Ich muss mich an Ihrer Schulter ausweinen. Ich weiss, dass Sie für meinen Kummer ein gewisses Verständnis haben. Denn Sie haben für die Uhrenindustrie mehr getan als jeder andere, Sie haben nie den schnellen Stutz gesucht, sind eigentlich ein bescheidener Mensch geblieben.
Sehen Sie, ich schaue mit einer gewissen Melancholie zu, wie die Welt der Uhrenindustrie, die früher von ländlichen Ateliers und genialen Handwerkstypen geprägt war, sich zu einer Gesellschaft dekadenter Jetsetter wandelt, mit einer Neigung zur Grossmannssucht, die sich in pharaonischen Neubauten und pompösen Festereien ausdrückt. Irgendwie ist das Chichi nicht kompatibel mit dem Spirit der Uhrmacherei. Mein Nachbar im Vallée de Joux trägt immer noch die Uhr, die ihm der Götti zur Konfirmation geschenkt hat. Das Teil hatte damals einen normalen Preis.
Heute produziert die gleiche Firma den gleichen Typ Uhr mit dem praktisch identischen Werk, aber mit einem viel protzigeren Design und verkauft das Stück zum zwanzigfachen Preis. Ist doch gestört, oder? Mich freut's ja auch, dass das Segment Luxusuhr explodiert, dass praktisch jede neue Marke, die den Preis nur genug hoch ansetzt und auf Superdesign macht, sich krumm verdient an den vielen Tausenden neuen Millionären im Sport, im Showbusiness, in Indien, China und Arabien, die einfach ein schickes Stück tragen wollen, das möglichst gross ist, möglichst glänzt und für die Gescheiteren unter ihnen noch einen möglichst traditionsreichen Namen tragen muss. Ich mag's ja allen gönnen. Aber...
Sie haben es kürzlich selbst geschrieben, und ich hab den leisen Unterton der Selbstkritik an der Branche schon herausgehört: So, wie es früher «Go West, my son» hiess, schreiben Sie, so heisse die Devise heute «Go watch, my son». Die Uhr ist zum Eldorado des 21. Jahrhunderts geworden. Mit all den Gefahren des Eldorados, würde ich beifügen... Und: Wenn normale Leute wie ich ins Schaufenster schauen und entdecken, dass eine gute Uhr heute so viel kostet wie ein Mittelklassewagen und eine etwas teurere gut und gerne eine halbe Million, können wir uns des Gefühls nicht erwehren, dass niemand mehr an uns Normalos denkt in den Uhrenfabriken (ausser bei Swatch). Ist das gut?
Okay, ich will die Messe(n) nicht stören. Erfolg soll man loben. Aber wenn ich all die honigsüssen Presse-Supplements zu den Uhrenmessen in Basel und Genf lese, denke ich, ein kleines Fragezeichen zum Hype, der hoffentlich nie eine Blase wird, sollte erlaubt sein, oder?
mit freundlichen Grüssen Peter Rothenbühler