Urs Paul Engeler, am 26. Januar 2012 halten Sie an der SPAG-Weiterbildungstagung ein Referat über die Rolle der Medien in der politischen Berichterstattung. Was ist Ihre Kernaussage?
Journalisten spielen immer eine Rolle. Initiieren sie eine Diskussion um Personen oder Themen, dann sind sie selbst politische Akteure: Sie drängen Politiker zu Reaktionen. Transportieren sie Botschaften von Dritten, sind sie entweder Marionetten oder gezielt handelnde Mitspieler: Sie verstärken einen Prozess. Kritisieren sie solche Prozesse kritisch, entscheiden sie ebenfalls mit, als Schiedsrichter oder Gegenkräfte. Und wenn sie gar nicht berichten und Informationen nicht weitergeben, unterstützen sie den, dem diese schaden könnten. Dieses Verschweigen ist übrigens die unehrlichste Art der Beeinflussung; es verunmöglicht die öffentliche Diskussion.
Sie spielen auf die Hildebrand-Affäre an. Verschiedene Seiten werfen Ihnen vor, Sie hätten unjournalistisch gearbeitet, weil Sie Ihre Information nicht von einer zweiten Person verifizieren liessen. Werden Sie beim Referat darauf eingehen?
Vielleicht frage ich in einem Nebensatz, wie viele Zweitquellen die andern Medien konsultiert haben, als sie kritiklos das lügenhafte Communiqué von Bundesrat und Bankrat vom 23. Dezember 2011 abdruckten. Oder aus wie vielen Quellen die (vom Gesamtmedienverbund wiederholte) Falschmeldung der "NZZ am Sonntag" geschöpft wurde, Frau Hildebrand habe die umstrittene Transaktion auf ihrem eigenen Konto durchgeführt. Wahrscheinlicher aber ist, dass ich schlicht darauf hinweise, dass meine Darstellung der Hildebrandschen Devisengeschäfte richtig war, zweitens einen Transparenz-Schub ungeahnten Ausmasses bewirkt und dringend nötige personelle Folgen ausgelöst hat.
Und was sagen Sie dazu, dass Sie in der "Weltwoche" gefälschte Kontoauszüge veröffentlichten und gewisse Stimmen Ihnen sogar den Titel "Journalist des Jahres" entziehen wollen?
Ich habe keine falschen Kontoauszüge veröffentlicht. Sämtliche Transaktionen stimmen bis auf den letzten Rappen, sämtliche Daten sind korrekt. Ich habe in meinem Text die Konto-Auszüge zutreffend als "Faksimile" bezeichnet. Sie wurden sowohl von Herrn Hildebrand wie vom Bankrat anerkannt und bestätigt. Die Geschichte über die "Fälschung" ist lächerlich. Ich habe den "Titel" bereits einmal als "Höchststrafe" für einen eigenständigen Journalisten bezeichnet; diese Einschätzung wurde nun bestätigt. Es beweist sich nämlich, dass man gar nicht journalistische Leistungen prämiert, sondern politische Aktionen. Insofern ist die Posse um Auszeichnung und Widerruf eine hübsche Illustration zum Thema "Was Journalisten unter Journalismus verstehen". Diesen Titel gäbe ich darum mit dem allergrössten Vergnügen zurück. Aber leider muss ich am 1. Februar den bitteren Kelch austrinken. Leicht versüsst wird er durch die Tatsache, dass mich dann niemand mehr lobt.
Die Bank Sarasin reichte beim Presserat Beschwerde gegen die "Weltwoche" ein. Sie wirft der der Zeitung vor, das Bankgeheimnis verletzt zu haben. Wird die Hildebrand-Affäre zu einem Bumerang für Sie?
Dass ich mit dieser Geschichte in einen Orkan geraten würde, war mir bereits vor der Publikation klar. Die Beschwerde der Bank streift nun aber das Absurde. Welche Information hätte die Bank mir zum Zeitpunkt meiner Recherche (Ende Dezember, 1. bis 3. Januar 2012) liefern können? Einen beglaubigten zweiten Konto-Auszug? Namen, Funktionen und Handlungen ihrer Mitarbeiter? Kontaktdaten mit Herrn oder Frau Hildebrand? In der Folge stellte ich der Bank Sarasin in vier Mails insgesamt sechs ganz konkrete und detaillierte Fragen. Beantwortet wurde keine
Wussten Sie eigentlich, dass Reto T. diese Auszüge nicht in die Hände der Medien spielen wollte und die Originale verbrannte?
Nein.
Hätten Sie anders gehandelt, wenn Sies gewusst hätten?
Nein. Für die Publikation der Auszüge spielt die Motivation der Quelle eine untergeordnete Rolle. Die journalistisch relevanten Kriterien sind: Treffen die Informationen zu? Und sind sie relevant? Beide Fragen waren klar mit Ja zu beantworten.
Was würden Sie heute anders machen in der Berichterstattung über die Hildebrand-Affäre?
Selbstverständlich hätte man vieles anders und besser machen können; das ist wohl bei jeder Arbeit so. Viele Aspekte der Affäre wurden jedoch erst nach der Publikation und nach den Reaktionen sichtbar. In der Retrospektive waren wir viel zu ehrlich und zu offen, was die Quellen betrifft. Wir glaubten, wegen der Bedeutung der Affäre eine besondere Pflicht zur Transparenz zu haben. Daraus wollen die Betroffenen von Bank Sarasin bis zum Verbund der Medien uns nun irgendwelche Stricke drehen, um vom eigentlichen Fall Hildebrand abzulenken. Wir hätten besser kein einziges Wort gesagt. Generell bleibe ich aber dabei: Ich habe das gemacht, was unter den damaligen Umständen möglich war. Hätte ich nicht gehandelt, wären die illegalen Devisengeschäfte unter dem Deckel gehalten und die Vertuschungen honoriert worden. Das war die Alternative.
