08.08.2012

Erfolgreiche Frauen

Lisa Feldmann

"Annabelle"-Chefredaktorin Lisa Feldmann schüttelt verwundert den Kopf, wenn sich top ausgebildete Frauen ausschliesslich um ihre Kinder kümmern, statt obendrein als Anwältin oder Ökonomin Karriere zu machen. Auch deshalb lanciert sie nun in der Schweiz eine Initiative für eine fixe Frauenquote in Führungspositionen. Mehr zu ihrem Vorhaben im zwölften Teil unserer Serie "Erfolgreiche Frauen":
Erfolgreiche Frauen: Lisa Feldmann

Frau Feldmann, was beschäftigt Sie momentan?

Wir bereiten für den Herbst eine grosse Kampagne zum Thema Frauenquote, resp. durchmischte Führungsquote vor. Das heisst, wir publizieren in verschiedenen Ausgaben Artikel zum Thema Frauenquote in der Schweiz, aber auch international. Und wir wollen mit einer Initiative die Diskussion um Pro und Kontra weiter voran treiben. Unser Traum wäre es, tausend Männer und Frauen zu finden, die für eine gesetzlich geregelte Frauenquote einstehen.

Im aktuellen Heft starten Sie die Kampagne mit einem Essay von Esther Girsberger und einem Interview mit der italienischen Parlamentarierin Alessia Mosca. Zudem wollen bis im Oktober 1‘000 Unterschriften für eine gesetzliche Frauenquote sammeln.

Wir dachten zuerst an eine Petition, wie sie die Annabelle vor einigen Jahren zum Thema Waffenbesitz lanciert hatte. Doch dann kamen wir zum Schluss, dass es eher eine Initiative sein muss. In der Schweiz löst allein der Begriff "Quote" jede Menge Ablehnung aus, ähnlich übrigens wie in den USA. Man verbindet auch dort staatliche Regulierung grundsätzlich mit Einschränkung – wie etwa gerade die Einführung der Gesundheitsreform gezeigt hat. "Da kann doch ernsthaft niemand etwas dagegen haben", denken wir. Doch viele Amerikaner halten das für eine brutale Einmischung in ihre persönliche Freiheit. Deswegen sprechen wir bei der Quote in der Schweiz auch ganz klar von einer temporären Lösung, einer Krücke, die nicht schön ist, aber notwendig. Denn lieber gehen wir auf Krücken, als für immer stehen zu bleiben, oder?

Wie weit sind Sie mit dieser Unterschriftensammlung?

Wir sind schon sehr weit: Knapp 500 Meinungsmacher, Frauen wie Männer, sind angeschrieben. Da sind noch viele Antworten offen, auch haben wir reichlich Absagen kassiert – aber das war zu erwarten: Die Schweizer denken sehr liberal. Sie haben den Wunsch nach unbedingter Selbstbestimmung quasi in ihren Genen! Insofern stellen wir uns auf Gegenwind ein und wissen, dass wir grosses Engagement zeigen müssen. Dazu gehört ein persönlicher Brief, den ich selber und meine Stellvertreterin an Meinungsmacher aus unserem Umfeld schreiben. Wir wollen Uniprofessoren, Geschäftsführer oder Politiker als Pro-Stimmen für unser Quotenanliegen gewinnen, damit sie diese Idee dann wiederum in ihr Umfeld weiter tragen.

Annabelle engagierte sich auch in der Vergangenheit immer wieder politisch. Etwa mit Petitionen bei der "Waffen-ins-Zeughaus"-Diskussion und beim Thema Brustkrebs.

Ja, Annabelle hat sich in ihrer 74-jährigen Geschichte auch immer wieder in die Frauenbewegung eingemischt. Annabelle war, gerade weil sie die Schweizer Frauen-Biographien begleitet, in den entscheidenden Umbruchphasen, vor allem in den 1970er- oder 1980er Jahren, ein wichtiges Sprachrohr und unterstützte jedwede Bestrebungen zur Emanzipation der Frauen.

