"Markus Gisler, warum sollte man sich beim Tagi Ihren Abgang wünschen?"

- "Es gärt bei der Aargauer Zeitung", schrieb am Samstag der Tages-Anzeiger und berichtete, das Klima zwischen Verleger Peter Wanner und Co-Chefredaktor Markus Gisler habe sich "beträchtlich abgekühlt". Bereits einen Monat früher hatte die SonntagsZeitung "heftige Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten" vermeldet. Was ist an diesen Meldungen dran?, fragte "persoenlich.com" Markus Gisler (Bild). Und: Enttäuschen ihn die Abbaupläne? Das Interview:

Gemäss SonntagsZeitung und Tages-Anzeiger gibt es Meinungsverschiedenheiten zwischen Ihnen und Verleger Peter Wanner. Wackelt Ihr Stuhl?

Nein, der wackelt nicht -- auch wenn dies möglicherweise einem Wunschdenken beim Tagesanzeiger entspricht. Die Autorin des Tagi-Artikels vom Samstag hat sich eine krasse journalistische Fehlleistung zu Schulde kommen lassen. Zwar hat sie ganz kurz mit mir telefoniert, den angeblichen Zwist hat sie aber mit keinem Wort erwähnt. Zudem war Peter Wanner nicht erreichbar, trotzdem schrieb die Journalistin über den kolportierten Disput. Es ist ungeheuerlich, wenn man über direkt Betroffene schreibt, ohne dass sie zu Wort kommen!

Warum sollte man sich beim Tages-Anzeiger Ihren Abgang wünschen?

Derartige Angriffe sind unüblich, wenn man sich um fairen Journalismus bemüht. Ich weiss nicht, was der Tages-Anzeiger mit solchen Aktionen bezweckt. Immerhin wird der Artikel von der Chefredaktion abgesegnet worden sein.

Was werden Sie unternehmen?

Gegenwärtig diskutieren wir, ob wir eine Richtigstellung verlangen sollen.

Hatten Sie mit der Tamedia Kontakt?

Ich habe mit Tagi-Chefredaktor Peter Hartmeier telefoniert. Auch er zeigte sich schockiert darüber, dass die Verfasserin des Artikels nicht mit uns gesprochen hat.

Zurück zur Einstiegsfrage: Hatten Sie nun Streit mit Peter Wanner oder nicht?

Im Rahmen der Budgetdiskussion habe ich mich gegen einen zu krassen Abbau gewehrt -- das Verteidigen der Zeitung sieht übrigens auch Peter Wanner als Aufgabe eines Chefredaktors. Dass ein starker Einschnitt in die redaktionelle Leistung diskutiert werden muss -- auch kontrovers --, ist nichts als normal. Die AZ hat im laufende Jahr bereits substantiell abgebaut, was dem Tagi ja noch bevorsteht.

Es gibt also keinen Zwist?

Im Gegenteil, Wanner und ich mögen uns sogar sehr gut. Weil wir aber beide sagen, was wir denken, wurde es halt mal heftig. Im Grunde genommen war das eine Bagatelle. Wir haben uns nach dem Vorfall auch gleich wieder gefunden. Und in der Grundauffassung darüber, wie eine Zeitung sein muss, sind wir uns sehr einig.

Statt der geplanten Million muss jetzt gemäss Werbewoche nur eine halbe eingespart werden – Ihr Sieg über den Verleger?

Das kann man so nicht sagen. Das Budget eines Produktes setzt sich aus vielen Teilen zusammen, die in der Budgetierungsphase laufend diskutiert werden. Man beginnt im Sommer mit Zielvorstellung, und kurz vor Jahresende wird die definitive Version vom Verwaltungsrat bewilligt. Dazwischen gibt es zahlreiche Varianten, wie das gegenwärtig beim Tagi der Fall ist. --- Gerade deshalb finde ich die Angriffe des Tages-Anzeigers so mühsam, weil er in einen Prozess einzugreifen versuchte, in dem er doch selber steckt! Wir haben uns sogar gefragt, ob der Artikel nicht eine versteckte Botschaft an Verleger Coninx ist. Denn wenn die schreiben, es gäre bei der AZ, dann gärt es beim Tagi mit Bestimmtheit auch!

