Der Dokfilm "Bottled Life", der derzeit in den Kinos läuft, setzt sich kritisch mit der Rolle von Nestlé im Geschäft mit abgepacktem Wasser auseinander. SF-Journalist Res Gehriger, dessen Recherchen dem Film zugrunde liegen, äussert sich im Gespräch mit persoenlich.com zur Kommunikationsstrategie des grössten Lebensmittelkonzerns, zu Dokfilmen à la Michael Moore und zu den aufwändigen Dreharbeiten.
Herr Gehriger, dem Nestlé kritischen Film "Bottled Life" liegen Ihre Recherchen zugrunde. Wie sind Sie vorgegangen?
So, wie das die meisten Journalisten tun würden: Informationen beschaffen und prüfen, Personen kontaktieren, Gespräche führen, hinterfragen. So ist ein umfangreiches Dossier entstanden, das die Auswahl der Drehorte erleichtert hat.
Wenn man den Informationen aus dem Film glauben darf, dann stellt sich Nestlé in punkto Kommunikation ziemlich stümperhaft an. Sogar vermeintliche Prestige-Sozialprojekte wie jenes in Äthiopien entpuppten sich als nicht besonders herzeigenswert. Was glauben Sie, wieso geht der grösste Lebensmittelkonzern der Welt da nicht professioneller vor? Ist er mittlerweile so mächtig, dass er schlicht nichts zu befürchten hat?
Ich denke nicht, dass Nestlés PR-Arbeit stümperhaft ist, im Gegenteil. Bei unserem Projekt hatten wir früh Kontakt zu Nestlé. Als ich den Konzernsprecher fragte, ob wir in Pakistan drehen dürften, war seine spontane Antwort: "Mein Masochismus geht nicht soweit, dass ich der Betroffenheitsstupidität des Publikums noch Vorschub leisten will". Nestlé dachte, mit der Absage sterbe das Filmprojekt. Was die Brunnen in Äthiopien betrifft, war ich erstaunt. Zwei Jahre nachdem sich Nestlé aus dem Projekt verabschiedet hat, stellt die Firma einen Imagefilm ins Netz, in dem Peter Brabeck von einem langfristigem Engagement spricht. Nestlé tut wohl so viel Gutes, dass es zuweilen an Übersicht fehlt. Und kritische Fragen zu humanitären Projekten sind selten.
Was meinen Sie, wieso leistet sich Nestlé nicht wie jedes andere Grossunternehmen ein paar Ökoprojekte, mit denen man sich wirklich brüsten kann? Finanziell wäre das doch ein Leichtes.
Das müssen Sie Nestlé fragen. "Unternehmerische Sozialverantwortung" kann eine Firmenphilosphie sein. Oder ein Marketinginstrument.
Wissen Sie, ob sich die Situation in Äthiopien verbessert hat?
Als wir im Flüchtlingslager filmten, klagten viele Familien über Wasserknappheit, manchmal gebe es mehrere Tage überhaupt keins. Ich weiss, dass das UNHCR die Anlagen in der Zwischenzeit elektrifiziert hat. Zur aktuellen Versorgungslage sind die Angaben widersprüchlich.
Mit den Worten: "Der falsche Film zur falschen Zeit", schmettert die Kommunikationsabteilung von Nestlé jeglichen Kommentar zum Film ab. Statt Interviewsequenzen sind im Film deshalb nur Ausschnitte aus öffentlichen Auftritten von Konzernchef Peter Brabeck zu sehen. War es Ihnen auch an diesen Auftritten nicht möglich ihm mal eine Frage zu stellen?
Doch. Wir haben ihn an diesen Veranstaltungen gezielt befragt, jeweils wenn das Podium Fragen aus dem Publikum entgegenahm. Urs und ich wechselten uns ab, so konnten wir zu mehreren spezifischen Themen des Films Stellungnahmen von Peter Brabeck einholen. Ich habe Peter Brabeck im Nachgang eines Anlasses um ein Interview gebeten. Er verwies mich an seinen CEO Paul Bulcke und an die Presseabteilung. Die sagten dann ab. Bewusst verzichtet haben wir auf erzwungene Interviews vor laufender Kamera.
Was ist Ihr Gesamteindruck vom Kommunikationsverhalten von Nestlé?