Wie einflussreich ist Annabelle heute noch?

Wir sind sicher nicht mehr so einflussreich, wie wir das in den 1970er oder 1980er Jahren waren. Damals hat alles, was in der Annabelle stand quasi jede deutschsprachige Schweizer Frau beschäftigt. Heute werden um ein Vielfaches mehr Medien konsumiert und generell hat sich die Bedeutung der Leitmedien verwässert. Insofern habe ich nicht mehr das Gefühl, dass Annabelle wahnsinnig viel Macht hat. Man muss sich uns in der „Arena“ vorstellen, als eine Stimme unter vielen anderen Stimmen.

Heute hat Annabelle vor allem Einfluss im kommerziellen Bereich, sprich darauf, welche Taschen, Kosmetika oder Accessoires Frauen kaufen.

Auch dieser Einfluss ist gesunken. Eine Shop-Besitzerin sagte mir kürzlich, dass sie früher jeweils das Lager vollständig aufgefüllt hatte, wenn sie wusste, dass Annabelle über ihren Shop berichtete. Diese verkaufsfördernde Wirkung haben inzwischen nicht mal mehr viel weiter reichenden Medien. Klar, in gewissen Kreisen hat der Geschmack der Annabelle noch immer einen grossen Einfluss auf das Kaufverhalten. Die Bücher, Mode, Filme oder Ausstellungen, die wir vorstellen, finden gewisse Frauen gut, weil Annabelle sie gut findet.

Teilweise empfehlen Sie sehr teure Produkte: Crèmes für 500 Franken.

Klar, wenn wir sie toll finden! Wir schreiben aber nicht nur über teure Produkte. Doch es ist schon so: Die Annabelle-Leserin ist wohlhabend und gebildet. Sie gibt gerne viel Geld für schöne Dinge aus und hat dennoch ein Gespür für interessante Themen. Klug sein und viel Geld ausgeben, ist für die meisten Schweizerinnen kein Widerspruch, das habe ich schon in meiner Zeit als Redaktorin im Trend-Ressort der Sonntagszeitung gelernt. In Deutschland wird das durchaus anders gesehen, dort bist du entweder sehr smart, dann aber auch kritisch gegenüber allem was den Begriff Luxus verdient. Oder du kaufst dir Designer-Mode oder teure Crèmes, bist dann aber nicht in der Lage einen Text zu lesen, der länger geht als zwei Seiten.

Annabelle fördert das Streben nach Konsum und Besitz bewusst.

Ja klar. Ich habe nichts dagegen. Wir sind ja nicht der Kassensturz.

Als Chefredaktorin der grössten Deutschschweizer Frauenzeitschrift gelten Sie als Radar für relevante gesellschaftliche Themen. Welche Entwicklungen in der Geschlechterfrage nehmen Sie derzeit wahr?

Leider nicht nur gute. Denn bei einem beachtlichen Teil der jungen Frauen ist momentan das Heiraten und Kinder kriegen wieder stark en vogue. Und das zum Preis einer Karriere. Ich bin sicher, dass es gut ausgebildeten, intelligenten Frauen auf Dauer zu Hause langweilig wird, spätestens, wenn die Kinder erwachsen sind. Nur ist es dann oft zu spät, es bleiben nur Hilfs-Jobs, weil der Anschluss verpasst wird. Was dann wiederum nicht befriedigend ist. Es ist schon erstaunlich, wie viele junge Frauen nichts gelernt haben aus den oftmals deprimierenden Biografien ihre Mütter und Grossmütter.

Dass traditionelle Werte bei jungen Frauen ein Revival erleben ist für Sie unverständlich?

Ja, ganz und gar. Für mich sind ja Ehemann und Familie auch wichtige Werte. Doch ich glaube, dass das, was jemand ganz allein und selber erreicht, einen mindestens so hohen Wert, hat. Und immer mehr Männer versuchen doch auch, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, warum nehmen wir uns daran kein Beispiel?

