"Leider hat uns Roger Köppel zu früh verlassen.”

- Tito Tettamanti hat sich in den Siebzigerjahren als Baulöwe und Financier einen Namen gemacht. Doch Tettamanti versteht sich vor allem als Visionär: Als Hauptaktionär der Jean-Frey-Gruppe kämpft er gegen politische Korrektheit und für mehr Streitkultur. Im Interview mit “persönlich rot” erklärt er, was einen erfolgreichen Weltwoche-Chef ausmacht und warum Facts geschlossen wird und die Weltwoche überlebt. "persoenlich.com" präsentiert einen Ausschnitt aus dem Gespräch.

Herr Tettamanti, wie gut kennen Sie Jürg Wildberger?

“Ich kenne Herrn Wildberger nicht persönlich.”

Haben Sie mit ihm im Vorfeld seiner Ernennung zum Weltwoche-Chefredaktor gesprochen?

“Nein.”

Die Weltwoche hat bereits den dritten Chefredaktorenwechsel innert vier Jahren. Stört Sie diese Unbeständigkeit nicht?

“Es klingt paradox: Viele, die die Weltwoche heute nicht mehr lesen oder ihr Abonnement gekündet haben, teilen zwar deren Einstellung und Ausrichtung, geben dies aber nicht zu. Sie begründen ihre Kündigung mit den Kommentaren von SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli, stören sich aber nicht an den Kolumnen von WoZ-Redaktor Constantin Seibt. Ist dies ein Zeichen von bewusster oder unbewusster Intoleranz? Typisch für den ‘pensiero unico’. Wir verlieren enttäuschte Leser, die glauben, eine Zeitung wie die Weltwoche sollte links sein. Was das heisst, wissen sie vielleicht nicht einmal und vergessen, dass viele neue originelle und kulturelle Strömungen heutzutage sicher nicht von links kommen. Das erklärt unter anderem, warum die Aufgabe nicht leicht ist. Übrigens sollte nicht vergessen werden, dass Herr Köppel gekündigt hat, weil er von der Welt eine Offerte bekommen hat, die er nicht ausschlagen konnte.”

Das würde bedeuten, dass die Weltwoche mit diesem Konzept gescheitert wäre...

“Nein, aber wir benötigen eine gewisse Zeit, um unsere Leser zu überzeugen, dass eine Zeitung, die weder links noch political correct ist, erfrischend, interessant, modern, manchmal irritierend und keineswegs dumm sein kann.”

Dann nehmen Sie in Kauf, dass die Auflage der Weltwoche hinter diejenige von Facts fällt?

“Nein, überhaupt nicht. Vielmehr gehört es zu den Gesetzmässigkeiten des Wirtschaftsdarwinismus, dass Facts geschlossen wird und die Weltwoche überlebt (lacht). Im Ernst, Weltwoche und Facts sind zwei verschiedene Zeitungen mit zwei verschiedenen Ausrichtungen. Ich sehe auch keine Synergien, um die beiden Blätter zusammenzulegen. Die Frage ist eine andere: Gibt es in der Schweiz mehr als hunderttausend Leser, die eine Zeitschrift wie die Weltwoche kaufen und lesen wollen? Um eine solche Zeitung lesenswert zu machen, benötigt man jeweils vier provokative, erregende, gut recherchierte Artikel, die Gesprächsstoff in der Zivilgesellschaft, bei den Politikern sowie an den Stammtischen oder im Zug liefern.”

Was zeichnet einen erfolgreichen Weltwoche-Chef aus?

“Ein guter Weltwoche-Chef sollte einerseits die Frechheit und Aggressivität der Jugend besitzen, andererseits auch über eine gewisse Reife und Ausgewogenheit verfügen. Sein grösstes Talent besteht aber darin, die Redaktion zu führen. Ein guter Journalist ist nicht notwendigerweise ein guter Manager. Noch ein Wort zu Roger Köppel. Wie Sie vielleicht wissen, habe ich grosse Achtung vor und Sympathie für Köppel, weil er intellektuell sehr begabt und kein Konformist ist, gute Ideen hat und zuweilen über eine gewisse Exzentrik verfügt. Zudem haben wir ähnliche Ansichten. Es ist nicht leicht, ihn zu ersetzen. Leider hat uns Roger Köppel zu früh verlassen.”

Wollen Sie sich langfristig vom Jean-Frey-Verlag zurückziehen?

“Nein, ich habe dies nicht vor. Ich hege auch keine Verkaufsabsichten. Mit Gerhart Isler haben wir einen weiteren Grossaktionär gefunden, der mit seiner Erfahrung Kontinuität garantieren soll. Ich bin Charles von Graffenried und Peter Kleiner vom St. Galler Tagblatt dankbar, dass sie sich bei der Neustrukturierung des Jean-Frey-Verlags beteiligt haben. Obwohl sie eigene Verlagshäuser vertraten und sich einer späteren Konkurrenzsituation bewusst waren, haben sich die beiden Grandseigneurs zur Verfügung gestellt, um ein unabhängiges Verlagshaus zu retten. Als Präsidenten habe ich 2002 Adriano Agosti vorgeschlagen, einen intelligenten Arbeitsmenschen und Turn-around-Spezialisten, mit dem ich zusammenarbeite. Nach dem geglückten Turn-around hat er sich zurückgezogen und darf diesen Erfolg stolz in seinem Lebenslauf vermelden. Diese Phase ist nun abgeschlossen.”

Das heisst, der Verlag wird nun neu strukturiert?

“Die neue Struktur existiert schon. Da es sich beim Jean-Frey-Verlag um ein kleines Unternehmen handelt, sollten auch Doppelspurigkeiten vermieden werden. Man benötigt deswegen nur zwei Parteien. So haben wir die Verantwortung Filippo Leutenegger übertragen, der als CEO und Delegierter des Verwaltungsrates den echten Verleger spielen muss, während auf der anderen Seite die Journalisten stehen. Es gibt in diesem Konstrukt keine unnötigen Zwischenstufen. Herr Leutenegger hat die Vollmacht aller Aktionäre und wir sehen jeweils erst Ende des Jahres, wie es gelaufen ist. Ein guter Chef benötigt Autonomie. So ruft mich Herr Leutenegger auch nur gelegentlich an.”