Wie "spiegel.de" am Dienstag berichtete, hat der Intendant des MDR, Udo Reiter, am Montagabend folgende Zukunftprognose via Twitter abgesetzt: "Einheitstag 2030: Bundespräsident Mohammed Mustafa ruft die Muslime auf, die Rechte der Deutschen Minderheit zu wahren." Der Bezug zur Rede von Bundespräsident Christian Wulff und dessen Aussage, der Islam gehöre zu Deutschland, war nicht zu übersehen.
Binnen weniger Minuten rauschte eine Welle der Empörung über die sarrazineske Bemerkung durch das Weitererzähl-Netz, Reiter wurde der Rücktritt nahegelegt. Ein Twitterer merkte an, Menschen mit solchen Einstellungen seien ein größeres Problem als die NPD, der Journalist Mario Sixtus fragte über Twitter, ob Reiter der Meinung sei, ein Mohammed Mustafa könne niemals Deutscher sein. Reiter selbst schob später nach, das Ganze sei ein Scherz gewesen: "Der Tweet war vor einiger Zeit ein gezeichneter Witz in einer deutschen Zeitung. War natürlich als Joke gemeint. Sorry."
Reiter scheint Twitter laut "spiegel.de" immer noch für ein wenigstens halbprivates Medium zu halten. Das ist es aber nicht. Wer dort ein paar Hundert oder, wie Reiter, ein paar Tausend Follower hat, der publiziert. Am Dienstag sprach Reiter über Twitter "allen Beteiligten, vor allem @sixtus" seinen "herzlichen Dank" aus. Er habe nun seinen ersten "Shitstorm" erlebt. So nennt man es heute, wenn jemand in der Netzöffentlichkeit plötzlich und heftig mit Dreck beworfen wird, ob berechtigt oder unberechtigt.
Twitter ist deswegen das perfekte Shitstorm-Medium, weil es durch seine kaskadische Form der Informationsverbreitung Nachrichten innerhalb kürzester Zeit einer grossen Gruppe von Menschen zugänglich machen kann und ihnen gleichzeitig eine Reaktionsmöglichkeit eröffnet. Je grösser das Erregungspotential einer Äusserung oder Information, desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch zahlreiche "Retweets" an immer weitere Netzwerke weitergereicht wird.
Der Dienst macht die Grenzen zwischen öffentlich und privat so durchlässig wie kein anderer. Und stellt so manchen seiner zwar begeisterten, aber dann offenbar doch etwas unbeholfenen Nutzer immer wieder vor Probleme. Zuletzt wurde das bei der Wahl des neuen Bundespräsidenten deutlich: Da hatte vermeintlich die Schauspielerin Martina Gedeck, Mitglied der Bundesversammlung, vorzeitig verraten, dass man schon im ersten Wahlgang zu einem definitiven Ergebnis gekommen sei. Das erwies sich als falsch, ebenso wie der angebliche Twitteraccount von Martina Gedeck, der in Wirklichkeit von Redakteuren des Satiremagazins "Titanic" bestückt worden war. Mit etwas Recherche wäre das sicher herauszubekommen gewesen.
Aber es wurde eben nicht recherchiert: Prompt vermeldeten diverse Medien, über Twitter seien bereits Wahlergebnisse durchgesickert. Darunter auch die ARD. (Quelle: spiegel.de)