Bei Nestlé hat die Zentrale die Kommunikation im Griff. Vor Ort in Pakistan und den USA stellten uns lokalen Nestlé-Vertreter zuerst Interviewtermine und Betriebsbesichtigungen in Aussicht. Aber am nächsten Tag haben sie uns jeweils wieder ausgeladen. Es war offensichtlich: Das "Nein" kam aus Vevey. Nestlé behauptet, wir hätten es nur darauf abgesehen, den Konzern zu verunglimpfen, deshalb habe man sich verweigert. Mich dünkt diese Begründung fadenscheinig. Nestlé hatte uns ja zwischenzeitlich angeboten, einen Film im Auftrag des Konzerns zu realisieren.
Der Film von Regisseur und Produzent Urs Schnell ist ziemlich ausgewogen gehalten. Auch Leute, die Nestlé gegenüber positiv eingestellt sind, kommen zu Wort.
Freut mich, dass Ihnen das aufgefallen ist. Nestlé hat Argumente und die wollen wir nicht ausblenden. Andere behaupten, im Film würden lauter linke Ideologen gegen Nestlé vom Leder ziehen. Dabei sind in den USA viele der Nestlé-Kritiker bei der Republikanischen Partei.
Wie gross war die Versuchung das Ganze noch weiter zuzuspitzen? Die Zuschauer sind - besonders durch die Filme von Michael Moore - ja mittlerweile auf einen viel konfrontativeren Dokfilm-Kurs konditioniert.
Wahrscheinlich wäre der Film amüsanter geworden, wenn wir gezeigt hätten, wie ein Nestlé-Sprecher vor unserer Kamera in den Regen geflüchtet ist, oder wie ein Nestlé-Repräsentant darauf bestand, vor einem Gewerbeverein im US-Bundesstaat Maine im Halbdunkeln zu sprechen, nur damit wir keine optimalen Bilder schiessen konnten. Wir haben bewusst auf diese Elemente verzichtet. Wir wollten kein Nestlé-Bashing, das Vorurteile bedient.
Hat Michael Moore im Genre Dokfilm in dieser Hinsicht vielleicht auch einiges kaputt gemacht?
Die "Reise des Journalisten" ist eine gängige Erzählform. Regisseur Urs Schnell hat sie gewählt, um die verschiedenen Schauplätze miteinander zu verbinden. Offenbar riskiert man bei diesem Muster jetzt automatisch den Micheal-Moore-Vergleich. Meine Rolle war eine ganz andere.
Gehen die anderen Wasserhändler ähnlich vor? Oder gibt es Wassermarken, die man Ihrer Meinung nach guten Gewissens konsumieren kann?
Nestlés grösste Konkurrenten auf dem Weltmarkt für abgepacktes Trinkwasser sind Pepsi (wichtigste Marke: Aquafina) und Coca Cola (Dasani). Die beiden füllen hauptsächlich Leitungswasser in Flaschen ab, während Nestlé mehr auf "Quellwasser" fokussiert. Verhaltensregeln mag ich keine aufstellen. Leitungswasser ist mitunter besser als Mineralwasser. Das Zürcher Leitungswasser hat viel weniger Nitrate als zum Beispiel Henniez.
Was glauben Sie: Leidet der Markenwert von Nestlé unter "Bottled Life"?
Das glaube ich nicht. Können Sie drei Wassermarken von Nestlé aufzählen? - Der Konzern hat mehr als 70 davon. Wieviele Personen schauen sich den Film an? Und wieviele schauen sich Nestlé-Werbung an? In den USA haben die Diskussionen um Flaschenwasser dazu geführt, dass einzelne Stadtverwaltungen, zum Beispiel San Francisco, kein abgepacktes Wasser mehr ankaufen für Veranstaltungen und Mitarbeiter.
Die Arbeiten an dem Film haben soweit ich weiss gegen fünf Jahre gedauert. Aus journalistischer Sicht ist das natürlich ein Traumprojekt. Recherchereisen nach Äthiopien, Nigeria, Nordamerika, Pakistan, dazu ein löblicher, aufklärerischer Ansatz. Wie lässt sich so etwas finanzieren?
Es waren keine Luxusferien an Traumdestinationen. Das ganze Team hat eine Menge Gratisarbeit geleistet, um das Projekt unter schwierigen Umständen zu realisieren. Gereist sind wir meist nur zu zweit oder zu dritt. Wichtigste Geldgeber waren SF, Arte, WDR und die Filmförderungen der Kantone Bern, Aargau sowie von Baden-Württemberg.
Arbeiten Sie bereits an einem neuen Filmprojekt?
Das ist noch nicht spruchreif.
Interview: Adrian Schräder