Tristan Miquel, das Presstival findet zum ersten Mal statt. Auf dem Programm stehen 30 Veranstaltungen. War es von Anfang an Ihr Ziel, etwas so Grosses auf die Beine zu stellen?
Nein, überhaupt nicht! (Lacht) Ehrlich gesagt überrascht uns das ein wenig. Der Umfang, den das Festival angenommen hat, erklärt sich durch die Philosophie des Projekts: Wir wollten die Arme weit öffnen für alle Personen und alle Medien, die Lust haben mitzumachen, solange es mit dem Journalismus zu tun hat. Wir wollten, dass es ein Treffpunkt für alle wird, und dank Mundpropaganda haben viele Leute Dinge vorgeschlagen: einen Stand, eine Debatte, eine Fotoausstellung … Viele Journalisten sind Enthusiasten: Sie haben Lust, ihr Know-how zu zeigen und die breite Öffentlichkeit zu treffen.
Wie erklären Sie diese Begeisterung?
Ich denke, dass es innerhalb der Branche ein Bedürfnis gibt, sich zu begegnen. Man kennt die Kollegen in der eigenen Redaktion, aber es gibt wenige Orte, wo man sich mit jenen aus anderen Medien austauschen kann. Es gibt auch wenige Orte, wo man über unsere Praxis diskutieren, das Publikum treffen und den Menschen unsere Arbeit direkt zeigen kann. Ausserdem ist es im Modus «grosser Apéro». Das gefällt auch, denke ich.
War es schwierig, die notwendigen finanziellen Mittel zusammenzubringen? Mit welchen Argumenten konnten Sie die Sponsoren überzeugen?
Da es sich um eine Erstausgabe handelt, mussten wir zeigen, dass das Projekt seriös ist. Aber wir wurden sehr schnell von Journalistenverbänden, Gewerkschaften, Stiftungen, Organisationen und Medien unterstützt, und wir danken ihnen herzlich dafür. Alle sind sich der Krise bewusst, die der Journalismus durchlebt, und der Konsequenzen, die das für unseren sozialen Frieden und unsere Demokratie hat. Ausserdem arbeiten wir alle ehrenamtlich, daher waren die Leute von diesem Engagement berührt und haben nicht gezögert, das Projekt zu unterstützen.
«Neue Formen der Erzählung und Interaktion zu finden, ist eine der grossen Herausforderungen des heutigen Journalismus»
Einige Persönlichkeiten stehen auf dem Programm, wie Comedian Thomas Wiesel, Serge Michel, Gründer von Heidi.news, sowie andere Medienverantwortliche. Wie sind Sie quasi als Festival-Anfänger vorgegangen, um ein solches Programm aufzustellen?
Wie ich sagte, das geschah hauptsächlich durch Mundpropaganda. Beim ersten Treffen waren wir zu viert, und heute sind wir über fünfzig, die ihre Zeit geben. Zum Beispiel habe ich mein Journalismus-Studium mit Isabelle Cornaz von Reporter ohne Grenzen Schweiz gemacht. Also habe ich ihr das Projekt vorgestellt, und sie hat in ihrem Netzwerk von Organisationen darüber gesprochen, was zur Programmgestaltung der Yourte Internationale geführt hat. Das lief in allen Bereichen gleich ab (Podcasts, Ausstellungen, Debatten …) und so haben wir uns mit so vielen Medien und Institutionen wiedergefunden. Natürlich kostet uns das enorm viel Zeit, um die Logistik und die Wünsche aller zu koordinieren, aber es ist wirklich motivierend, so viel Enthusiasmus und Dynamik im Beruf zu sehen.
Die Themen zu begrenzen, war keine Option?
Wie hätten «Stopp» sagen können, aber wir wollten die Vorschläge nicht ablehnen. Sind es zu viele? Vielleicht. Es ist eine erste Ausgabe, also sammeln wir unsere Erfahrungen und am Ende müssen wir Bilanz ziehen. Gleichzeitig, je mehr es gibt, desto mehr Menschen begegnen sich und tauschen sich aus. Wir haben die Ratschläge der Organisatoren des Journalismus-Festivals von Couthures in Frankreich erhalten, das zu einem sehr grossen Event geworden ist. Sie sagten uns: «Zögert nicht, viele Aktivitäten anzubieten!» Wir haben auf sie gehört und werden sehen, was dabei herauskommt.
Unter den Veranstaltungen finden sich auch eher ungewöhnliche Formate für ein journalistisches Treffen. Zum Beispiel der fiktive Prozess gegen einen Journalisten, der der Verleumdung angeklagt wird, oder ein Speeddating. Was ermöglichen diese Formate?
