Nach dem Wahnsinn der zu vielen Wochenzeitungen, die bei uns im Umlauf sind, setzt nun der noch grössere Wahnsinn mit noch mehr Sonntagszeitungen ein. Gekrönt wird diese Entwicklung durch den Boom am Gratiszeitungen, von denen gerade die neuen kaum mehr rentabel sein können. Deshalb warten unsere grossen Verleger auf den nächsten Niedergang der Schweizer Binnenkonjunktur: Wer dann ausscheiden muss, ist eine leichtere Beute für die "big boys with deep pockets".
Tamedia scheint in einer guten Verfassung zu sein, hat aber zu wenig Kraft, sein Fernsehen und die elektronischen Medien zu entwickeln. Die neu erworbene Berner Zeitung verdient Geld in den Berner Dörfern und Kleinstädten, der Bund wirkt wieder frischer als vor einem Jahr. Der NZZ-Verlag ist allen ein Rätsel, zumal die Regionalverlage der FPH zwischen St. Gallen und Luzern ein ungebundenes Leben führen, das wirtschaftlichen Regeln widerspricht. Das Stammblatt hat seinen content in den letzten Monaten deutlich verbessert; so waren dort die Kommentare über die jüngste Blocher-Rorschacher-Holenwegerkrise pointierter als beim benachbarten "Tagi", der seine junge Freundschaft zum SVP-Bundesrat nicht auf Spiel setzen will.
Ob Peter Wanner seine neue Sonntagszeitung auf Dauer durchhalten kann, wird vielerorts bezweifelt. Der ambitionierte Badener Verleger, der bisher mehr geleistet hat, als man ihm zutraute, steht vor seiner schwersten Aufgabe. Von seinen Kollegen aufgegeben ist Michael Ringier, der nie für voll genommen werden wird, wenn er den Blick nicht auf Vordermann bringt. Da ihm dies aber seit Peter Übersax nicht möglich war, ist das Thema versenkt. Warten wir es ab. Gleiches gilt für den Generaldirektor der SRG, Armin Walpen, von dem angenommen wird, er sitze seine Amtszeit -- noch ca. zwei Jahre -- ab; ihm ist Ingrid Deltenre zum Mühlstein am Hals geworden. Da er aber einen kräftigen Hals auf einer kräftigen Statur hat, trägt er diese Laste mit schmerzlicher Würde.
In der Westschweiz spitzt sich der Kampf zwischen dem Matin Bleu und 20 Minuten dramatisch zu. Der Matin Bleu mit Peter Rothenbühler am Steuerknüppel liegt weit in der Spitzenposition. Die leichten Verluste beim Matin orange sind tragbar.
Schmerzlich für alle Verleger und Chefredaktoren ist die journalistische Personalsituation. Ohne begabte Schreiber bleiben die Objekte seelenlose Marketingprodukte, denen niemand Inhalt zu geben vermag. Deshalb werden diese finanziell angetriebenen Medienzombies dann absterben, wenn die Binnenkonjunktur tatsächlich rückläufig ist. Ab Ende 2008 wird es wirklich spannend. Die Aufstellung für den Zwischenspurt wird derzeit geübt.