"Man will gewisse Fakten unterdrücken"

- Die Mediengewerkschaft comedia fährt schweres Geschütz gegen Ringier auf: Sie wirft "Blick" und "Sonntagsblick" in Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Unternehmenssteuerreform II Zensur und Inserateboykott vor. Pikant: Geäussert wird die Kritik von comedia-Sprecher Beat Jost -- bis vor Kurzem selber noch Journalist des "SonntagsBlick". Im Interview mit "persoenlich.com" sagt Jost, weshalb er die Vorkommnisse im Hause Ringier für alarmierend hält.

Herr Jost, Sie werfen "Blick" und "SonntagsBlick" Zensur vor. Ist das nun die Retourkutsche dafür, dass Sie vergangenes Jahr beim "SonntagsBlick" entlassen wurden?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe nicht den geringsten Anlass dazu. Comedia macht in ihrer Medienmitteilung lediglich relevante Feststellungen über Vorkommnisse bei den beiden Zeitungen. Als Mediengewerkschaft ist es unsere Aufgabe, die Arbeit der Journalisten zu verteidigen. Das haben wir getan, indem wir die Vorgänge publik machten und damit Öffentlichkeit herstellten.

Die comedia ist offensichtlich im Besitz von Insider-Informationen aus dem Medienhaus Ringier. Es liegt nahe, dass diese von Ihnen stammen. Sie kennen die Redaktionen der Boulevardblätter bestens.

Wir stützen uns auf verschiedene Quellen und besitzen verschiedene Informationen darüber, was in den letzen Wochen und Monaten im Vorfeld der Abstimmung zur Unternehmenssteuerreform II vorgefallen ist. Die Quellen sind sehr zuverlässig, ebenso die Informationen.

Was werfen Sie Ringier konkret vor?

Als Erstes kritisieren wir die Nichtveröffentlichung des SGB-Inserats zum Unternehmen "Media Markt". Der Schweizerische Gewerkschaftsbund hat gezeigt, dass unter den Aktionären des Grossunternehmens eben auch Profiteure der Steuerreform sitzen. Dass man dieses Inserat nicht veröffentlicht, ist aus unserer Sicht sehr fragwürdig. Es geht Ringier nicht darum, Personen zu schützen. Ausschlaggebend waren rein politische Gründe. Man will gewisse Fakten unterdrücken und die freie Meinungsäusserung verhindern, die im demokratischen Meinungsbildungsprozess unabdingbar ist.

Ringier sagt, dass Rechtsberater die Publikation des Inserats abgelehnt hätten.

Im fraglichen Inserat kommt vor allem der Industrielle Otto Beisheim vor -- eine sehr reiche und mächtige Person der Zeitgeschichte, die keines besonderen Schutzes bedarf. Zumal ja die Fakten stimmen, was sein Einkommen und seine Steuersituation betrifft. Ringier gewährt Beisheim mit Rücksicht auf sein Inseratevolumen quasi Reichenschutz.

Sie schreiben, dass die Redaktion des "Blick" "Zielscheibe offener Repressionsversuche" mächtiger Steuergeschenk-Befürworter geworden sei. Worum geht's?

Wir wissen, dass Autoimporteur Walter Frey sehr starken Druck auf "Blick" und "SonntagsBlick" ausübt. Dass Frey sehr empfindlich reagiert, wenn es um seine Person und seine Geschäft geht, ist bekannt. Dass er nun aber in Zusammenhang mit der Berichterstattung zur Steuerreform so massiv einfährt, ist nicht haltbar. Frey ist Politiker und wird bald SVP-Vizepräsident -- da muss er sich doch gefallen lassen, dass man seine Person unter die Lupe nimmt.

Gehören solche Druckversuche nicht zum Tagesgeschäft in den Medien?

Druckversuche sind das eine, wie man darauf reagiert das andere. Unakzeptabel ist, wenn -- wie bei "Blick" und "SonntagsBlick" -- der Druck aus den Chefetagen eins zu eins in die Redaktionen weiter gegeben wird.

"Blick" und "SonntagsBlick" ist es doch selbst überlassen, welche Position sie zu einer Abstimmungsvorlage einnehmen.

Es ist die Aufgabe -- und auch das Recht -- der Redaktionen und Journalisten, so über eine Sache zu berichten, wie sie es für richtig finden. Interessant ist aber, dass der "Blick", der in dieser Frage sehr ausgewogen berichtet hat, plötzlich so stark unter Druck gerät. Das darf man nicht stillschweigend hinnehmen.

Konkreter bitte?

Unser Informationsstand ist, dass kürzlich ein Versöhnungsgipfel zwischen Michael Ringier und Walter Frey stattgefunden hat. Als Frey im Zusammenhang mit der Unternehmenssteuerreform kurz darauf im "Blick" als Profiteur kritisiert wurde, gabs heftige Reaktionen in die Redaktion hinein. Zudem soll Walter Frey postwendend mit Inserate-Entzug gedroht haben.

Sie waren selber über Jahre hinweg Redaktor beim "Blick" und "SonntagsBlick". Gab es in ihrer Zeit bei Ringier ähnliche Druckversuche?

Es gab etliche Situationen, in denen Druck ausgeübt wurde. Ich habe davon stets erst nachträglich erfahren. Mit Jürg Lehmann und Werner De Schepper beim "Blick" und mit Christoph Grenacher beim "SonntagsBlick" hatte ich stets Chefredaktoren, die diesen Druck auf sich nahmen und nicht an die Redaktionen weiterreichten. Das war wichtig. Problematisch wird es, wenn die Chefredaktoren sich nicht mehr als Teil der Redaktion, sondern als Teil des Verlages verstehen.

Glauben Sie, dass die heutige Führung der beiden Zeitungen gegenüber solchen Druckversuchen von Seiten der Industrie offener ist als früher?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich gehe davon aus, dass sowohl Marc Walder als auch Bernhard Weissberg Teil ihrer Redaktionen sind. Unser Protest gegen gewisse Praktiken ist somit auch als Unterstützung ihrer journalistischen Arbeit zu verstehen.

(Interview: David Vonplon)

Ringier: Keine Zensur

Das Medienhaus Ringier weist die Vorwürfe der comedia von sich. Sprecher Marco Castellaneta bestätigte auf Anfrage, dass das SGB-Inserat abgelehnt worden sei, wie dies auch die Zeitung "Sonntag" berichtet hatte. Die Anzeigenabteilung des "Blick" lege Inserate mit politischem, möglicherweise persönlichkeitsverletzendem oder anderen Inhalten jeweils der Rechtsabteilung zur Prüfung vor. In diesem Fall habe der Ringier-Rechtsberater von einer Publikation abgeraten, da das Inserat persönlichkeitsverletzend sein könnte.

Dass ein Artikel gekippt worden sei und dass Walter Frey mit einem Inserateboykott gedroht habe, bestätigte Castellaneta dagegen nicht. Der "Blick" berichte seinen publizistischen Grundsätzen entsprechend frei von wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen oder persönlichen Interessenbindungen. Dies zeige auch die Berichterstattung des "Blick" zur Unternehmenssteuerreform II. Dabei seien alle Seiten ausführlich zu Wort gekommen.