Sie glauben also Frauen nicht, die sagen sie seien glückliche Mütter?

Ich glaube nicht, dass man sich allein als Mutter verwirklichen kann. Denn diese Aufgabe kann doch immer nur einen Teil dessen abdecken, was einen erfüllt. Ansonsten müsste man ja bis man 100 Jahre alt ist, immer weiter Kinder kriegen und aufziehen.

Und wie denken junge Männer?

Erstaunlicherweise haben junge Männer häufig einen anderen Blick auf Frauen an ihrer Seite. Moderne Männer sind gewohnt, dass Frauen Gleiches leisten und gleiche Chancen haben wie sie. Moderne Männer wollen aber auch ihre Kinder aufwachsen sehen.

Sie selber haben keine Kinder.

Nein, leider nicht. Ich konnte keine Kinder bekommen, was ein grosser Kummer ist. Glücklicherweise habe ich zwei Stiefkinder, denn mein Mann hat einen Sohn und eine Tochter aus seiner früheren Ehe.

Sie sind mit dem bekannten Journalisten Christian Kämmerling verheiratet.

Ja, wir sind seit bald 23 Jahren zusammen -ganz schön lang. Vielleicht, weil wir sind uns in vielen Dingen sehr ähnlich sind. Das hat bisher sehr gut funktioniert.

Wie sind Sie aufgewachsen?

Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem nicht nur mein Bruder und meine Eltern, sondern auch meine Grosseltern und Angestellte am Mittagstisch sassen. Mein Vater führte ein KMU, ein Elektrogrosshandelsgeschäft mit rund 25 Angestellten. Meine Mutter war ebenfalls involviert im Geschäft. Wir Kinder wurden von einem Hausmädchen betreut, während sie arbeitete.

Zeichnete es sich bereits in Ihrer Jugend ab, dass Sie Karriere machen werden?

Nein gar nicht. Ich bin ein typisches 1960er-Jahre-Kind. Damals war klar, dass mein Bruder Karriere machen wird. Er wurde Anwalt. Bei mir fand man, dass ich nach dem Abitur nicht mehr lange weiter studieren sollte. Ich studierte aber dann doch Germanistik und machte parallel eine Ausbildung zur Psychotherapeutin. Weil das Schreiben eigentlich nicht zu meinen hervorragenden Talenten zählt, wäre ich gern an der Universität geblieben, aber damals wurden mehr Stellen gestrichen als geschaffen.

Trotzdem sind Sie nun Chefredaktorin?

Als Leiterin einer Redaktion sind andere Qualitäten gefragt: Man muss Leute fördern, motivieren und zum Schreiben anleiten können. Das interessiert mich sehr.

Wenn Sie in die Zukunft blicken: Was wollen Sie noch tun?

Ich würde gerne noch möglichst lange Chefredaktorin der Annabelle bleiben. Es ist ein grosses Vergnügen bei Tamedia zu arbeiten. Ich kann das Magazin gestalten, kann autonom entscheiden und muss meine Covers niemandem zeigen, nicht einmal dem Verleger. Das ist ein Riesenluxus.

Interview: Edith Hollenstein

Lesen Sie auch die anderen, bereits publizierten Interviews unserer Serie "Erfolgreiche Frauen":

Andrea Hemmi, Leiterin Unternehmenskommunikation SRF; Nicole Althaus, Chefredaktorin von "wir eltern"; Regula Fecker, Partnerin bei der Werbeagentur Rod Kommunikation; Rita Flubacher, Ressortleiterin Wirtschaft beim Tagesanzeiger; Colette Gradwohl, Chefredaktorin beim "Landboten"; Jill Abramson, Chefredaktorin bei der "New York Times"; Nadine Borter, Inhaberin der Werbeagentur Contexta; Lis Borner, Chefredaktorin Schweizer Radio DRS; Karin Müller, Programmleiterin bei Radio 24, Esther Girsberger, Publizistin und Dozentin und Ariane Dayer, Chefredaktorin bei "Le Matin Dimanche".



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