26.11.2019

Tamedia wird TX Group

Mehr Druck auf Arbeitsbedingungen befürchtet

Tamedias Mediengeschäft wird ab 2020 keine Kernkompetenz des Konzerns mehr. Die Gewerkschaft Syndicom und der Berufsverband Impressum sehen den Entscheid kritisch – und fordern nun vermehrt Investitionen in den Journalismus.
Tamedia wird TX Group: Mehr Druck auf Arbeitsbedingungen befürchtet
«Wir spüren, dass die Nervosität bei den Arbeitnehmenden hinsichtlich des Drucks auf die Stellen und die Arbeitsbedingungen zunimmt», sagt Christian Capacoel von Syndicom gegenüber persoenlich.com. (Bild: tamedia.ch)
von Loric Lehmann

Tamedia wandelt sich von einem Medienunternehmen zu einem Tech-Konzern. Das bedeutet, dass der Stellenwert der Medien im Unternehmen sinkt. Wie sich das auf die Arbeitssituation der Redaktionsmitarbeitenden auswirkt wird, wollte persoenlich.com von Gewerkschaft und Berufsverband wissen.

Für Christian Capacoel, Mediensprecher der Gewerkschaft Syndicom, ist die Umstrukturierung keine neue Entwicklung. «Aber es ist kein gutes Zeichen für die Druckabteilungen und die Medientitel.» Seit längerem sei es so, dass auf Abbau und Sparen gesetzt werde, diese Neuankündigung führe dies aber noch weiter.

Rendite-Druck auf Medientitel werde zunehmen

«Wir spüren, dass die Nervosität bei den Arbeitnehmenden hinsichtlich des Drucks auf die Stellen und die Arbeitsbedingungen zunimmt», so Capacoel gegenüber persoenlich.com. Dies komme auch daher, dass sich Tamedia der durch Gesamtarbeitsverträge abgesicherten Sozialpartnerschaft entziehe. «Wir können uns vorstellen, dass mit dieser Neustruktur der Rendite-Druck auf die einzelnen Medientitel noch zunimmt, obwohl Tamedia alleine im letzten Jahr über 120 Millionen Franken Gewinn gemacht hat.»

Die Namensänderung deutet Capacoel, dass die Verpflichtung hinsichtlich der Medien kein Kerngeschäft mehr sei. «Das sind aus unserer Sicht keine guten Zeichen für die Mitarbeitenden und die Medienlandschaft. Tamedia hat Dutzende von Medientitel aufgekauft und ist massgebend für die Ausdünnung der Medienvielfalt in der Deutschschweiz und in der Romandie verantwortlich.»

«Voraussetzungen für Verkauf geschaffen»

Michael Burkard, Zentralsekretär des Schweizer Berufsverband von Journalistinnen und Journalisten, mutmasst, dass mit dieser Umstrukturierung die Voraussetzungen geschaffen werden, die Mediensparte von Tamedia einst abstossen zu können. «Das wäre aber ein Albtraum, denn wir uns nicht zu träumen trauen», sagte Burkard gegenüber persoenlich.com.

Ein Verkauf der Medientitel wäre laut Burkard für das ganze System extrem heikel. Er betonte aber, dass solche Thesen zum jetzigen Zeitpunkt nur Spekulation seien. «Allerdings wollen wir Tamedia nicht nur kritisieren, sondern möchten auch betonen, dass wir die Entwicklung zu mehr internationaler Zusammenarbeit bei Recherchen begrüssen.»

Arbeitsbedingungen für freie Journalisten inakzeptabel

Impressum fordert ebenfalls, dass die Arbeitsbedingungen für Medienschaffende sich nicht noch mehr verschlechtern. Dabei müsse vor allem ein Augenmerk auf die regelmässigen freien Journalisten, die mit der Tamedia zusammenarbeiten, gelegt werden. «Deren Arbeitsbedingungen haben sich bereits in einem nicht mehr akzeptablen Ausmass verschlechtert», so Burkard.

Laut einer später herausgegeben Mitteilung von Impressum erwartet der Verband, dass Tamedia verstärkt in den Journalismus investierte. Die digitalen Marktplätze von Tamedia selbst hätten dazu beigetragen, «dass die redaktionellen Medien die meisten ihrer Anzeigen- und Rubrikenkunden verloren haben», heisst es in der Mitteilung von Dienstagnachmittag.

Gewinne sollen Journalismus stützen

«Es ist höchste Zeit und gerechtfertigt, dass nun die Gewinne aus digitalen Marktplätzen den immer noch hervorragenden Journalismus bei Tamedia wirtschaftlich stützen. Immerhin hat der Journalismus dem Unternehmen milliardenhohe Gewinne beschert und damit den Aufbau der digitalen Marktplätze erst ermöglicht», lässt sich Urs Thalmann, Geschäftsführer von Impressum, in der Mitteilung zitieren.



Kommentar wird gesendet...

Kommentare

  • Victor Brunner, 26.11.2019 18:03 Uhr
    IMPRESSUM erwartet Investitionen in den Journalismus, frommer Wunsch. Boselli und Schaffner müssen liefern und zwar Cash, da ist ein weiterer Ausbau an der Werdstrasse nicht geplant. Tendenz, mehr Freelancer, mehr Kooperation mit anderen Zeitungen, schnellere und flottere Schreibweise. Tiefe Recherche ist dann beim Ponyhof an der Werdstrasse nicht mehr erwünscht und die Journis winken alles ab was Boselli von ihnen will. Die Sorge um den monatlichen Eingang auf dem Bankkonto ist grösser als das Berufsethos. Supino hat ja vor einiger Zeit 128 MitarbeiterInnen den Tarif durchgegeben als diese für eine saubere Artikelstruktur eintraten, da Redaktion, da Marketing! So wird Böniger nächstens für eine Fastfood-Kette schreiben, Frau Binswanger für eine Firma die Sport BHs vertreibt, Rutishauser macht vielleicht in der SZ einen Bericht über einen gesponsorten Abend im HAEVEN und Frau Wittwer macht ein Interview mit UBS CEO Ermotti wo er auch UBS Produkte anbieten kann. Einige profilierte Journis klopfen noch bei REPUBLIKoder WOZ an, aber die schwimmen auch nicht im Geld, möglicherweise gibt es dann eine Kolumne "On the road mit Binswanger + Binswanger". Und ca 2040 gibt es eine Sonderausgabe des Magazin mit dem Titel: Als dem Tages-Anzeiger der Journalismus abhanden kam!
  • Robert Weingart , 26.11.2019 16:19 Uhr
    Der Abbau der Qualität des Journalismus geht an der Werdstrasse offenbar einher mit dem Streben nach maximalen Gewinnen.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Anzeige
Zum Seitenanfang20200924

Die Branchennews täglich erhalten!

Jetzt Newsletter abonnieren.