"Markus Gilli hat es immer verstanden, hochkarätige Gäste in die Talks zu holen."

- Nach 20 Jahren beim Schweizer Radio und Fernsehen führt Claudia Bossert nun seit drei Monaten die drei TV-Sender der AZ-Medien. Am Montag kommt es zu einer Première: Das bekannte TeleZüri-Format "Talk Täglich" wird erstmals auch in Bern und auf Tele M1 ausgestrahlt. Mit persoenlich.com spricht die erfahrene Fernseh-Frau über ihre Pläne, die Talk-Schiene der Sender zu harmonisieren, die sinkenden Quoten von TeleZüri und wie man sich gegenüber SRF positioniert. Das Interview:

Claudia Bossert, Sie waren 20 Jahre bei SRF. Was hat Sie dazu bewogen, den langjährigen Arbeitgeber zu verlassen?

20 Jahre sind eine lange Zeit. Irgendwann kommt der Punkt, wo man auch mal noch etwas anderes machen will – obwohl ich ja bei SRF sehr verschiedene Funktionen (Programm,Vermarktung, GL) innehatte. Ich war auch beim Konvergenzprojekt von Beginn weg mit dabei. Ich musste mich entscheiden, ob ich mich nochmals für weitere 3 bis 4 Jahre voll für die Umsetzung der Konvergenz einsetzen oder lieber einen anderen Weg gehen möchte. Ich habe dann bewusst entschieden, eine Aufgabe ausserhalb der Medien anzunehmen.

Was haben Sie dann gemacht?

Ich bin zur OSEC gegangen. Die OSEC betreibt, im Auftrag vom Bund Exportförderung für Schweizer KMU’s im Ausland und setzt sich dafür ein, ausländische Unternehmen in der Schweiz anzusiedeln. Es war ein höchstspannendes Jahr, ich habe viel gelernt, ein ganz neues Netzwerk geknüpft. Dann kam die Anfrage der AZ Medien.

Von SRF zum privaten Fernsehen. Was waren die grössten Umstellungen?

Das Unternehmen und die Sender unterscheiden sich nur schon in der Grösse. Ich muss in anderen Dimensionen denken. Zudem nimmt natürlich der unternehmerische und kommerzielle Aspekt nun einen viel wichtigeren Platz ein. Die Programm-Schwerpunkte sind anders gelegt, aber schlussendlich gibt es auch viele Parallelen: Fernsehen ist Fernsehen.

Nun sind Sie TV-Chefin der Senderfamilie, zu der TeleZüri, TeleBärn und Tele M1 gehören. Was ist genau ihre Funktion?

Als Geschäftsführerin bin ich verantwortlich für sämtliche Bereiche der TV-Familie: Programm, Vermarktung und Technik. Da drei Sender involviert sind, zwei konzessionierte und TeleZüri, bringt dies auch viel Planungs- und Konzeptionsarbeit. Wo gibt es Synergiepotenziale im Programm und in der Technik und wo ist regionale Individualität wichtiger? Wie bearbeiten wir den nationalen und die lokalen Märkte? Mit solchen und weiteren Fragen beschäftige ich mich.

Sie sind nun seit gut drei Monaten im Amt. Was waren Ihre ersten Schritte?

Die hat es eigentlich gar nicht gegeben. Mitte April hat mir Christoph Bauer das Dossier übergeben, ich bin dann mit einem Kofferraum voller Unterlagen nach Hause gefahren und habe mich durchgeackert. Am 1. Mai ging es dann an allen Fronten gleichzeitig los. Ich muss sagen: Ich bin schon froh, dass ich schon etwas von Fernsehen, Vermarktung und Technik verstanden habe (lacht).

Was reizt Sie am Regionalfernsehen?

Es ist eigentlich eine ähnliche Faszination wie bei der OSEC. Mich interessiert die Schweiz: Die Vielfalt der Regionen mit all ihren Facetten. Wir decken mit Zürich, Aarau und Bern eine interessante Achse ab, die unterschiedliche Kulturen beinhaltet. Meine Aufgabe ist es, die einzelnen Sender in ihren Regionen noch fester zu verankern und andererseits eine Senderfamilie zu entwickeln, ein gemeinsames Dach zu schaffen.

Gemeinsame Sendegefässe sind insbesondere ausserhalb der Newsschiene auszumachen.

Genau, nebst "Lifestyle" und "Swissdinner" am Freitag bzw. Samstag, wird ab dem 27. August jeweils Montag bis Mittwoch neu die TeleZüri-Sendung "Talk Täglich" auch in Bern und Aarau ausgestrahlt.

"Sonntalk“ läuft bereits seit Mitte Juli in allen Regionen. Wie kommt die Zürcher Sendung inklusiv dem Zürcher Dialekt ausserhalb von Zürich an?

Es war interessant zu beobachten, wie die Aargauer zu Beginn den "Sonntalk" jeweils noch auf TeleZüri schauten. Nun wechseln immer mehr auf Tele M1. Auch in Bern ist die Sendung gut angelaufen. Bis jetzt deutet nichts darauf hin, dass der Zürcher Dialekt negativ auffällt (lacht).

Sie decken nun mit dem "Sonntalk" eine viel grössere Region ab. Ist es nun einfacher, hochkarätige Gäste für die Sendung zu gewinnen?

