15.06.2012

Erfolgreiche Frauen

Lis Borner

Sie wollte eigentlich gar nie Karriere machen, im Gegenteil: "Karriere" war lange ein Schimpfwort für Lis Borner. Heute ist sie Chefredaktorin von Schweizer Radio DRS und führt 255 Mitarbeitende. Was will die Vollblut-Radiofrau in dieser Position erreichen und warum trägt sie immer Lippenstift? Im achten Teil unserer Serie "Erfolgreiche Frauen" spricht die 52-Jährige über ihre Führungsgrundsätze und die Männer-lastige SRG-Geschäftsleitung. Zum Interview:
Erfolgreiche Frauen: Lis Borner

Frau Borner, was beschäftigt Sie momentan?

Vieles! Mein Spektrum ist breit. Es geht von Geschäftsleitung, Strategie, Finanzen, Organisation über den Relaunch Online bis zu Programmfragen. Auch wenn ich im Tagesgeschäft nur bei den grösseren, heikleren Themen involviert bin, ist mir das Programm, respektive dessen Qualität, sehr wichtig.

Wie sieht Ihre Vision Radio DRS für 2015 aus?

Als Service Public Unternehmen haben wir einen Auftrag zu erfüllen und den nehme ich sehr ernst. Meine Kollegen und ich sind uns bewusst, welche Verantwortung wir haben, gegenüber unseren Hörern und den Bürgern dieses Landes. Meine Vision heisst deshalb: Wir sind die erste Adresse für alle, die schnelle, korrekte News und fundierte Hintergründe, Einordnungen, Analysen wollen. Ich sehe es als unsere zentrale Aufgabe, inmitten der ganzen Info-Flut Orientierung zu geben, das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen, komplexe Themen attraktiv und verständlich zu vermitteln, um so zum demokratischen Dialog in unserer Gesellschaft beitragen zu können. Das gilt für unsere Primetime-Sendungen, die Regionaljournale, für den Info-Kanal DRS 4 News und für Online-News.

Wie und wo holen Sie sich Inspiration?

Aus Analysen und unserem Service-public Auftrag. Ich recherchiere und lese viel, diskutiere mit den unterschiedlichsten Kollegen darüber, wie wir publizistische Standards halten und in die Zukunft übertragen wollen. Ich bewege mich gerne beim Denken, auch im Studio. Die beste "Ideenlieferungssituation" ist ein angeregtes Gespräch mit intelligenten Leuten, die quer denken können und eine ganz andere Perspektive einnehmen als ich selbst.

Wie führen Sie?

Ich dachte schon, dass Sie mich dies fragen werden (lacht)! Zuerst: Ich führe gern, bin gern das Zugpferd an der Spitze eines Teams, das Hochleistungen bringen soll. Und: Eine Führungsperson muss wissen, was sie will. Ich habe klare Vorstellungen über die Stossrichtung. Als Chefredaktorin versuche ich voraus zu denken, um zu definieren, in welche Richtung wir uns entwickeln sollen. Ich bin aber keine direktive Chefin. Ich entscheide nicht im stillen Kämmerlein, sondern diskutiere in der Chefredaktion und den Redaktionsleitungen bevor ich entscheide. Dabei kann ich auch von meiner ursprünglichen Position abweichen, wenn gegenteilige, überzeugende Argumente aufkommen. Ich bin selbstkritisch und stehe zu meinen Fehlern. Bei aller Ernsthaftigkeit versuche ich aber immer, den Humor nicht zu verlieren.

In einem früheren Porträt heisst es über Sie, dass Sie "eine Macherin" sind, "direkt und gradlinig". Das tönt nicht ganz so unautoritär.

Dass ich eine Macherin bin, stimmt schon. Ich bin auch direkt. Doch „direkt sein“ heisst nicht befehlen, sondern die Probleme konkret angehen - sagen, was man denkt, und fragen, was andere denken. Zudem habe ich jetzt eine andere Aufgabe als früher. Als Chefredaktorin ist die Macherin weniger gefragt, da bin ich für grundsätzliche publizistische Fragen zuständig, für Strategie und Finanzen. Machercharakteren braucht es auf anderen Positionen.

Wie haben Sie Führen gelernt?

Durchs Führen selbst. Klar habe ich verschiedene Ausbildungsmodule absolviert und dabei auch nützliche Theorien oder Tools kennen gelernt. Aber die beste Schule war und ist für mich die Praxis, nicht die Uni. Wichtig ist, dass man die Dinge anpackt und jederzeit bereit ist, aus den Erfahrungen und den eigenen Fehlern zu lernen.

Wie sind Sie in Ihre erste Führungsposition gekommen?

Chefin zu werden war ganz und gar nicht mein Ziel. Es war Colette Gradwohl – sie war damals Abteilungsleiterin der Radio Info –, die die Initialzündung dafür gab. Sie holte mich in ihr Büro und sagte: "Ich stelle dir jetzt eine Frage, auf die ich die Antwort erst in drei Wochen nach meinen Ferien will." Die Frage war, ob ich die Leitung der Mittagsredaktion "Rendez-vous" übernehmen möchte. Es war gut, dass ich nicht spontan antworten musste, denn ich hätte "Nein" gesagt. Während ihrer Abwesenheit bin ich in mich gegangen, habe mit Vertrauten geredet und bin zum Schluss gekommen: Ich übernehme die Redaktionsleitung, weil ich eigentlich weiss, wie die Mittagsprimetime von Radio DRS meiner Meinung nach sein müsste. Das war der Anfang, das werde ich nie vergessen. Für mich heisst das: Wenn man Frauen in Führungspositionen will, muss man sie konkret und früh in ihrer Laufbahn angehen, motivieren, ihnen entgegen kommen. Wenn ich am Anfang zum Beispiel nicht hätte Teilzeit-Chefin sein können, hätte ich – als Frau mit Kind - den Job nicht annehmen können.

