"Man wird das Produkt nicht wiedererkennen"

- Am kommenden Montag wird Express, die Pendlerzeitung von Tamedia, erstmals erscheinen. Wie will sich das Produkt von 20 Minuten unterscheiden? Wo wird man mit dem Tagi kooperieren? Und warum mussten Leute entlassen werden? "persoenlich.com" hat mit Chefredaktor Marco Boselli (Bild) gesprochen. Das Interview:

In einer Woche erscheint der Express zum ersten Mal. Sind Sie nervös?

Nein, gar nicht. Zumal der Probelauf am vergangenen Freitag gut funktioniert hat und wir diese Woche nur noch das eine oder andere technische Problem lösen müssen. Seit dieser Nullnummer können wir alle es kaum erwarten, vom Planen wegzukommen und endlich richtig loszulegen.

Was werden Sie besser machen als die Konkurrenz?

Wir haben uns 20 Minuten sehr genau angesehen, denn wir wollen uns abheben können. Dazu gehört unsere Schwerpunktlegung bei den News, wo wir viel Eigenleistung bieten werden: eigene Geschichten verbunden mit einer eigenen Art der Aufbereitung. So gewichten wir den Newsfluss nicht nur durch die Textlänge, sondern zusätzlich durch Update- und Fact-Boxes. Das gleiche gilt für Magazin-Geschichten, die ebenfalls mit schnellen Elementen angereichert werden. Hinzu kommen Zitate und Zahlen des Tages. Differenzieren wollen wir uns aber auch über unser elegantes Layout. Das sind die wesentlichsten Unterscheidungsmerkmale. Bei den "Must-Haves" wie zum Beispiel Wetter oder Ausgehkalender versuchen wir, übersichtlicher oder schöner zu sein; kurz: Wo 20 Minuten einen guten Job macht, wollen wir noch besser sein.

Eigenleistungen sind sehr aufwendig. Ist Ihre Redaktion so viel grösser als die von 20 Minuten?

Wir sind 27 Leute, das entspricht meines Wissens etwa der Grösse von 20 Minuten. Allerdings betreiben wir kein Web-Center, wodurch mehr Ressourcen für das Blatt zur Verfügung stehen. Prinzipiell geht es darum, sich ein neues Denken anzueignen: Ein einzelnes Zitat mag beispielsweise keine ganze Geschichte hergeben, sich aber hervorragend als "Quote of the day" eignen. -- Bei unserem Testlauf am vergangenen Freitag hat das jedenfalls schon ziemlich gut funktioniert.

Der Express soll ein Komplementärprodukt zum Tages-Anzeiger werden. Bestehen crossmediale Projekte?

Der Express soll das Publikum erstens ans Zeitungslesen und zweitens dann an die "fundierteren" Titel aus dem Haus Tamedia heranführen, so dass Neuleser vielleicht einmal auf Tagi, SonntagsZeitung oder Facts umsteigen. Zudem testen wir inhaltliche Kooperationen, beispielsweise indem die Formel-1-Spezialisten von TA und SoZ vor grossen Rennen eine Kolumne im Express verfassen und wir wiederum auf die Berichterstattung dieser Medien verweisen.

Der Zürich Express hat das Image eines Rentnerblatts -- für Werber nicht die bevorzugte Zielgruppe. Wie wollen Sie attraktiver werden?

Der Express wird mit 330'000 Exemplaren eine um rund 130'000 Exemplare höhere Auflage als 20 Minuten haben. Wir gehen davon aus, dass wir dadurch eine massiv höhere Reichweite in allen Segmenten erreichen werden als 20 Minuten -- also auch in den jungen Zielgruppen. Zudem werden Aussehen und Geschichten-Mix des Blattes komplett anders sein als der jetzige Zürich Express – man wird das Produkt nicht wiedererkennen. Dass so eine Neupositionierung nicht einfach ist, wissen wir. Das Feedback, das wir bei den Präsentationen vor Werbern und Kunden erhalten haben, ist aber durchwegs positiv. Skeptiker werden sich bald überzeugen können, unser Markteintritt wird unübersehbar sein.

Seit zwei Wochen läuft eine Testimonialkampagne, am Montag hat eine Serie von Promo-Interviews im Zürich Express begonnen. Wie wird Ihr Markteintritt sonst noch begleitet?

Neben den neuen Zeitungskästen und Kolporteuren wartet am Launch-Tag eine Überraschung . Ich kann nur soviel sagen: Am 24. März wird wirklich niemand übersehen können, dass es eine neue Kompaktzeitung gibt.

Der Belegschaft des "alten" Zürich Express haben Sie "eine Chance für alle" versprochen. Dennoch wurden vier Leute – darunter eine alleinerziehende Mutter und ein langjähriger Tamedia-Mitarbeiter -- entlassen, währenddem Sie neue eingestellt haben. Wozu diese Härte?

Eine Trennung ist für beide Parteien hart, in der heutigen wirtschaftlichen Lage macht man das bestimmt nicht gerne. Andererseits trage ich die Verantwortung dafür, dass ein gutes Produkt entsteht. Bei gewissen Leuten zeichnete es sich ab, dass sie den Anforderungen nicht entsprechen. Allerdings scheinen mit vier Kündigungen bei 17 Mitarbeitern im Rahmen zu liegen und allen wurde fristgerecht gekündigt. Interne Lösungen konnten wir beim herrschenden Personalstopp leider keine bieten.

Wann werden Sie den Break-Even erreichen?

Das müssen sie Tamedia-Chef Martin Kall oder Express-Geschäftsführer Marius Hagger fragen. Zwar war ich zuletzt auf der Business-Seite tätig, jetzt lautet meine Aufgabe aber, ein gutes Produkt zu machen. Das wird uns auch näher zur Gewinnschwelle bringen. Jedenfalls gibt die Tamedia dem Produkt genügend Zeit.

Wie sieht der Zürcher Medienmarkt in fünf Jahren aus?

Bis dahin wird es sicherlich ganz viele Veränderungen gegeben haben. Zum Beispiel wird nur noch eine einzige Pendlerzeitung existieren -- hoffentlich unsere. Eine weitere Hoffnung lautet, dass der Tages-Anzeiger durch den Mut der Tamedia zu einer Kompaktzeitung nicht zu stark gelitten haben wird.

Gewisse Exponenten von 20 Minuten scheinen sich eine Kooperation mit dem Express offenbar vorstellen zu können, bis hin zur Fusion. Wie sehen Sie das?

Ich kann mir nicht vorstellen, wie eine Zusammenarbeit funktionieren würde. Aus Sicht der Tamedia wäre wohl ideal, es bestände nur noch eine Zeitung. Darüber wird zur Zeit aber so wenig nachgedacht, dass das Thema noch an keiner unserer Redaktionssitzungen besprochen worden ist. Wer immer noch an unserem Erscheinen zweifelt, muss nur noch sieben Mal schlafen.