"Matthias Hüppi muss etwas sagen, ich darf"

- Am Samstag hat das Schweizer Fernsehen zum 50. Mal live die Lauberhorn-Abfahrt in Wengen übertragen. Mit 110 Leuten und 22 Kameras im Einsatz ist der Anlass die grösste Sport-Eigenproduktion des Senders, der jedes Jahr für Rekord-Einschaltquoten sorgt. Mitten im Geschehen ist immer auch SF-Kommentator und Ex-Ski-Rennfahrer Bernhard Russi. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt Russi, weshalb die Zeitmessung nicht an den schnellsten Stellen vorgenommen wird, seine Rolle neben Moderator Hüppi und warum er seit Jahren für Subaru als Botschafter auftritt. Das Interview:

Das Lauberhornrennen wird dieses Jahr 80. Zudem berichtet das Schweizer Fernsehen seit genau 50 Jahren live aus Wengen. Ist die Stimmung vor Ort dieses Jahr besonders speziell?

Die Berge sehen immer gleich aus. Auch die Piste ist wegen dem Jubiläum nicht anders. Wir hatten jedoch soeben eine kleine Feier aufgrund des 50-Jahr-Jubiläums der Live-Übertragung. Beim Zurückblättern in den Geschichtsbüchern entstehen dann schon spezielle Emotionen.

Sie sind seit gut 30 Jahren als Ski-Kommentator für SF im Einsatz. Sind Sie heute noch nervös vor Übertragungen?

Ich bin diesbezüglich ein richtiger Esel, denn auch nach so vielen Jahren kann ich die Nervosität nicht ablegen. Ich dachte immer, dass sich dies irgendwann einpendeln würde und ich dann cooler sein und mich auf gewisse Dinge besser konzentrieren könnte, doch nichts dergleichen ist passiert.

Spüren Sie vor dem Lauberhornrennen eine besondere Nervosität?

Ja. Die Nervosität ist zwar immer sehr gross, doch beim Lauberhornrennen noch um einiges grösser. Das ist wie ein Virus. Die ganze Kulisse, die Stimmung, die Fahrer.

Wie entstehen jeweils die spontanen Analysen?

In erster Linie steckt eine grosse Portion Erfahrung dahinter. Auf der anderen Seite basiert auch viel auf Intuition: Wenn ein Fahrer die ersten beiden Schwünge macht, spüre ich manchmal, was im Fahrer vorgeht und ob es ihm gut läuft. In solchen Situationen traue ich mich dann auch eher etwas zu sagen.

Neben Matthias Hüppi übernehmen Sie die Rolle des Experten. Müssen Sie dafür manchmal ihre Emotionen unterdrücken?

Es ist klar, dass wir beide unseren Raum und unsere Aufgaben haben. Matthias Hüppi nimmt dabei sicher die heiklere und emotionalere Rolle des Unterhalters ein. Er muss etwas sagen, ich darf. Deswegen unterdrücke ich jedoch meine Emotionen nicht.

Wie wichtig sind Schweizer Erfolge für Ihre Arbeit?

Extrem wichtig. Das geht jedoch nicht nur mir so. Wenn am Lauberhorn ein Schweizer gewinnt, ist es am Schluss mit Garantie eine gute Sendung. Wenn jedoch der beste Schweizer 17. wird, können die Bilder, die Übertragung und der Kommentar noch so gut sein, es fehlt einfach etwas. Es fällt mir persönlich auch leichter, zu erklären, weshalb ein Schweizer so schnell unterwegs war, als warum er eine enttäuschende Fahrt hingelegt hat. Ich weiss natürlich auch, was unsere Jungs können und setzte deshalb den Massstab höher an als bei anderen. Wenn ich zum Beispiel genau weiss, dass einer die Qualitäten zum Sieg gehabt hätte und der wird dann nur siebter, dann lass ich meiner Enttäuschung freien Lauf.

Wie muss man sich die Beziehung zwischen Ihnen und den Schweizer Rennfahrern vorstellen?

Das ist ganz unterschiedlich. Ich versuche eine gewisse Distanz zu wahren, doch bin ich natürlich jederzeit da, wenn ein Fahrer einen Ratschlag möchte oder beispielsweise einen meiner Kommentare diskutieren will. Ich versuche jedoch, mich etwas zurück zu halten; insbesondere vor den Rennen, wenn ich merke, dass die Fahrer hoch konzentriert sind.

