Ebenso richtig sei, dass der wachsende Zeitdruck und der Personalabbau auf den Redaktionen der inhaltlichen Tiefenschärfe nicht förderlich sei. "Auf diesem Weg dürfen die Schweizer Medien nicht mehr allzu weit gehen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren wollen", warnt Häfliger.
Trotzdem treffe Moser nicht ganz ins Schwarze: "Nach wie vor ist das Niveau der überregionalen Schweizer Medien – von Ausnahmen abgesehen – im internationalen Vergleich eher hoch." Eine Antithese zu Mosers Kritik bilde die NZZ: Gerade in diesen Wochen publiziere sie Dutzende von Berichten, Meinungsbeiträgen, Interviews und Analysen, die die drei Abstimmungsvorlagen vom 3. März bis ins Detail sezierten. Auch einzelne Regionalzeitungen und SRG-Redaktionen würden solche Debatten pflegen.
Als "Mythos" bezeichnet Häfliger die Behauptung, dass Politiker den Diskurs generell mehr pflegen würden als Journalisten. Gerade die SVP-Delegiertenversammlungen, die Moser als leuchtendes Beispiel anführe, würden nicht durch besonders tiefschürfende Diskussionen auffallen. Die intensive Kontroverse um die Minder-Inititiative sei diesbezüglich auch eher Ausnahme als Regel gewesen. Überrascht ist Häfliger, dass Mosers Kritik im "Sonntag" erscheint: "Diese Zeitung schafft es zwar immer wieder, aufzufallen und sie hat auch unbestrittene journalistische Stärken. Das detaillierte Erklären politischer Vorlagen zählt eher nicht dazu."
Text: Benedict Neff, Bild: Keystone