Es ist für die Gäste tatsächlich noch attraktiver geworden, da sie sich nun auch ausserhalb ihrer Kernregion gut positionieren können. Die Politiker sind aber schon zuvor gerne im "Sonntalk" zu Gast gewesen, nun gibt es noch einen zusätzlichen Anreiz für sie.

Fürs "Talk Täglich" sind nebst Ausstrahlungen auf allen Sendern auch regionale Sendungen geplant. Für die Aargauer werden diese von Werner de Schepper moderiert. Wie gefällt ihm das Zürcher Format?

Werner de Schepper moderierte auf Tele M1 seit 2008 immer am Dienstag die Sendung "Duell Aktuell". Das war ebenfalls ein Talk-Format, in Form eines "Duells“ zwischen zwei Gästen. Werner de Schepper ist als ehemaliger "Blick"-Chefredaktor ein Vollblutjournalist und prädestiniert dazu, spannenden Interviewpartnern Interessantes zu entlocken. Er gibt "Duell Aktuell" sicher mit einem weinenden Auge auf, freut sich aber auf das bewährte Format "Talk Täglich".

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den drei "Talk Täglich"-Moderatoren Gilli, de Schepper und Matthias Mast (Bern).

Das Grundkonstrukt sieht vor, dass die "nationalen" "Talk Täglich" von Markus Gilli, Hugo Bigi und Oliver Steffen moderiert und von Tele Züri produziert werden. Die Produzenten und Ankers der drei Sender tauschen sich aber auf jeden Fall aus und generieren Gästeideen.

In Aarau steht ein brandneues und geräumiges Fernsehstudio. Hält man trotzdem weiterhin an der teureren Variante mit verschiedenen Studio-Standorten fest?

Wir haben uns in der Konzeptionsphase tatsächlich kurz überlegt, ob es mehr Sinn machen würde, das ganze TV-Business an einen Standort zu verlegen. Wir haben uns bewusst dagegen entschieden. Es ist ein klares Bekenntnis zu den Regionen. Man kann ohne Studio vor Ort kein gutes regionales Fernsehen, insbesondere keine News machen. Wir nehmen diesen Kostenblock bewusst in Kauf.

Der Berner Standort samt Personalbestand wurde im Rahmen der Integration heruntergefahren.

Die Berner produzierten unter anderem auch verschiedene Unterhaltungsformate. Im Vordergrund stehen nun auf allen drei Sendernregionale News, Info und Talks. Der Verzicht auf einzelne Sendungen war natürlich schmerzlich für die Crew in Bern und für sie keine einfache Situation. Es freut mich deshalb umso mehr, dass das Team trotzdem motiviert mitzieht und sehr loyal ist zum neuen Arbeitgeber.

Wie ist die Stimmung in den Teams? Spürt man schon, dass das Ganze zu einer Familie zusammenwächst oder ist jeder Sender mehr oder weniger für sich?

Es beginnt langsam eine übergreifende Zusammenarbeit. Wir hatten eine gemeinsame Programmretraite. Im Tagesgeschäft besprechen die Chefredaktoren und Produzenten, ob es Bilder und O-Töne gibt, die für die anderen Sender ebenfalls nützlich sein könnten. Oder bei einem Unfall im Gubrist wird abgesprochen, ob nun das Aargauer- oder das Zürcher-Team ausrückt. Das Zusammenspiel funktioniert immer besser.

Was unternehmen Sie gegen den Zuschauerrückgang bei TeleZüri?

Ich glaube man muss die Fernsehentwicklung im Gesamten betrachten. Alle etablierten Sender haben in den letzten Jahren zugunsten des sogenannten "Longtail" Zuschauer eingebüsst. Alle diese vielen kleinen Sender haben zusammen inzwischen über 20 Prozent Marktanteil. Ein weiterer Grund für sinkende Quoten sind die Möglichkeiten des zeitverschobenen TV-Konsums. Man kann jedoch die Mediengewohnheiten und auch die technischen Entwicklung nicht aufhalten, man kann ihr möglichst gut gewappnet begegnen.

Beim Kauf von TeleZüri und TeleBärn hat Peter Wanner davon gesprochen, eine Konkurrenz zu den SRG-Sendern aufzubauen. Wie schätzen Sie das Potenzial ein?

Meiner Meinung nach hat jeder seine Rolle: Die SRG deckt das gesamte Spektrum ab – von der Auslandberichterstattung über Gottesdienste, Champions League bis zum Film. Wir haben die Aufgabe, über unsere Regionen zu berichten. Daneben gibt es eine Schnittmenge von Themen, bei denen wir um die gleichen Zuschauer buhlen. Hier können wir teilweise auch gut mit der SRG mithalten, Markus Gilli hat es schon immer verstanden, hochkarätige Gäste zu sich in die Sendung holen.

Wenn Sie noch bei der SRG wären: Würden Sie die neue TV-Familie der AZ Medien fürchten?

Auch als ich noch bei der SRG war, gab es schon eine grosse Offenheit und Achtung gegenüber den Schweizer Privaten. Wir begrüssten schon damals die Konkurrenz aus dem eigenen Land.

Interview: Corinne Bauer.