Herr Pinto, Ihr Vorgänger Kurt Marti wurde kürzlich mit dem Prix Courage ausgezeichnet. Sehen wir Sie in ein paar Jahren auch mit diesem Preis in der Hand?
Ich denke nicht – der Preis war eine einmalige Sache. Und er steht stellvertretend auch für die Arbeit der "Roten Anneliese". In meinen Augen war der Prix-Courage-Publikumspreis der Lohn für Kurt Martis engagierten, kritischen Journalismus. Und ganz allgemein ein gutes Zeichen für den Journalismus.
Sie sind seit 2011 für die RA verantwortlich. Wie hat sich die Zeitung in den drei Jahren unter Ihrer Leitung entwickelt?
Mein Ziel war es, die RA ins digitale Zeitalter zu führen. Seit Kurzem sind wir auch auf Facebook aktiv. Zudem startete ich mit einem "magazinigeren" Titelblatt, auf welchem wir uns auf eine Hauptgeschichte mit grossem Titelbild konzentrieren und mit kurzen Teasern auf ausgewählte Artikel verweisen.
Erinnern Sie sich an prägende Momente, in denen die RA in der Öffentlichkeit etwas bewirken konnte?
Die RA wurde mit Geschichten gross, die zuvor als Tabu-Themen galten. In den 70er- und 80er-Jahren waren zum Beispiel Spitzenlöhne ein grosses Thema. Die Leser waren erstaunt, dass gewisse Grossverdiener im Kanton horrende Löhne bezogen. Die damalige Redaktion recherchierte in investigativer Kleinarbeit diese zwei Zahlen: Einkommen und Vermögen. Man kann sagen, dass die Diskussion um Top-Saläre, wie sie jetzt im Rahmen der 1:12-Initiative auf nationaler Ebene geführt wird, im Oberwallis schon damals in einem kleineren Rahmen geführt wurde. Während meiner Zeit machte die RA vorwiegend anwaltschaftlichen Journalismus. Die RA ist zur Interventions-Instanz gegenüber Ämtern oder der Justiz geworden – meist dann, wenn es um Themen aus dem Umwelt- und dem arbeitsrechtlichen Bereich geht. Ich kann Ihnen ein aktuelles Beispiel nennen: In einer Oberwalliser Gemeinde wird derzeit ohne Bewilligung etwas gebaut. Hier geben wir den Kontroll-Behörden einen Tipp – am Ende entsteht für uns dabei eine Story.
Welches sind die Schwierigkeiten der Recherche-Arbeit im Wallis?
Die geografische Erreichbarkeit ist ein Problem. Deshalb ist es wichtig, gute Kontakte zu Informanten zu pflegen. Ich kann auf diese zurückgreifen, ohne jedes Mal zum Beispiel ins Binntal fahren zu müssen. Durch die Informanten bin ich auch nach Veröffentlichung der Geschichte immer auf dem Laufenden.
Gab es schon brenzlige Situationen, beispielsweise Drohungen von politischen Gegnern?
Brenzlige Situationen habe ich in meiner Zeit eigentlich nicht erlebt. Lediglich einmal ist etwas passiert: Wir haben 2012 über eine neue CD einer rechtsextremen Band aus dem Oberwallis berichtet, die mit der Schweizer Neonazi-Szene vernetzt ist. Am Wochenende nach Erscheinen der RA wurden bei unserer Druckerei in Glis alle Fensterscheiben eingeschlagen. Wir glauben, dass die Täter aus dem Oberwalliser Neonazi-Umfeld kommen.
Gingen Sie den Geschehnissen nicht auf den Grund?
Nein. Die Versicherung der Druckerei hat den Schaden bezahlt – damit war das für uns erledigt. Im Nachhinein denke ich, war das ein Fehler. Medien sollten darüber berichten, wenn Druck auf sie ausgeübt wird.
Apropos Geld: Wie finanziert sich eigentlich die RA?
