Die Berner Zeitung sei der konsequenteste Umsetzer eines aktuellen Medientrends. Um den wachsenden Vertrauensverlust abzudämpfen, sei es chic geworden, eigene Fehler einzugestehen. "Mediale mea culpa", nennt Kurt W. Zimmermann das in der Weltwoche, so was mache menschlich, gebe wieder Vertrauen. Die Medien seien so offen wie nie, sich schuldbewusst an die eigene Brust zu klopfen, so "Zimmi". Nur: Es gebe ihnen kaum noch jemand eine Chance dazu.
Seit Swiss-Kommunikationschef Peter Marthaler am 7. August 2004 im Tages-Anzeiger eine Gegendarstellung erwirkt hat, sei in der Schweizer Presse bsi zum heutigen Stand keine solche mehr aufgetaucht. In den letzten zehn Wochen sei also in Zeitung, Radio und Fernsehen ausschliesslich die Wahrheit verkündet worden. Zu diesem Schluss kommt zumindest Zimmermann und findet, dass man diesen "Rekord der neueren Schweizer Presse feiern und den Journalisten aufrichtig gratulieren müsse".
Natürlich sei auch in den letzen zehn Wochen die normale Menge an Falschmeldungen und Unwahrheiten verbreitet worden. Interessant sei aber, dass diese übliche Fehlerquote immer weniger Reaktionen auslöse. Das Parlament habe in den achtziger Jahren mit dem Gegendarstellungsrecht "Waffengleichheit" schaffen wollen, das Medienopfer bekam ein gesetzlich abgesichertes Recht auf Replik.
Dahinter habe die Vorstellung gestanden, dass Dinge, die in den Medien verbreitet werden, wichtig und bedeutungsvoll sind und folgerichtig eines Korrektivs bedurften. Gesetzgeber wie Publikum hätten damals die Medien sehr ernst genommen. Gemäss Zimmermann nehme aber heute kaum mehr jemand die Medien noch ernst, wie Umfragen übereinstimmend zeigen würden. Sie würden stattdessen als wenig vertrauenswürdig, als verantwortungslos und verlogen gelten.
Das Fazit von Zimmermann: Was man nicht ernst nimmt, korrigiert man selbst bei Fehlern nicht. Der Drang zur Korrektur sei schwächer geworden. Als Indiz dafür listet Zimmermann die Gegendarstellungen und Richtigstellungen der führenden Schweizer Zeitungen auf, die in den letzten zwei Jahren abgedruckt werden mussten. Bei der Berner Zeitung waren es 16, beim Tages-Anzeiger 9, beim St. Galler Tagblatt 8, bei Sonntags- und Mittelland-Zeitung je 7, bei Blick und SonntagsBlick je 6, bei der Weltwoche und Bilanz je 5.