In der achtköpfigen SRG-Geschäftsleitung sitzen acht Männer, ein einflussreiches Gremium mit 100-Prozent Männeranteil. Was sagen Sie dazu?

Das freut mich nicht.

Warum ist das so?

Die Zusammensetzung der Geschäftsleitung ist ein Abbild der aktuellen Besetzung der Direktorien der einzelnen Unternehmenseinheiten. In diesen Positionen sind halt nur Männer. Und ich selber wüsste momentan auch keine Frau, die hier in Frage käme.

Und Sie selber?

Wenn ich mir anschaue, welches Profil man braucht für den Job von Ruedi Matter, muss ich sagen: Dieses Know-how habe ich nicht, denn zum SRF-Direktorium gehört neben Management und Radio auch Fernseh-Knowhow. Mir gefällt es in meiner jetzigen Position. Ich kann bei der Gestaltung von SRF in der GL entscheidend mitwirken. Ich bin Managerin und gleichzeitig bin ich immer noch nah an konkreten publizistischen Fragestellungen. Als Chefredaktorin bin ich die "Hüterin" der publizistischen Standards und Managerin gleichzeitig. Das gefällt mir sehr.

Sie wollen also nicht Direktorin Schweizer Radio und Fernsehen werden.

Diese Frage stellt sich nicht. Unabhängig davon, ob ich diesen Job wollte oder nicht: Ich könnte ihn gar nicht annehmen, es wäre unmöglich. Denn ich habe einen 14-jährigen Sohn und will keine Wochenend-Mutter sein. Zwar habe ich das Glück, dass mein Mann und ich uns die Betreuung aufteilen, denn ohne diese Arbeitsteilung wäre keiner der bisherigen Führungsjobs überhaupt möglich gewesen. Schon mein jetziger Job ist sehr intensiv. Ich bin sehr leistungsbereit und arbeitete viel. Aber eine Position mit vielen repräsentativen Aufgaben an Abend, am Wochenende oder mehrtägige Abwesenheiten, das ginge nicht.

Wollten Sie immer schon Kinder?

Ich habe mein Leben nie stark im Voraus geplant. Lange war es mein Traum, Afrikakorrespondentin zu werden. Dann hat das Leben eine andere Wendung genommen. Heute bin ich Chefredaktorin und stolze Mutter. Was will frau mehr!

Hat es sich in Ihrer Jugend abgezeichnet, dass Sie Karriere machen werden?

Nein. Das Wort „Karriere“ war lange ein Schimpfwort für mich. Doch es war mir immer schon klar, dass ich etwas erreichen will im Leben und keinen Null-Acht-Fünfzehn-Job, der mich langweilt. Das hat vielleicht auch mit meiner Familie zu tun. Ich war mit zehn Jahren Abstand die Jüngste einer Grossfamilie. Da wurde ich gehätschelt, aber auch ziemlich gefordert. Ich denke, irgendwann musste ich mich entscheiden, wer ich sein wollte. Und was MIR wichtig ist. Was ich tue, tue ich aus innerer Überzeugung – Service public-Journalismus zum Beispiel. Daher kommt meine innere Motivation und Leistungsbereitschaft.

Als Radio-Chefredaktorin sind Sie also in einer Position, in der Sie "etwas machen" können.

Ja. Wir informieren Menschen über Politik, Wirtschaft, Kultur und anderes. Wir ordnen Themen, Meinungen, Aktualitäten ein und tragen zur freien Meinungsbildung bei. Wir wollen beispielsweise Meinungen und Ideen von Wirtschaftsführern und Politikern transparent machen, Worte und Taten miteinander vergleichen. Für eine funktionierende Demokratie braucht es guten Journalismus. Nur schon wegen dieser zentralen Aufgabe lohnt sich mein Engagement.

Sie schminken ihre Lippen immer auffallend stark. Warum tragen Sie immer Lippenstift?

(lacht). Weil es mir gefällt! Ich habe damit vor über 20 Jahren angefangen, irgendwann in den 1980er-Jahren. Damals schminkten sich nur "altmodische Fräuleins". Frauen in meinem Alter und in meinem Umfeld zogen sich eher alternativ an, schminkten sich kaum. Das war nicht mein Ding. Am Anfang gab es da zwar erstaunte Blicke. Aber das war mir und ein paar anderen egal. Ich wollte mir auch damals nicht vorschreiben lassen, wie ich auszusehen oder mich zu verhalten habe. Und weil es mir immer noch gefällt, gehört der Lippenstift jeden Morgen dazu.

Und Ihre auffälligen Schuhe: Machten Sie diese bewusst zu Ihrem Markenzeichen?

Nein. Aber ich liebe schöne Schuhe – und "schön" heisst für mich halt: spitz, farbig, mit Absätzen. Dass meine Schuhe als Markenzeichen betrachtet werden, wurde mir erst durch einen Artikel von Peter Salvisberg bewusst.

Sie arbeiteten nie länger als fünf Jahre in der gleichen Führungsfunktion. Steht ein baldiger Wechsel bevor?

Nein, ich denke nicht daran!

Wo wird man ihren Namen in drei Jahren lesen?

Immer noch bei SRF-Radio, hoffe ich.

Interview: Edith Hollenstein



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