MAZ-Reminiszenzen

- Am letzten Freitag feierte das MAZ - die Schweizer Journalistenschule - das 25-jährige Jubiläum. Tausende junger Journalisten sowie erfahrene Medienprofis und Führungskräfte haben am MAZ an ihrem Handwerk und ihren Medienkompetenzen gefeilt. "persoenlich" hat einige bekannte Absolventinnen und Absolventen nach ihrem prägendsten MAZ-Erlebnis befragt. Herausgekommen ist ein buntes Potpourri von Erinnerungen, das aber keineswegs den Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Die Umfrage:

Nik Niethammer, Chefredaktor "Schweizer Illustrierte"

Dass die Sache aus dem Ruder laufen würde, war so klar wie Klossbrühe. Im November 1986 stand eine Interview-Übung mit Franz Hohler auf dem MAZ-Kursplan. Einer aus unserer Gruppe hatte die pfiffige Idee, man müsste mit dem Kabarettisten mal “ein etwas anderes Interview” führen. Und so kam es. Hohler hatte eben begonnen, lustige Anekdoten aus seinem Bühnenprogramm zu erzählen, als drei von uns mit Eimern auf dem Kopf den Kursraum stürmten. Wir knoteten Hohlers Hände zusammen und banden ihm ein Tuch um die Augen. Wer gedacht hatte, Hohler würde der Aktion eine “lustige” Seite abgewinnen können, sah sich getäuscht: Hohler begann um sich zu schlagen, zu schimpfen und verlangte die sofortige Freilassung. Der Kabarettist hatte offensichtlich keine Lust auf “ein fesselndes Gespräch”. Während wir ihn losbanden, was es mucksmäuschen still im Raum. Ich habe während meiner journalistischen Arbeit selten einen peinlicheren Moment erlebt.

Mark van Huisseling, Gesellschaftsreporter "Weltwoche"

Im Sommer 1990 nahm ich einen Kurs mit Titel “Einführung in den Journalismus” am MAZ. Einer der Dozenten war Emil Mahnig, damals Nachrichtenchef des SonntagsBlick. Er wurde ziemlich kritisiert von den Teilnehmern, das war die Zeit, als der SoBli noch fast politisch unkorrekt war. Bedrängt sagte er, “kommt doch einmal einen Monat auf die Redaktion, dann erlebt ihr, wovon ich spreche”. In der Pause ging ich zu ihm, um mich anzumelden. Ich vermutete, die ganze Klasse würde dasselbe tun – ich war aber der Einzige. Zwei Wochen oder so später war mein erster Tag auf der Redaktion. Weitere zwei Wochen später durfte ich die erste Titelgeschichte schreiben. Aus dem Monat wurden vier Jahre. Ich habe nie zurückgeschaut.

Oliver Prange, Journalist und Verleger von “persönlich” und "Du"

Das MAZ hat mich auf den Weg gebracht, obwohl: Abgeschlossen habe ich nicht, und rauswerfen wollte man mich auch. Es war im Jahr 1987, als ich von einer Filmschule in Kalifornien zurückkam und die damalige Sekretärin überreden konnte, meine Bewerbung zur Aufnahmeprüfung einfach unter die Anmeldungen zu mischeln, obwohl der Termin dazu längst abgelaufen war. Ich bestand, weil die Arbeiten vielleicht etwas ungewohnt waren; man dachte, es sei Fantasie, aber es war Notwehr. In einer der ersten Lektionen interviewte mich der Banknachbar und gab vor der Klasse von sich, dass ich eigentlich lieber Werbefilme machen würde. Tags darauf rief mich der Schuldirektor mitten im Unterricht zu sich ins Büro, hielt einen langen Vortrag – er war früher Pfarrer –, um mir mitzuteilen, ich sei draussen. Mit Ach und Krach blieb ich drinnen mit dem Argument, ich wollte Werbefilme machen lernen, nur um zum Schweizer Fernsehen zu kommen, das mich aber abgelehnt hätte. Damals gab es keine Alternative, noch kein Privatfernsehen. Natürlich war das erfunden, ich hatte mich nie beworben. Eine Woche später rief mich der Schuldirektor wieder mitten im Unterricht ins Büro, hielt einen langen Vortrag – er war früher Pfarrer –, um mir mitzuteilen, es starte das erste Privatfernsehen in der Schweiz, der European Business Channel, und er hätte mich empfohlen. So erlebte oder vielmehr durchlitt ich die beiden Jahre bei EBC, in denen der Kanal existierte, mit gestandenen Journalisten, die von der BBC kamen. Das MAZ konnte ich deshalb nicht abschliessen, auf die Bahn gebracht hat es mich trotzdem.

Liz Horowitz, Redaktorin “Kassensturz”, Schweizer Fernsehen

Die MAZ-Kurse, die ich berufsbegleitend besuchte, habe ich als Abwechslung vom Alltag bei einer Lokalzeitung in Erinnerung: Ich setzte mich mit journalistischen Formen auseinander, konnte ausprobieren, mich mit anderen Studenten austauschen und zurücklehnen, wenn Dozenten aus dem Nähkästchen plauderten. Als etwa Urs Paul Engeler von der Enttarnung des Chefs der Geheimarmee P26 erzählte, war das spannend wie ein Krimi.

Daniel Dunkel, Chefredaktor "Schweizer Familie"

Zu meiner Zeit absolvierten wir das Kursprogramm im Klassenverband. Wir waren wochenlang zusammen, wohnten im gleichen Hotel und trafen uns abends in den Kneipen an der Reuss. Die nächtelangen Diskussionen über Journalismus waren manchmal prägender als die verkaterten Kurse am nächsten Morgen in der Villa Krämerstein. Mein besonderer Dank geht an Beat Glogger, Peter Minder und Nik Niethammer. Sie lehrten mich beim Joggen, dass die Lunge nicht nur zum Rauchen gut ist.

Martin Spieler, Chefredaktor "Handelszeitung"

Meine Ausbildung am MAZ hat über das rein handwerkliche Rüstzeug hinaus meine Sensibilität für Qualitätsjournalismus und für ethische Fragen rund um die Medien verstärkt. Einen wichtigen Beitrag dazu geleistet hat der erste MAZ-Direktor Peter Schulz. Sein Engagement für mehr Fairness und Seriosität im Journalismus hat bei mir als jungem Berufseinsteiger in einem der ersten Grundkurse, die am MAZ durchgeführt wurden, einen prägenden Eindruck hinterlassen. Dies bestärkt mich in der Überzeugung, dass das MAZ auch im gegenwärtigen Strukturwandel des Mediensektors eine wichtige Bedeutung für die Ausbildung unserer künftigen Talente hat. Ins Kapitel Nostalgie gehört hingegen eine andere Erinnerung ans MAZ: Wer wie wir damals noch in der alten Villa Krämerstein auf einer der eleganten Terrassen mit traumhaftem Blick auf den Vierwaldstättersee den Espresso geniessen und dabei über die Zukunft der Medien philosophieren durfte, weiss, dass es ein Privileg ist, im Journalismus zu arbeiten. Diese Erkenntnis sollten wir bei unserer täglichen Arbeit nie vergessen.

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