In den vergangenen Monaten stolperten viele Schweizer Kaderleute über ihre eigenen Fehler und mussten abtreten, (beispielsweise der Armeechef, zwei Bundesanwälte und der Chef der SNB). Welche Rolle spielten dabei die Medien?
Eine vornehme; es waren Sternstunden der politischen Publizistik. In all diesen Fällen gab es mindestens ein Medium, das schwer wiegende Fehler publik machte. In allen Fällen gab es Medien, die Gegensteuer gaben. In allen Fällen haben Medien eine intensive politische Diskussion ausgelöst, die mit Entlassungen respektive Abwahlen endeten. Die Medien haben ihre Kontrollfunktion wahrgenommen und Transparenz geschaffen.
Ist die Arbeit in Bundesbern für Journalisten heute schwieriger, weil hunderte von PR-Leuten den Weg zu den Amtsträgern erschweren?
Ja und nein. In den 80er und 90er Jahren musste man den Beamten noch die "Würmer aus der Nase ziehen". Heute wird den Medien alles pfannenfertig und im eidg. Medienzentrum adrett inszeniert serviert. Mit "copy and paste" können Zeitungsspalten und Sendegefässe im Nu gefüllt werden. Viel schwieriger wird es aber, über Vorgänge hinter den Kulissen und Verlautbarungen zu berichten. Die rund 750 Kommunikationsleute des Bundes wurden auch schon als grösste PR-Agentur des Landes bezeichnet; man könnte sie auch "Bundesamt für Schönfärberei" nennen.
In einem Interview sagten Sie selbst, Ihr Markenzeichen sei Distanz. Sie sind in Bundesbern mit fast allen Leuten per Sie. Enthüllen Sie gerade deswegen immer wieder grosse Skandale? Oder müssen Sie sogar mehr leisten als Ihre umgänglichen Kollegen?
Ob da Zusammenhänge bestehen, kann ich nicht beurteilen. Die Leute, die mich kontaktieren, wissen einfach, dass sie bei mir an einer zuverlässigen Adresse sind, was die absolute Diskretion, die Verarbeitung der Informationen und deren Aufbereitung betrifft.
Durch diese Distanz wollen Sie die Rollenteilung der Medien und Politiker betonen. Warum glauben Sie nicht, dass man auch unter Bekannten ehrlich sein kann und trotzdem hart in der Recherche bleiben darf?
Warum wollen Politiker diese Mauer der Distanz überwinden? Um eine Art Vertrautheit, ja Kumpanei herzustellen. Man kann auch die Gegenprobe machen: Nach einem kritischen Artikel schlägt diese "Freundschaft" rasch in Abneigung bis Hass um. Ich habe mehrfach erlebt, dass Leute, die mich innig mit Lob überschütteten, eine Woche später gar nicht mehr grüssten.
Es ist Ihnen wichtig, nach aussen hart, unerbittlich und unabhängig zu wirken. Ihre berufliche Karriere begannen Sie als Lehrer. Damals tat es Ihnen leid, Schüler schlechte Noten zu erteilen. So hart sind Sie ja gar nicht?
Der Entscheid eines Lehrers über die beruflich-akademische Zukunft eines Zöglings ist nicht mit der Qualifikation eines Politikers zu vergleichen. Hier handelt es sich um erwachsene Menschen, die den Ehrgeiz haben, einflussreiche öffentliche Positionen zu besetzen, Entscheide von grösster Tragweite für alle zu treffen. Hier gilt nur ein Massstab: unerbittliche Strenge.
Wer von Ihnen entlarvt wird, ist seinen guten Ruf danach meistens los. Bruno Zuppiger und Philipp Hildebrand sind die neusten gefallenen Helden. Haben Sie im Gegensatz zu den schwachen Schülern mit diesen kein Mitleid?
Nein. Sie haben Fehler begangen, die man in dieser Position nicht tolerieren kann.
Spielt in Ihrer konsequenten Haltung auch Verbitterung mit?
Ich habe noch keine Psychoanalyse anfertigen lassen, glaube aber nicht, dass Frust meine Artikel diktiert. Sonst wäre ich ja seit meinen ersten Tagen als Journalist verbittert gewesen. Und dies ohne Grund.
Bei "Facts" waren Sie zwei Jahre Redaktionsleiter. Seither lehnen Sie Führungsverantwortung permanent ab. Sie seien nicht dazu geboren. Nun müssen Sie bei der "Weltwoche" aber junge Journalisten nachnehmen und einarbeiten. Wie viel Überwindung kostet Sie das?
Keine. Die Leitung einer vierköpfigen Bundeshausredaktion in der angespannten "Facts"-Atmosphäre ist mit der Ausbildung junger Talente nicht zu vergleichen.
Was müssen die jungen Talente mitbringen? Was können Sie nach Ihrem Coaching?
Mitbringen müssen sie nur die Eigenschaften, die jeder Journalist braucht: Neugierde, sieben Tage Einsatz, Schreibvermögen etc. Was ich speziell fördere und fordere, sind der Wille, sich eine unverwechselbare journalistische Identität zu erwerben, die Lust zur permanenten Kritik und der Mut, sich dafür allenfalls nicht nur gegen populäre Politiker und Magistraten, sondern auch gegen eine grosse Schar von Kollegen zu stellen.
Sie werden bald 62 Jahre alt und liebäugeln seit langem mit der Pensionierung. Enthüllen Sie uns, in was Sie sich danach privat vertiefen?
Wenn ich es wüsste, würde ich es sagen. Zurzeit kämpfe ich immer noch damit, vom Beruf loszukommen.
Interview: Christine Schnyder, Bild: Ruben Wyttenbach