Die Ukraine-Korrespondentin des Westschweizer Radios und Fernsehens RTS, Maurine Mercier, hat den Prix Bayeux des correspondants de guerre in der Kategorie Radio gewonnen. Ausgezeichnet wurde sie für ihre Berichte über Massaker russischer Soldaten in Butscha bei Kiew.
Für eine Schweizer Journalistin handelt es sich um die erste solche Auszeichnung. In ihrer Reportage lässt Mercier eine Frau und ihre 13 Jahre alte Tochter zu Wort kommen, die zwei Wochen lang von russischen Soldaten vergewaltigt wurden. Die Frau habe ihr ins Mikrofon gesagt: «Ich habe nur einmal die Kraft, Zeugnis abzulegen. Sorgen Sie dafür, dass die Welt davon erfährt.»
«Ich verbrachte Tage in Butscha, bis ich ihre Aussage aufnehmen konnte. Mehrere Frauen, die ich vor Ort traf, hatten mir von Vergewaltigungen berichtet, aber nicht den Mut gefunden, darüber zu sprechen», wird Mercier auf der Homepage von RTS (Radio Télévision Suisse) zitiert. Und weiter: «Das Radio hat es mir ermöglicht, langfristig zu arbeiten, jeden Tag nach Butscha zurückzukehren, tagelang. Der Krieg, das sind die Kämpfe, die Bomben, aber es sind auch diese schrecklichen, stillen Gewalttaten, die Frauen und Kinder erleiden. Ich bin dem Bayeux-Preis unendlich dankbar, dass er dieses Leiden ins Licht rückt.»
Der SRG-Generaldirektor Gilles Marchand sagt zu der Auszeichnung von Mercier laut einer Mitteilung: «Diese prestigeträchtige Auszeichnung würdigt zu Recht die bemerkenswerte Arbeit von Maurine Mercier. Sie und viele weitere Kolleginnen und Kollegen tragen mit ihrer oft gefährlichen Arbeit dazu bei, dass der Schweizer Öffentlichkeit die komplexe, emotionale und aufwühlende Realität eines Krieges verständlich gemacht wird. Ich gratuliere Maurine Mercier und danke auch all unseren anderen Kolleginnen und Kollegen der Kriegsberichterstattung für ihre wertvolle Arbeit.»
Gefoltert, zu Tode geknüppelt, vergewaltigt
Als Massaker von Butscha wird eine Reihe von Kriegsverbrechen in der Kleinstadt Butscha, einem Vorort von Kiew, bezeichnet, die nach dem vom russischen Präsidenten Wladimir Putin angeordneten Überfall auf die Ukraine am 24. Februar dieses Jahres während der Schlacht um Kiew durch Angehörige der russischen Streitkräfte an der ukrainischen Zivilbevölkerung begangen wurden.
Nachdem die russischen Streitkräfte Anfang April nach etwas mehr als einem Monat abgezogen waren, wurden nach ukrainischen Angaben bis zur Schlussbilanz im August 458 Leichen gefunden, von denen 419 Anzeichen dafür trugen, dass sie erschossen, gefoltert oder zu Tode geknüppelt worden waren. Fast alle Toten waren Zivilisten. Die russische Regierung bestreitet eine Beteiligung russischer Soldaten an Folterungen und Tötungen.
Prestigeträchtiger Preis für Kriegsberichterstatter
Die Stadt Bayeux, die nach dem Zweiten Weltkrieg erste befreite Stadt Frankreichs, lancierte 1994 im Rahmen des 50. Jahrestages der Landung in der Normandie einen international prestigeträchtigen Preis für Kriegsberichterstatter. Er wird in den Kategorien schriftliche Presse, Radio, Fernsehen und Fotografie vergeben. (sda/pd/mj)