"Man muss mit den Wölfen heulen, auch wenn man sie nicht mag"

- Wie entwickelt sich die Schweizer Medienszene? Wie wirken sich die Rezession und das Kampfgeheul aus dem Hause Tamedia auf die Zeitungslandschaft aus? Ist es mit der beschaulichen Ruhe nun vorbei? "persönlich rot" hat Michael Haller, Medienexperte und Journalistikprofessor an der Universität Leipzig, befragt. Haller kennt die Schweiz bestens; als Spiegel-Korrespondent hat er über die eidgenössischen Belange berichtet -- und sich damit nicht überall beliebt gemacht. "persoenlich.com" bringt einen Ausschnitt aus dem Interview.

Kampfzeiten in der Schweiz. Tamedia will der Pendlerzeitung 20 Minuten den Tarif erklären und mit einem eigenen Gratisblatt den Markt zurückerobern. Macht das aus Ihrer Sicht Sinn?

Ökonomisch gesehen sicher. Man muss mit den Wölfen heulen, auch wenn man sie nicht mag. Wenn man den Anzeigenmarkt dem Konkurrenten 20 Minuten kampflos überliesse, wäre der Schaden unabsehbar. Tamedia praktiziert dasselbe wie DuMont-Schauberg und Springer in Köln: Nachdem der skandinavische Verlag Schibsted eine Gratiszeitung lancierte, brachte man ein eigenes Blatt auf den Markt -- im Wissen, dass es ein sehr verlustreiches Unterfangen sein wird. Doch am Ende wird der unliebsame Konkurrent mangels Erlösen die Segel streichen. Und dann hat man den Heimmarkt wieder für sich.

Aber würde Tamedia nicht besser den Tages-Anzeiger ausbauen, als in eine neue Pendlerzeitung zu investieren?

Das sehe ich nicht als Alternative, sondern als doppelte Strategie. Der Tages-Anzeiger als Zeitung weist derzeit eine Reihe publizistischer Schwächen auf, die zur Abwanderung der Leser führen. Diese stammen noch aus der Ära des Chefredaktors Roger de Weck, als man den Tagi zu einer Zeitung von nationaler Geltung aufbauschen wollte. Zum Beispiel der letzte grosse Relaunch, der den Launen eines Designers entsprach, aber gesicherten Erkenntnissen über Leserwahrnehmung zuwiderläuft. Wenn man zum Massstab nimmt, wie Zeitungsrezeption als Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Wissensprozess abläuft, war dieser Relaunch ein Verstoss gegen viele Regeln eines funktionalen Designs.

Wie schätzen Sie die NZZ ein? Bricht der Dritte Weltkrieg aus, wählt sie -- pointiert gesagt -- als Titel "Das Umschuldungsabkommen in Uruguay".

Ich weiss nicht, ob dieses Klischee noch stimmt. Die NZZ strampelt sich zurzeit ganz schön ab, um ihrer Philosophie treu zu bleiben und gleichwohl eine moderne Zeitung zu sein. Ich denke, es ist richtig, dass sie ihr Profil nicht gleich an der nächsten Strassenecke verkauft, um ein paar neue Abonnenten zu gewinnen. Das wäre ein Pyrrhussieg. Verlöre die NZZ zu viel von ihrem Profil, würde sie langfristig viele ihrer treuen Abonnenten verprellen. Die NZZ setzt publizistisch auf Kontinuität, baut aber ein paar Schwächen ab. Im Raum Zürich war sie früher ideologisch fixiert wie eine Parteizeitung, gemäss dem Motto: "Je lokaler desto freisinniger." Heute verspüre ich eine liberalere Grundhaltung gegenüber anderen Themen und Auffassungen. Und als Qualitätsmerkmal besticht noch immer ihr vorzügliches Korrespondentennetz. Vermutlich muss sie dieses aus ökonomischen Gründen abbauen. Ich hoffe für ihre Reputation, dass sie nicht zu viel abbaut.

Lebt die NZZ nicht grossenteils noch von ihrem Nimbus? Ich kenne viele Leute, die die NZZ zwar abonniert haben, sie aber nicht lesen.

Das könnten wir über jede üppig gemachte Regionalzeitung sagen. Die wird von ihren Lesern selektiv genutzt. Im Unterschied zu den erwähnten Gratiszeitungen. Deren publizistische Leistung entspricht der Fast-food-Mentalität. Und die hat sich mit den flüchtigen Medien Radio und Fernsehen verbreitet. Vielen Leuten fällt es zunehmend schwer, sich auf ein Lektüremedium einzulassen. Vor allem junge Menschen können sich kaum noch eine halbe Stunde unabgelenkt mit einem Stoff beschäftigen. Mit denselben Schwierigkeiten kämpfen auch die Lehrer in den Schulen. Auch dies müssen die Abo-Zeitungen berücksichtigen: Nicht auch noch Fastfood bringen, sondern eine durchdachte, mit Vorder- und Hintergrund spielende Mischung aus kurzem Stoff und längeren Berichten, Reportagen, Analysen und Kommentaren. Dieser Mix steigert die Attraktivität der Abonnementszeitung.

Die Weltwoche ist vom Segment her eher rechts positioniert. Ist das ein neues Spektrum, das bis jetzt vernachlässigt wurde?

Denkbar. Seit den Krisenerlebnissen der vergangenen Jahre -- einerseits die moralisch aufgeladene Holocaust-Debatte, andererseits die EU-Integration ringsum -- gibt es in der Schweiz eine politische Trotz- und Rückzugsreaktion. Gegenüber dem Nationalsozialismus war dieses Réduitdenken seinerzeit notwendig und berechtigt. Eine Art Mini-Réduit spürt man hier zu Lande heute noch, es äussert sich in der auf das Schweizerische fixierten, wertkonservativen Haltung breiter Gesellschaftsschichten. Nicht von ungefähr haben Denkweisen wie die von Herrn Blocher entsprechenden Erfolg. Auf diesen Trend setzen die Weltwoche-Macher. Aber man muss dies längerfristig sehen. Ich traue Chefredaktor Roger Köppel in gesellschaftspolitischer Hinsicht nicht über den Weg. Vielleicht jagt er in ein paar Jahren eine andere politische Sau durchs Schweizer Dorf. Jedenfalls ist Köppel für mich kein Gesinnungstäter, er ist ein talentierter Medienmann, der die Nase in den Wind hält. Aber abgesehen von der politischen Linie des Blattes hat Köppel das Problem der Wochenzeitung erkannt. Sie muss -- im Unterschied zu einem Nachrichtenmagazin -- die aktuellen Themen wie ein Monatsheft hochziehen.