Mehr als "Added Value"?

SF-Newsportal - Stimmen zum neuen SF-Internet-Auftritt.

Vor gut einem Jahr kündigte SF-Chefredaktor Ueli Haldimann an, das Schweizer Fernsehen wolle das führende Newsportal der Schweiz werden. Unter den rasch einsetzenden, vehementen Protesten der Verleger bemühte sich die SRG-Spitze in den folgenden Wochen und Monaten, Haldimanns Ankündigung zu relativieren. SRG-Präsident Bernard Münch sprach von einer "ungeschickten Aussage", in den Worten von Fernseh-Direktorin Ingrid Deltenre schmolzen die grossen Internet-Pläne zu "natürlichen Ergänzungsleistungen" zusammen. Nach dem Versprechen der SRG, im Internet lediglich eine Added-Value-Strategie zum TV-Programm anzubieten, verebbten die Proteste in der Schweizer Presse schliesslich.

Seit SF DRS am vergangenen Montag sein neues Newsportal aufgeschaltet hat, scheinen sich die Fronten nun wieder zu verhärten. Im Raum steht der Vorwurf, dass das Schweizer Fernsehen mit dem neuen Newsportal die Added-Value-Vorgabe überstrapaziere und weit mehr anbiete, als nur eine Programmvertiefung. Der Verlegerverband Schweizer Presse befürchtet eine Benachteiligung seiner Online-Titel gegenüber dem gebührenfinanzierten Newsangebot von SF. Daniel Kaczynski, Geschäftsführer der Schweizer Presse, kündigte am Montag an, sich massiert gegen die Online-Aktivitäten der SRG zu stellen. Gegenüber "persoenlich.com" forderte Norbert Neininger, VR-Präsident der Schaffhauser Nachrichten und Vorstandsmitglied des Verbandes Schweizer Presse am Dienstag, ein Einschreiten des Gesetzgebers. Dieser müsse nun dafür sorgen, dass die SRG-Titel im Internet mit einem Werbeverbot belegt würden.

Auf Kritik stösst weiter Ueli Haldimanns Ankündigung im "persoenlich.com"-Interview vom Montag, einen Teil der Teletext-Redaktion in die Online-Redaktion einzubinden, um eine 24 Stunden-Präsenz zu erreichen. Für SRG-Kritiker ist dies nur ein weiterer Beleg dafür, wie grosszügig man am Leutschenbach den Begriff "Added-Value" interpretiert, zugleich aber insgeheim die Marktführerschaft anstrebt.

Das Schweizer Fernsehen beharrt auf seinem Standpunkt, im Internet nicht mehr als eine Vertiefung seiner Programme anzubieten: "Unser News-Angebot ist im Rahmen der Added-Value-Strategie. Das bedeutet, dass wir Meldungen, wenn immer möglich mit Filmbeiträgen oder Rohmaterial ergänzen" führt SF-Pressesprecher Urs Durrer gegenüber "persoenlich.com" aus. SF biete dem Publikum zudem vertiefende Programm-Vorschauen an sowie als Video-On-Demand kostenlos eine breite Palette von Sendungen, die bereits über den Bildschirm liefen. Ab 2008 wolle man überdies ein grosses Archiv für die nichtkommerzielle Nutzung dem Publikum öffnen.

Die kommende Einbindung von Teletext-Redaktoren in die Online-Redaktion verteidigt Durrer mit dem Argument, dass durch die Zusammenführung keine neue Kapazitäten entstehen werde. Auch der Teletext müsse schliesslich weiterhin betrieben werden, so Urs Durrer gegenüber "persoenlich.com": "Uns geht es vor allem darum, Synergien zu nutzen." Gerade im Hinblick auf die Kosteneffizienz sei es sinnvoll, dass die Teletext-Redaktion mit der Online-Redaktion zusammengeführt werde. Die SRG hält derweil an ihrer Added-Value-Strategie fest, wie SRG-Sprecher Simon Meyer auf Anfrage von "persoenlich.com" erklärt. Den neuen Online-Auftritt beurteilen mochte Meyer nicht: Die Umsetzung dieser Strategie sei Sache der einzelnen Unternehmenseinheiten.

