Letzte Kolumne des getöteten Journalisten veröffentlicht

Fall Khashoggi - Der «Tagesspiegel» hat den letzten Beitrag von Jamal Khashoggi auf Deutsch publiziert. Darin sprach der Kolumnist über die arabische Version des Eisernen Vorhangs und die Passivität des Westens.

Die letzte Kolumne des getöteten saudischen Journalisten Jamal Khashoggi für die «Washington Post» trägt den Titel: «Was die arabische Welt am meisten braucht, ist freie Meinungsäusserung». Der «Tagesspiegel» hat Kashoggis letzten Beitrag für das amerikanische Blatt auf Deutsch veröffentlicht. Am Freitagabend hat Saudi-Arabien eingestanden, dass der regimekritische Journalist im saudischen Konsulat in Instanbul getötet worden war (persoenlich.com berichtete).

In seiner Kolumne kritisierte Khashoggi die fehlende Freiheit – insbesondere Pressefreiheit – in der arabischen Welt. Im Frühling 2011 sei die arabische Welt voller Hoffnung gewesen. Journalisten, Wissenschaftler und die allgemeine Bevölkerung seien davon ausgegangen, sich von der Herrschaft ihrer Regierungen sowie den Einschränkungen der Informationsfreiheit lösen zu können. Diese Erwartungen seien jedoch schnell enttäuscht worden, schrieb der Kolumnist: «Die Gesellschaften kehrten bald zum alten Status Quo zurück oder sahen sich noch härteren Bedingungen ausgesetzt als zuvor.»

Der «Eiserne Vorhang» im arabischen Raum

Diese Aussage belegte er mit zwei Beispielen: Schriftsteller Saleh al Shehi wurde anfangs Jahr aufgrund einer kritischen Kolumne, die er in der saudischen Presse veröffentlichte, zu einer fünfjährigen Haftstrafe verurteilt. Oder die ägyptische Regierung beschlagnahmte mit «Al Masry al Youm» eine komplette Zeitung. Dabei kritisierte er auch das Verhalten des Westens: «Solche Vorgehensweisen lösen keine Gegenreaktion der internationalen Gemeinschaft mehr aus. Sie werden kurz verurteilt – und dann folgt nichts mehr.»

So hätten Regierungen in der arabischen Welt freie Hand, die Medien immer stärker zum Schweigen zu bringen. Einst hätten Journalisten geglaubt, das Internet werde Informationen von Zensur und Kontrolle befreien. Aber die Regierungen hätten nun das Internet gesperrt. «Die arabische Welt hat ihre eigene Version des Eisernen Vorhangs, der nicht von externen Akteuren verhängt wurde, sondern von Kräften, die im Inneren um die Macht kämpfen», befand Khashoggi.

Der arabischen Welt eine Stimme geben

Seine Zeitung, die «Washington Post», habe viele seiner Artikel auf Arabisch übersetzt und veröffentlicht. «Dafür bin ich dankbar. Araber müssen in ihrer Sprache lesen, damit sie die verschiedenen Aspekte und Schwierigkeiten der amerikanischen und westlichen Demokratie verstehen und diskutieren können», so Khashoggi.

Die arabische Welt brauche eine moderne Version der alten transnationalen Medien, wie es sie im Kalten Krieg gegeben habe, um die Bürger über globale Ereignisse zu informieren. Noch wichtiger sei es aber, arabischen Stimmen eine Plattform zu geben. Er dachte dabei an ein unabhängiges internationales Forum, das die Menschen in der arabischen Welt befähigen würde, sich mit den Problemen ihrer Gesellschaft auseinanderzusetzen. (as)