Vor rund 40 Jahren haben Sie die Lauberhornabfahrt einige Male selbst in Angriff genommen. Was ist Ihnen vor Ihrem ersten Lauberhorn-Start durch den Kopf gegangen?

Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich Todesangst hatte. Im Starthäuschen wurde mir bewusst, dass ich in drei Minuten tot sein könnte.

Und warum nahmen Sie denn dieses Risiko auf sich?

Ich wollte ja Rennfahrer werden. Ich hatte A gesagt, also musste ich auch B sagen. Da musste ich durch.

Muss man als Lauberhorn-Abfahrer also ein bisschen wahnsinnig sein?

Man muss versuchen, einen gewissen Fatalismus an den Tag zu legen. Das muss man auch lernen. Ich will dazu noch sagen, dass an diesem Tag auch sehr schlechte Verhältnisse herrschten. Es gab viele Unfälle, die Piste war schneller als im Training und das Wetter war schlecht.

Wären Sie lieber heute oder damals Skirennfahrer gewesen?

Schwierig zu sagen. Ich fuhr in einer Zeit, in welcher der Rennsport eine unglaubliche Entwicklung erlebte. Das Medium TV war noch neu und die Live-Übertragungen sorgten für einen riesigen Enthusiasmus. Die Begeisterung, die damals herrschte, war unglaublich. Die möchte ich eigentlich nicht missen. Schlussendlich geht es jedoch für alle Rennfahrer um die Gratwanderung herauszufinden, wo die Grenzen liegen. Dabei spielt es keine Rolle, ob man dies vor 50 Jahren, heute oder in 50 Jahren macht.

Auch heute noch ist das Lauberhornrennen für SF eines der grössten TV-Ereignisse des Jahres und lockt Millionen vor den Bildschirm. Warum?

Die lange Tradition spielt sicher nach wie vor eine grosse Rolle. Dazu kommt sicherlich der Nervenkitzel. Man weiss, dass das Lauberhornrennen eine der schwersten Abfahrten ist, die den Athleten alles abverlangt.

Was für Fortschritte hat man bei der TV-Übertragung erzielt?

Die Übertragung wird jedes Jahr noch besser. Heute bleibt fast nichts mehr unentdeckt. Man kann auf jedem Streckenabschnitt alles mitverfolgen.

Wird die Zeitmessung bewusst nicht an denjenigen Stellen angebracht, wo die höchsten Geschwindigkeiten erzielt werden?

Ja, das wird extra so gemacht. Es soll nicht das Ziel sein, dass Höchstgeschwindigkeiten zu Richtungskriterien werden. Das wäre reine Effekthascherei und würde zu einer Rekordjagd ausarten.

Was hat sich in punkto Sponsoring verändert?

Sponsoren gab es schon immer. Was sich verändert hat, ist was die Sponsoren aus ihrem Engagement machen. Insbesondere im Eventbereich wurden enorme Fortschritte gemacht. Natürlich ist auch mehr Geld im Spiel als damals. Ich hatte jedoch schon zu meiner Zeit das Gefühl, dass es um unglaublich viel Geld geht. Ich verdiente mit dem Herunterfahren von einem Berg mehr als mein Vater mit richtiger Arbeit. Ich fand das nie in Ordnung und hatte irgendwie Hemmungen.

Was müssen für Sie für Bedingungen stimmen, dass Sie einen Werbevertrag annehmen?

Es muss eine natürliche Identifikation mit dem Produkt stattfinden. Andernfalls funktioniert es nicht, denn die Glaubwürdigkeit würde vollkommen fehlen. In der Schweiz ist dies noch extremer als in anderen Ländern. Man kann niemandem etwas vorgaukeln, denn am nächsten Tag können einen alle kontrollieren, ob man genau das lebt, was man in der Werbung erzählt.

Dann fahren Sie also auch privat einen Subaru?

Selbstverständlich. Ich kann doch nicht erzählen, dass Subaru gute Autos herstellt und dann privat eine andere Marke fahren.

Abschlussfrage: Wer gewinnt am Samstag das Lauberhornrennen?

Da ich im Tippen meistens falsch liege, darf ich jetzt sicher keinen Schweizer nennen. Ich wähle also einen Österreicher: Michael Walchhofer.

(Interview: Corinne Bauer)