Einschätzungen zum neuen Newsportal des Schweizer Fernsehens erhielt "persoenlich.com" im Gegenzug von einigen der bestehenden Newsanbieter der Schweiz:

Peter Wälty, stv. Chefredaktor 20 Minuten / Leiter Webcenter:

"Es überrascht kaum, dass sich die von SF DRS verkündete AddedValue-Strategie im Nachhinein als reine Deeskalation entpuppt. SF DRS will unter Zuhilfenahme von Teletext-Personal ein Vollservice-24/7-Newsportal im Internet aufbauen. Soviel verrät uns wenigstens ein erneut sehr offener Chefredaktor Ueli Haldimann. So ein Vorhaben ist in meinen Augen mit dem an die SRG (Abkürzung für Schweizerische Radio- und Fensehgesellschaft) formulierten Auftrag in keiner Weise vereinbar -- ganz egal ob mit oder ohne Werbung."

Wolfgang Frei, Leiter elektronische Medien bei der NZZ

"Ob nun der neue Online-Auftritt noch als 'Added-Value' bezeichnet werden kann, ist sehr schwierig zu sagen. Denn mit seinen Sendungen kann die SRG aus jedem Bereich der klassischen Information schöpfen. Erstaunt bin ich aber, wie stark die SRG die Mittel im Multimedia-Bereich ausschöpft. Problematisch daran ist, dass diese Mittel, die unendlich viel grösser sind als die unseren, durch Konzessionsgelder finanziert werden. Es geht nun darum, Modelle zu diskutieren, die zum Beispiel für die Verlage einen kostenlosen oder günstigen Zugang zu den Bewegtbilder der SRG ermöglichen. Für uns das Wichtigste aber ist, dass auf sf.tv weiterhin keine Werbung stattfindet. Die Sponsor-Banner, von SBB bis Fleurop, sind hier bereits ein Grenzfall."

André Maerz, Leiter E-Content bei Ringier:

"Der neue Web-Auftritt des Schweizer Fernsehens beeindruckt durch seine Vielfalt. Noch stören einige Unsorgfältigkeiten wie grafische Probleme, fehlende Bilder oder ein unmöglicher URL-Salat. Doch das sind wohl nur Kinderkrankheiten, welche noch ausgemerzt werden. Klar wird der Anspruch des Schweizer Fernsehens, seine meist exklusiven Inhalte zu einem kompletten und zu den TV-Sendungen komplementären Vollangebot auszubauen. Unerfreulich aus der Sicht der konkurrierenden Medien- und/oder News-Anbieter in der Schweiz ist, dass der neue Platzhirsch-Anwärter dem Markt zwar keine Werbegelder entzieht, dafür aber mit Konzessionsgeldern gedopt wird."

Bluewin Portal-Leiter Thomas Huwiler:

"Beide Konzerne befinden sich in einer Phase der Veränderung. Es sind aber klare Unterschiede auszumachen: Das Schweizer Fernsehen hat soeben seinen Auftritt umgestaltet und bewegt sich in Richtung Informationslieferant. Bluewin tritt als Servicemarke unter dem Dach von Swisscom Fixnet auf und bewegt sich als Inhalts-Aggregator weiter in Richtung Unterhaltungsbereich, setzt jedoch nach wie vor auf aktuelle Nachrichten und wird auch diesen Bereich weiterhin optimieren. Als Betreiberin des grössten Schweizer Internetportals wissen wir, welcher Aufwand für die Bereitstellung und Bewirtschaftung der Inhalte betrieben werden muss, damit der Benutzer stets auf die Seite zurückkommt. Eine beachtliche Leistung für einen neuen Anbieter in diesem Geschäftsfeld. In diesem Sinne wünschen wir SF viel Erfolg im Online Newsmarkt."