Wir finanzieren uns ausschliesslich über den Abo- und Kiosk-Verkauf sowie durch Mitgliederbeiträge. Wir haben etwa 1’300 Abonnenten und eine Kioskauflage von durchschnittlich 700 Exemplaren. Inserate-Einnahmen haben wir keine.
Haben sich die Einnahmen vergrössert seit Sie ein Online-Abo anbieten?
Wir haben nur ein paar wenige Online-Abos verkauft. Grundsätzlich kann ich sagen, dass wir uns in den letzten zwei bis drei Jahren gefangen haben. Inzwischen stehen wir wieder ganz gut da, die Zahlen bewegen sich nach oben. Dies hat damit zu tun, dass wir wieder vermehrt Werbung machen können. Andererseits dank einer Leseraktion, bei der man nach dem Abo-Abschluss das Buch "Tal des Schweigens" von Kurt Marti gratis erhielt.
Weshalb und wo konnten Sie keine Werbung mehr schalten?
Die RA durfte in der Oberwalliser Tageszeitung "Walliser Bote" keine Werbung mehr machen. Wir nehmen die Zeitung regelmässig kritisch unter die Lupe. Der Verleger hat deshalb für uns irgendwann ein generelles Werbeverbot erlassen. Inzwischen inserieren wir aber wieder, in diesem Jahr konnten wir bereits zweimal eine neue RA-Ausgabe bewerben. Wie es genau zu diesem Boykott kam, ist im Buch von Kurt Marti nachzulesen.
Sie recherchieren fast alle Geschichten alleine. Wie sieht die redaktionelle Zusammenarbeit mit freien Mitarbeitern aus?
Der Job bei der RA entspricht einer 50-Prozent-Anstellung. Ich bin verantwortlich fürs Administrative und das regelmässige Erscheinen der Zeitung. Mitarbeiter, welche in Frage kommen, werden von mir themenspezifisch angesprochen. So arbeiten wir beispielsweise beim Thema Rechtsextremismus regelmässig mit Hans Stutz zusammen. Es gibt ein paar fixe Gefässe: Laura Kronig schreibt die Kolumne und Hilar Eggel Porträts.
Ein WoZ-Redaktor verdient bei einem 100-Prozent-Pensum 5'000 Franken (persoenlich.com berichtete). Was verdienen Sie?
Wie gesagt, ich bin in einem 50-Prozent-Pensum angestellt. Aber ich verdiene fürstlich im Vergleich zu anderen Journalisten.
Fürstlich?
Für 100 Prozent wären es 7’000 Franken.
Weshalb verlassen Sie die Zeitung, wenn doch der Lohn stimmt?
Ich habe die Zeit bei der RA genutzt, um aufwendigere Geschichten publizieren zu können. Geschichten, für die ich mehr Zeit in Anspruch nehmen konnte, als sonst irgendwo. Zum Beispiel im Rahmen meiner Teilzeit-Arbeit als Dienstchef bei der "Südostschweiz", wo die Arbeit sehr durch das Tagesgeschaft diktiert wurde – jeden Tag eine Zeitung zu machen oder nur fünf Mal im Jahr, ist schon ein grosser Unterschied. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, zu einem nationalen Titel zu wechseln. Auch deshalb, weil ich durch die Doppelbelastung immer zweigeteilt war. Fortan kann ich mich voll und ganz auf eine Sache konzentrieren. Und das werde ich in Zukunft bei der Blick-Gruppe tun.
Wie steht es um die Zukunft der RA? Ist ein Nachfolger in Aussicht?
Im Moment sind wir mit mehreren Personen im Gespräch, welche die Zeitung übernehmen könnten. Wir haben allerdings noch etwas Zeit. Die erste Ausgabe unter der neuen Leitung erscheint im Frühling. Bis Ende Jahr will ich zusammen mit dem Vorstand die Nachfolge regeln, damit diese Person im Januar oder Februar starten kann.
Interview: Marco Lüthi, Bild: zVg.