Ja, das ist originell, und das ist genau das, was passiert, wenn man den Leuten Carte Blanche gibt. Es ist grossartig, so viel Kreativität zu sehen. Neue Formen der Erzählung und Interaktion zu finden, ist eine der grossen Herausforderungen des heutigen Journalismus, und wir freuen uns, dass das Presstival ein Ort des Experimentierens sein kann. Der erfundene Prozess wird es einem Journalisten ermöglichen, vom rechtlichen Druck zu erzählen, den er im Rahmen einer realen Situation erlebt hat. Ich denke, das kann der Öffentlichkeit wirklich bewusst machen, was wir manchmal durchleben.
Und das Speeddating?
Es wurde von Journalismus-Studierenden der Uni Neuchâtel vorgeschlagen, also von jungen Berufstätigen am Anfang ihrer Laufbahn. Es ist eine ausgezeichnete Idee, dass sich die Öffentlichkeit unter vier Augen mit Journalisten austauschen kann, denn mehr denn je müssen wir uns begegnen.
«Jenseits der Saane sind die Journalistennetzwerke besser organisiert»
Thematisch ist das Feld sehr breit, von «Wozu dienen Journalisten?» bis «Die Berichterstattung über Gaza». Es gibt auch Ausstellungen und Stände verschiedener Medienorganisationen. Wer ist die Zielgruppe?
Wirklich alle. Wir werden natürlich ernste Themen wie die Situation in Gaza und der Ukraine behandeln, mit Journalisten im Exil, aber auch zum Beispiel über die Rolle der künstlichen Intelligenz in den Redaktionen sprechen. Wir werden Podcasts zusammen mit jenen präsentieren, die sie gemacht haben, es wird Pressezeichnungen und Fotografie geben. Kurz gesagt, es gibt sicher ein Thema, das alle interessiert. Und all das findet im sehr geselligen Rahmen des ehemaligen Gurzelen-Fussballstadions statt, mit Getränkeständen und, so hoffen wir, Sonnenschein.
Welche Reaktionen gab es bisher von der Öffentlichkeit ausserhalb der Medienbranche? Stellen Sie Interesse fest?
In der Branche ist der Event gut angekommen und viele Medien haben darüber berichtet. Was die breite Öffentlichkeit angeht, wissen wir es nicht so genau. Wir hoffen, dass sie die Medien gelesen hat. (Lacht)
Bei einer Podiumsdiskussion wird ein «Blick über den Röstigraben hinaus» geworfen. Was können die Medienprofis der Romandie von ihren Deutschschweizer Kolleginnen und Kollegen lernen?
Ich glaube, wir haben viel von der Deutschschweiz zu lernen. Jenseits der Saane sind die Journalistennetzwerke besser organisiert. Es gibt auch neue Medien, die entstehen, wie zum Beispiel die «Hauptstadt» in Bern, mit interessanten Ansätzen in Sachen Journalismus und Finanzierung. Wir würden davon profitieren, mehr Brücken zu unseren Deutschschweizer Kolleginnen und Kollegen zu schlagen, um von ihrer Erfahrung zu lernen und, warum nicht, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Tatsache, dass wir Biel als Festivalort gewählt haben, ist gerade ein Signal in ihre Richtung, daher hoffen wir, dass sie dabei sein werden.
«Wir hätten sehr gerne ein zweisprachiges Festival gehabt»
Das Festival findet zwar in Biel statt, richtet sich aber klar an die Romandie. Wäre eine zweisprachige Veranstaltung eine Option für Sie?
Wir haben uns diese Frage natürlich gestellt, und wir hätten sehr gerne ein zweisprachiges Festival gehabt. Aber mit allem, was für eine Erstausgabe bereits aufgestellt werden musste, war es zu kompliziert.
Wird das Presstival nach dieser Ausgabe fortgeführt?
Wenn Sie das Team der Freiwilligen jetzt fragen, riskieren Sie, dass sie in Ohnmacht fallen! (Lacht) Die Krise des Journalismus wird sich nicht von einem Tag auf den anderen lösen, also ja, man müsste diese Arbeit offensichtlich fortsetzen. Wir werden erst mal sehen, wie diese erste Ausgabe verläuft, dann treffen wir eine Entscheidung. Aber ja, natürlich hätten wir Lust darauf. Und warum nicht, gerade eine zweisprachige Veranstaltung, die Romands und Deutschschweizer zusammenbringt?