Vorletzte Woche räumte der stellvertretende Chefredaktor der Neuen Zuger Zeitung, Lukas Nussbaumer, seinen Schreibtisch. Nussbaumer, der auf dem Medienplatz Zug einen ausgezeichneten Ruf geniesst, spricht gegenüber "persoenlich.com" von "unüberbrückbaren Differenzen" über die Ausrichtung des Blatts. Seine Kündigung reiht sich ein in eine Liste von mindestens zehn Abgängen, seit Gabrielle Keller Ende 2004 die Redaktionsleitung der Lokalzeitung übernommen hat. Einige wurden entlassen, andere verliessen das Blatt freiwillig, wieder andere wurden nach Luzern versetzt, wo die Luzerner Zeitung, Herausgeberin der Neuen Zuger Zeitung, angesiedelt ist.
Die Stimmung in den Keller trieb zudem unlängst ein Vorfall, bei dem ein Mitarbeiter drei Kollegen des Mobbings bezichtigte. Die Chefredaktorin ordnete nach einem Eklat eine umfassende interne Untersuchung an -- was die drei angeschuldigten Redaktoren prompt als Misstrauensbeweis werteten. Keiner der Mobbingvorwürfe erwies sich in der Folge als haltbar. Dessen ungeachtet sagt Keller heute: "Ich bin nach wie vor froh, dass wir das getan haben". Auch wenn es ihr die angeschuldigten Mitarbeiter krumm genommen hätten, dass sie eine offene Diskussion zu den Vorfällen eingeleitet hatte.
Offen aussprechen mag es niemand, aber gegenüber "persoenlich.com" richten mehrere frühere Mitarbeiter eine ganze Reihe von Vorwürfen an die Adresse Kellers. "Sie hat sich, seit Sie ihren Posten angetreten hat, nie in den Kanton eingearbeitet", sagt ein Branchenkenner gegenüber "persoenlich.com". Ehemalige Mitarbeiter werfen ihr einen diktatorischen Führungsstil, mangelndes journalistisches Fingerspitzengefühl und eine ungeschickte Themenauswahl für das Blatt vor. Die Wirtschaftsberichterstattung sei schwach, zudem fehlten Keller die für ihre Aufgabe unabdingbaren Kenntnisse der lokalen Politik.
Keller selbst ist sich bewusst, dass nicht alle ihren Führungsstil goutieren: "Ich bin jemand, der die Sache beim Namen nennt. Wenn ich finde, ein Mitarbeiter ist an einer Stelle schwach, dann sage ich das auch", sagt sie. Sie hält die vielen Fluktuationen in ihrem Team nicht für unüblich. "Nach einem Wechsel an der Redaktionsspitze kann es zu Fluktuationen und Spannungen kommen. Geht ein Redaktor weg, kann dies diesen Prozess verstärken." Unter ihrem Vorgänger Werner Steinmann, der die Redaktion während zehn Jahren führte, hatte es kaum personelle Veränderungen gegeben.
Dass die Neue Zuger Zeitung in Politkreisen wenig Ansehen geniesst, darauf lässt ein gemeinsamer offener Brief an die Adresse Kellers schliessen, der wenige Tage vor den Regierungsratswahlen am vorvergangenen Wochenende in der Wochenzeitung Zuger Woche erschien. "Als unverständlichen und inkonsequenten Entscheid" verurteilen darin die Zuger Parteipräsidenten in einem gemeinsamen Schreiben die Praxis der Zeitung, dass in den Leserbriefen keine Wahlempfehlungen abgegeben werden dürfen. Vor dem Hintergrund, dass die Parteien zugleich in der Höhe von "hunderttausenden von Franken" in der Zeitung inserierten, sei dies völlig unverständlich.
Ebenfalls herrscht beträchtliche Unzufriedenheit über der politische Berichterstattung. CVP-Nationalrat Gerhard Pfister sagt gegenüber "persoenlich.com": "Ich stelle eine deutliche Entpolitisierung des Blatts fest". Bei der Neuen Zuger Zeitung würden kaum noch Journalisten arbeiten, die sich in der Politszene auskennen. Im Stammhaus in Luzern hält man die Medienschelte Pfisters für "Unsinn". Thomas Bornhauser, Chefredaktor der Neuen Luzerner Zeitung, verteidigt seine Zuger Regionalredaktion: "Wir hatten in Zug Wahlen. Die waren umstritten, wie in diesem Ausmass seit vielen, vielen Jahren nicht mehr. Entsprechend gab es etliche Nervositäten im politischen Umfeld. Wenn man Parteivertretern nicht nur ja sagt, führt das automatisch zu Kritik."
Bornhauser stellt sich ohne Wenn und Aber hinter die umstrittene Chefredaktorin: "Keller hat nach einer langen Phase mit gleicher Führung eine sehr schwierige Aufgabe übernommen. Von ihr wird jetzt auch Hornhaut verlangt, nicht zuletzt, weil es unvermeidlicherweise Kritik gibt, von innen -- Stichwort Hahnenkämpfe -- oder auch von aussen, wenn man an behördliche Empfindlichkeiten denkt", so Bornhauser.
Er verweist darauf, dass die Neue Zuger Zeitung im Lesermarkt Zug sehr gut unterwegs ist. Und dafür brauche es nicht den Applaus der Parteivertreter, sondern das regelmässige Interesse der Leser. "Unsere Partei, das sind die Leser", sagt Bornhauser. Die angesprochene Leserschaft jedoch hat in Zug keine Alternative zur Neuen Zuger Zeitung. Ende letztes Jahr hat die LZ Medien Holding die Zuger Presse, einst als Gegenstimme zur Neuen Zuger Zeitung gegründet, geschluckt. Sie erscheint seit Anfang dieses Jahres als kostenlose Wochenzeitung. Seither kann die Neue Zuger Zeitung in der Region faktisch als Monopolistin schalten und walten.