Lehrer Schaub macht jetzt digitale Schulmagazine

Medienbildung - Seit er unterrichtet, macht Reto Schaub mit seinen Klassen Zeitungen – nach 50 Jahren auf Papier nun erstmals digital. Nau.ch stellt die Infrastruktur zur Verfügung. Eine Geschichte über eine ungewöhnliche Kooperation.

von Nick Lüthi

Plötzlich ging es schnell. Als Reto Schaub Ende Mai die E-Mail geschrieben hatte, dauerte es nicht lange, und er erhielt eine Einladung nach Bern. Mit einem Koffer, darin drei prall gefüllte Ordner, bestieg der 72-jährige Lehrer in Thusis den Zug. Ziel der Reise war die Redaktion der News-Plattform Nau.ch in Bern-Liebefeld. Dort durfte er seine Idee einer digitalen Schulzeitung vorstellen.

Ende Mai musste ein Entscheid her

Fast ein Jahr lang hatte er sich zuvor beim Verlegerverband und dessen Präsidenten Andrea Masüger bemüht, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen. «Ich dachte, wenn der Verband schon ein Lehrmittel für Medienkompetenz herausgibt, dann könnte er ein Interesse daran haben, jungen Leuten den Journalismus auch praktisch näherzubringen», sagt Reto Schaub im Gespräch mit persoenlich.com. Nach einem ergebnislosen Hin und Her hatte er Ende Mai genug und meldete sich bei Nau.ch.

Seine erste Schülerzeitung hatte Reto Schaub als 21-jähriger Lehrer Anfang der 1970er-Jahre in Thusis produziert. «Vom Schulhaus aus sahen wir damals, wie die alte Turnhalle umgebaut wurde. Ich gab meinen Schülern den Auftrag, einen Aufsatz über den Umbau zu schreiben», erinnert sich Schaub, der noch heute im Pensionsalter an der Schule in Splügen in einem Teilzeitpensum als schulischer Heilpädagoge arbeitet. Aus den Aufsätzen zum Turnhallenumbau entstand ein doppelseitiger Beitrag in der «Bündner Post». Und es blieb nicht bei dem einen Mal; daraus wurde das «Juniörli», das als eigenständige Schülerzeitung vierteljährlich bei der damaligen Tageszeitung, die heute noch als Wochenzeitung existiert, gedruckt wurde.

Ein Hobby, das er professionell betreibt

Das Zeitungmachen liess Reto Schaub nicht los. Überhaupt begleitete die Publizistik den altgedienten Lehrer sein ganzes Berufsleben lang. Sei es als Autor von Jugendkrimis, Lehrmitteln oder als Redaktor einer pädagogischen Fachzeitschrift. Ist er ein verhinderter Journalist? Das verneint er klar, sagt aber auch, dass er mit 24, als er für eine Stelle nach Zürich wechselte, einen Moment lang damit geliebäugelt habe, die damals frisch gegründete Ringier Journalistenschule zu besuchen. Daraus wurde aber nichts. «Lehrer zu sein ist meine Leidenschaft, Journalismus mein Hobby», sagt Schaub. Aber ein Hobby, das er professionell betreibt.

Wo er auch hinkam als Lehrer, produzierte Schaub mit seinen Klassen Zeitungen. Doch jetzt will er den Schritt ins Digitale machen. «Das brauche ich jetzt einfach noch nach 50 Jahren Papier», sagt Schaub. Mit Nau.ch fand er einen idealen Partner.

Beim Zusammentreffen mit der Geschäftsleitung des Nachrichtenportals, wo er die prallvollen Ordner mit all seinen bisherigen Zeitungsprojekten ausbreitete, ist der Funke schnell übergesprungen. «Seine Euphorie wirkte ansteckend. Er ist ein unglaublicher Macher», sagt Simon Klopfenstein, operativer Leiter von Nau.ch. Der Entscheid für eine Zusammenarbeit fiel schnell und unbürokratisch.

Zwei Wochen nach der ersten Begegnung ging es schon los. Der Aufwand hielt sich in Grenzen. Das Einzige, was Reto Schaub brauchte, war ein Login für das Redaktionssystem und Administratorenrechte, damit auch seine Schülerinnen und Schüler ihre Artikel erfassen und publizieren können. Ein Sportredaktor von Nau.ch, der in der Ostschweiz wohnt, besuchte die Schule in Splügen und führte die Oberstufenschülerinnen und -schüler sowie die Lehrpersonen in die Plattform ein.

Solider Lokaljournalismus

Ende Juni war es dann so weit. Das erste digitale Schulmagazin unter der Leitung von Reto Schaub ging online. Die Schülerinnen und Schüler der Oberstufe in Splügen widmeten sich in ihren Beiträgen dem 200-jährigen Jubiläum der sogenannten Commercialstrasse, der durchgehenden Strassenverbindung von Chur über den San-Bernardino-Pass nach Bellinzona. Die Artikel der 13- bis 16-Jährigen lassen sich sehen und entsprechen journalistischen Standards. Bis zur Veröffentlichung durchlaufen sie zwei Filter; zum einen jenen der Lehrpersonen, im vorliegenden Fall von Reto Schaub selbst und schliesslich der Redaktion von Nau.ch, die letztlich die Verantwortung für die Publikation trägt.

Dass die Artikel auf einer kommerziellen Plattform erscheinen, wo auch Werbung neben den Artikeln steht, stört Reto Schaub nicht – im Gegenteil. «Ich wollte nie nur Schülerzeitungen machen», sagt der Lehrer. Die Schülerinnen und Schüler sollen sich auch mit der Finanzierung von Medien auseinandersetzen. Schon für die gedruckten Publikationen, die er in der Vergangenheit mit Jugendlichen realisierte, hatte er Inserate organisiert, «etwa für Schokolade oder Kaugummi».

Werbung bei einer attraktiven Zielgruppe

Mit dem erfolgreich umgesetzten Pilotprojekt fiel der Startschuss. Jetzt geht es weiter. Bereits haben sich Schulen gemeldet, die auch auf Nau.ch Medienluft schnuppern möchten. «Für uns bedeutet dieses Projekt wenig Mehraufwand», sagt Simon Klopfenstein. Dass Nau.ch, schon heute bekannt für seinen enormen Output von Texten aus allerlei Quellen, dank der Schulmagazine gratis zu noch mehr Inhalten kommt, sieht Klopfenstein höchstens als Begleiterscheinung, aber sicher nicht als Zweck der Übung. «Wir finden es natürlich grossartig, wenn wir auf diese Weise die Medienkompetenz fördern können», sagt der Mitgründer von Nau.ch. Und klar sei dies auch gute Werbung bei einer attraktiven Zielgruppe.

Was Reto Schaub gerade in Bewegung gesetzt hat, ist auch den lokalen Medien nicht entgangen. Das Pöschtli, die Zeitung mit der alles angefangen hatte vor 50 Jahren, zitierte aus einem Artikel des ersten digitalen Schulmagazins. Der Platzhirsch Südostschweiz berichtete zwar auch über das neue Projekt des umtriebigen Lehrers, schaffte es aber, in seinem Artikel den Kooperationspartner Nau.ch mit keinem Wort zu erwähnen.