Sie jedenfalls haben sich gegenüber Ihrem Verleger durchsetzen können...

Der Budgetprozess ist jetzt abgeschlossen. Wir haben viel mehr gespart als eine halbe Million, die genau Zahl möchte ich aber nicht nennen. Nur so viel: Gegenüber Vorjahr wurde das Redaktionsbudget um zehn Prozent verringert. Erreicht haben wir das durch permanenten Kürzungen seit dem Frühjahr. Globale Ziele – etwa eine halbe Million oder eine ganze – gab es nicht.

Sie hatten den Wunsch und die Vorgabe, die AZ/MZ zu stärken. Nun werden verschiedene Abgänge nicht ersetzt: Ressortleiter Medien Simon Bärtschi, Finanzkolumnist Martin Spieler sowie "Themen"-Redaktor Robert Hansen. Wie verträgt sich das?

Das verträgt sich selbstverständlich nicht sehr gut -- das ist eigentlich das Hauptthema. Doch die wirtschaftliche Realität verlangt, dass wir uns dem Diktat des Marktes unterordnen. Wir haben beispielsweise darüber diskutiert, die Wochenendbeilage ins Blatt zu integrieren, wie das die Berner Zeitung mit dem "Ansager" gemacht hat. Zugunsten der Leser haben wir aber darauf verzichtet. Heute machen wir die Zeitung mit deutlich weniger Personal. Sobald die Konjunktur anzieht, kann man wieder aufstocken.

Sind Sie enttäuscht?

Nicht von den Entscheidungen, die habe ich unterstützt. Als Betriebswirt weiss ich, dass ein Unternehmen Gewinn schreiben muss -- das ist eine conditio sine qua non. Enttäuscht bin ich höchstens vom Markt.

Die Werbewoche berichtet, der Kultur- und Sportteil der AZ sollen reduziert werden. Und die angekündigte Umstellung des Regionalteils auf Tabloid bezeichnet sie als "Abspecken". Wie sehen Sie das?

Beim Sport leisten wir, verglichen mit anderen Titeln, ausserordentlich viel. Hier reduzieren wir nun um drei oder vier Seiten pro Woche. Man muss den Textumfang dem Inserateaufkommen anpassen, das machen alle Zeitungen so: Bei der BZ hat es manchmal nur noch anderthalb Seiten Sport, und der Tages-Anzeiger integriert seinen sechsten Bund schon seit längerem in die anderen Bünde -- dadurch kann man kräftig sparen.

Die Umstellung aufs Tabloid-Format wiederum ist ein strategischer Entscheid, der uns nur marginale Einsparungen bringt. Unsere Meinung nach ist der Regionalteil ein Key Asset einer Zeitung -- das hat der Tagi jahrelang vernachlässigt, und jetzt muss er dafür bitter büssen. Die AZ ist hier extrem stark, verfügen wir doch im Lokalen mit 45 Journalisten über gleich viel Manpower wie im Mantelteil. Dadurch, dass sich der Regionalteil künftig noch stärker vom restlichen Produkt abhebt, können wir unsere Stärke noch mehr betonen. Das ist der Hauptgrund für die Formatsänderung.

Mit ihrer doppelten Führung verfügt die Aargauer Zeitung über eine ungewöhnliche Struktur. Dabei werden Sie in der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen als Ihre Kollege Peter Buri. Wie bewährt sich das Modell?

Wenn Peter Buri weniger wahrgenommen wird, so ist das höchstens in Zürich und in der Medienszene der Fall, wo ich bekannter bin. Im Aargau hingegen ist das gar nicht so, hier ist Buri sehr bekannt und bestens vernetzt; alle Politiker kennen ihn. Für die AZ ist das Co-Modell eine sehr gute Lösung, erlaubt es doch jedem von uns, sich seinen Aufgaben voll und ganz zu widmen. Dadurch können wir den differenziertesten Lokalteil der Schweiz machen. Damit entspricht die Führungsstruktur der zu Grunde liegenden publizistischen Strategie. Buri und ich verstehen uns übrigens ausserordentlich gut, und ich würde keine andere Struktur wollen.